Es ist üblich Gesprächspartnern ein Interview zur Freigabe zu schicken. Wenn es Journalisten jedoch zu bunt wird, drucken sie schon mal nur die Fragen oder schwärzen – wie hier die "Taz"  – die beanstandeten Passagen (c) taz.dietageszeitung
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Es ist üblich Gesprächspartnern ein Interview zur Freigabe zu schicken. Wenn es Journalisten jedoch zu bunt wird, drucken sie schon mal nur die Fragen oder schwärzen – wie hier die "Taz" – die beanstandeten Passagen (c) taz.dietageszeitung
Medien

Zwischen Politik und Presse ist vieles Vertrauenssache

Politiker, die bei der Interviewfreigabe auf Zeit spielen, Journalisten, die dem Charme eines Politikers erliegen: Wo fängt das Vertrauen zwischen den beiden Seiten an, wo endet es?

von Markus Decker

Es ist mehr als 15 Jahre her, dass ich gemeinsam mit einem Kollegen vom "Kölner Stadt-Anzeiger" eine sozialdemokratische Ministerin des damals rot-grünen Kabinetts interviewte. Das Gespräch war nicht besonders ergiebig. Wir versuchten jedoch, beim Redigieren das Beste daraus zu machen. Und dann warteten wir. Ja, wir warteten zum Nervöswerden lange – bis eine halbe Stunde vor Redaktionsschluss endlich der Text eintraf, bei dessen Anblick wir unseren Augen nicht trauten. Denn die Ministerin, ihre Pressestelle oder beide hatten keinen Stein auf dem anderen gelassen. Nahezu jede Antwort hatten sie umgeschrieben, so dass außer Polit-Stanzen nicht viel übrig blieb. Von einem Nachrichtenwert ganz zu schweigen.

Wir hätten diese Fassung des Interviews ablehnen können, ja müssen. Doch es war zu spät. Die Kollegen in der Redaktion hatten im Layout so viel Platz für das Interview freigeschaufelt, dass sie es so kurzfristig nicht mit etwas anderem hätten füllen können. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf. Der Text rutschte – unverdientermaßen – ins Blatt. Die Ministerin hatte gewonnen. Vielleicht hatte sie sogar bewusst bis auf den letzten Drücker gewartet, also auf Zeit gespielt. Wir wissen es nicht.

Nun agieren nicht alle Spitzenpolitiker auf diese Weise. Im voranschreitenden Online-Zeitalter ist es ohnehin so, dass Lücken wie auf dem Papier im Netz nicht existieren, weshalb Online-Redaktionen auch nicht gezwungen sind, sie hektisch zu füllen. Die Episode belegt aber, was der ehemalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) in seinem jüngst erschienenen Buch "Regieren" schreibt: "Insgesamt ist das Verhältnis zwischen Ministern" – er hätte auch schreiben können: Politikern – "und Journalisten kompliziert. Man kann am besten damit umgehen, wenn sich jeder seiner Rolle bewusst ist und es keine Übergriffigkeiten gibt."

Zunächst einmal gibt es in Deutschland anders als in angelsächsischen Ländern bei Wortlaut-Interviews die Autorisierungspraxis. Sie ist nirgends kodifiziert. Sie hat sich historisch entwickelt und hat ebenso viele Vorteile wie Nachteile. Der Nachteil ist fraglos ein Mangel an Authentizität und Direktheit. Der Vorteil ist, dass Interviewer und Interviewte am Text feilen können. Denn nicht alle Abgeordneten und Minister reden druckreif – so wenig wie alle Journalisten. Da ist die Autorisierung im Interesse der Beteiligten wie der Konsumenten. Auch können Redaktionen Fragen nachliefern, wenn sich zwischen dem Zeitpunkt des Interviews und seiner Veröffentlichung noch etwas Entscheidendes verändert hat. Das ist nicht zuletzt im Sinne von Wochenzeitungen und Magazinen. Allein dass im Prozess der Autorisierung ein ganz neuer Text entsteht und alles Authentische entweicht, ist nicht im Sinne des Erfinders.

Längst üblich ist mittlerweile auch, dass Politiker nicht nur Interviews autorisieren, sondern auch Zitate in aktuellen Debatten oder Versatzstücke von Porträts – soweit diese Versatzstücke als Sätze im Gespräch unter vier Augen gefallen sind, etwa während einer Reisebegleitung. Freilich werden die Sätze in aktuellen Debatten heute kaum mehr von Politikern selbst gesprochen. Sie werden in deren Büros formuliert und vermittelt und zuweilen weiteren Redaktionen zur Verfügung gestellt, meist mit dem Hinweis, dass sie nicht mehr exklusiv seien. An all dem ist nichts Verwerfliches. Lediglich die Autorisierung kompletter Texte sollte für Redaktionen tabu sein. Sie wäre gleichbedeutend mit Selbstzensur – und das Ende der Pressefreiheit.

Theoretisch tabu ist die Verwendung von Informationen aus Hintergrundgesprächen. Allerdings sickert dann und wann doch etwas durch – mit mitunter gravierenden Folgen. So ließ der damalige SPD-Vorsitzende Kurt Beck im Februar 2008 im kleinen Kreis und mit Blick auf die verworrene politische Lage in Hessen anklingen, dass er sich dort eine Kooperation mit der Linken vorstellen könne – zu jener Zeit ein verdammt heißes Eisen, da die SPD-Spitzenfrau Andrea Ypsilanti etwas anderes angekündigt hatte. Der anwesende Hamburger SPD-Spitzenkandidat für die nahende Bürgerschaftswahl, Michael Naumann, geriet zu Unrecht in den Verdacht, derlei auch in der Hansestadt in Erwägung zu ziehen. Naumann verlor die Wahl. Beck galt fortan als Problemfall.

Je mächtiger das Medium, desto eher kann es Bedingungen diktieren

Was immer mal wieder vorkommt: dass Politiker vor Interviews schon genauer wissen wollen, worum es geht. Zuweilen wird dem stattgegeben, zuweilen nicht. Ich kann mich erinnern, dass die Sprecherin einer Bundesbehörde die Fragen an ihre Chefin tatsächlich sechs Wochen vorher (!) begehrte. Wir haben die Anfrage dann zurückgezogen. Etwas anderes wäre schon aus Gründen der journalistischen Selbstachtung gar nicht in Betracht gekommen.

Generell ist wie im richtigen Leben auch im Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten das allermeiste Vertrauenssache – wobei Vertrauenssache nicht Kumpanei meint. Aber es macht in der konkreten Zusammenarbeit eben doch einen erheblichen Unterschied, ob sich die Beteiligten kennen oder ob sie sich nicht kennen. Ferner spielt eine gewisse Rolle, was de Maizière mit den Worten umschreibt: "Journalisten finden Minister (sprich: Politiker) sympathisch oder unsympathisch. Und das Gleiche gilt auch umgekehrt." Und schließlich hat eine eher linksliberale Zeitung zu Politikern von SPD, Grünen oder Linken einen besseren Zugang als eine eher konservative Zeitung – während "Bild", "Welt" und "FAZ" in der Regel besser mit der Union können. So what?

Eine weitere Faustregel lautet: Je einflussreicher und damit mächtiger das Medium, desto eher kann es die Bedingungen der Kommunikation diktieren. Das Gefälle können Politiker am besten dadurch ausgleichen, dass sie selbst einflussreich und mächtig sind. Umgekehrt sitzen auch die Politiker öfter am längeren Hebel. Die Kanzlerin zum Beispiel nutzt ihre Macht gern, indem sie Zeitungen stets dann ein Interview gibt, wenn in deren Verbreitungsgebiet gerade eine Landtagswahl ansteht. Heißt auch: keine Wahl, kein Interview.

Derlei Mechanismen aus allzu Menschlichem, aus ideologischen und aus machtpolitischen Erwägungen gelten in Lokalredaktionen im Prinzip genauso wie im Berliner Regierungsviertel, und sie sind so lange unproblematisch, wie in Medien und zwischen Medien Pluralismus herrscht. Es ist darüber hinaus in anderen Bereichen des beruflichen Lebens nicht anders, zwischen Ärzten und Patienten etwa. Ein Arzt wird mit einem ihm menschlich angenehmen und seit längerem bekannten Patienten nicht so verfahren wie mit einem Menschen, der zum ersten Mal in seinem Wartezimmer sitzt. Das ist bloß normal.

Einen bedeutenden Unterschied gibt es dennoch: Während nichts dagegenspricht, dass sich Arzt und Patient anfreunden, sollten Politiker und Journalisten das tunlichst vermeiden. Der Politiker aus Gründen des Selbstschutzes und um von kritischen Berichten nicht enttäuscht zu werden. Der Journalist, um seinen Job richtigmachen und "zubeißen" zu können, wenn es nottut. Gefälligkeitsjournalisten nimmt sowieso niemand ernst, am Schluss auch nicht jene, denen sie zu Gefallen sein wollen. Und Journalisten, die schon mal dem Charme Karl-Theodor zu Guttenbergs erlegen oder eine Weile im "Schulz-Zug" mitgefahren sind, sollten seither skeptischer sein. Politiker sollten wissen: Jeder Hype geht zu Ende. Oft ist das Ende nicht schön.

Zwischen Politikern und Journalisten hat sich etwas verändert

Tatsächlich sind Freundschaften zwischen Politikern und Journalisten deshalb eher selten – und da, wo es sie gibt, gehen sie immer mal wieder in die Brüche, wenn eine Affäre oder ein Skandal dazwischenkommen oder sich sonst die Zeitläufte ändern. Die "Flüchtlingskrise" und das Erstarken der AfD hat scheinbar Festgefügtes brüchig erscheinen lassen. Ich jedenfalls habe manche Politiker im Zuge dessen auf Positionen wiedergefunden, auf denen ich sie nicht vermutet hätte – und fand das manchmal enttäuschend. Das Beste für alle ist, wenn das Verhältnis zwischen beiden Seiten unter Spannung steht. Wo die Spannung dauerhaft fehlt, ist etwas faul.

Wer mit in Deutschland akkreditierten ausländischen Korrespondenten spricht, der merkt schließlich sehr schnell, dass deutsche Hauptstadtkorrespondenten relativ privilegiert sind. Längst nicht überall sind Abgeordnete und Minister so zugänglich wie bei uns. Längst nicht überall haben Journalisten Zugang zu Pressekonferenzen oder können Interviews führen. In Deutschland schon.

Unterdessen hat sich zwischen Politikern und Journalisten natürlich etwas Entscheidendes verändert. Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete Christoph Bergner sagte in seinem kleinen Büro mal den treffenden Satz, in Berlin eine Pressemitteilung zu verschicken, das sei ungefähr so, "wie eine Flaschenpost in die Spree zu werfen". Der Mann hat recht. Besser gesagt: Er hatte recht. Denn ein Politiker, der sich heute Gehör verschaffen will, der schreibt keine Pressemitteilung mehr. Der setzt einen Tweet ab. Und wenn er mehr loswerden will, als in 280 Zeichen passt, dann verlinkt er bei Twitter auf seinen Facebook-Account, wo die Zeichenzahl unbegrenzt ist.

Selbstredend verstärkt es das Gewicht seiner Aussagen sowie meistens auch die Reichweite, wenn ein Politiker seine Botschaft über eine renommierte Zeitung loswerden kann – in Berlin hat sich dafür die hässliche Formulierung "ein Thema spielen" eingebürgert. Doch er ist auf klassische Medien nicht mehr zwingend angewiesen. Er kann die klassischen Medien auch via Facebook und Twitter korrigieren oder sie gar attackieren. Die Konsumenten können diesen Prozess live verfolgen und bei Bedarf aktiv eingreifen. Das ist neu. Und es zwingt alle in einen Lernprozess.

Es ist nicht immer leicht, dem Charme eines Politikers zu entgehen. Eines meiner einprägsamsten Erlebnisse hatte ich im Mai 2017 mit dem heutigen Grünen-Vorsitzenden Robert Habeck. Er stand, wie immer lässig gekleidet, im Vorfeld der schleswig-holsteinischen Landtagswahl auf dem Wochenmarkt von Elmshorn und verteilte Flyer in der Nähe eines Altenheims. Und was soll ich sagen? Die des Weges kommenden alten Damen, die den geschniegelten und gebügelten FDP-Wahlkämpfer ein paar Meter weiter keines Blicks würdigten, himmelten Habeck an, ausnahmslos. Ja, es war ein Schuss Erotik im Spiel, und es war nicht die Erotik der Macht. "Das haben Sie bestellt, oder?", fragte ich. "So ist es immer", antwortete Habeck.

Es klang – bei aller professionellen Distanz – ziemlich überzeugend.

Markus Decker (c) Bnew/Mike Froehling
Markus Decker

ist Korrespondent im Hauptstadtbüro des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND). (Foto: Bnew/Mike Froehling)