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Praxis

Aktives Zuhören als Mittel der politischen Kommunikation

Die politische Debatte polarisiert sich zunehmend. Um sie wieder konstruktiver zu gestalten, braucht es eine Kultur des aktiven Zuhörens.

von Adrian Sonder

Das Konzept des aktiven Zuhörens wurde durch den US-amerikanischen Psychologen Carl Rogers geprägt. Es beschreibt das Zuhören als eine Form der Empathie, die einen proaktiven Charakter hat. Der Zuhörer wird dabei vom reinen Informationsempfänger zum Akteur. So kann er der Gegenseite Verständnis entgegen bringen und eine persönliche Beziehung zu ihr aufbauen.

Dieser Beziehungsaufbau zwischen Politik und Bürgern scheint in Deutschland gestört zu sein. Demonstrationen und Ausschreitungen wie in Chemnitz und Köthen sind Ausdruck einer solchen Störung. Die politischen Reaktionen auf solche Ereignisse zeugen oft von einer gewissen Hilflosigkeit. Es scheint das Wichtigste zu sein, möglichst schnell zu antworten, Lösungen zu präsentieren und die Deutungshoheit zu erlangen. Dabei ist es eine Mär zu glauben, dass die Bürger sofort eine politische Lösung wollen. Sie wollen vor allem gehört und verstanden werden. Parteien, Politiker und zivilgesellschaftliche Gruppen nehmen sich diesen Umstand immer mehr zu Herzen. Das zeigen folgende Beispiele:

  1. Haustürwahlkampf

Im letzten Bundestagswahlkampf haben fast alle Parteien auf den Tür-zu-Tür-Wahlkampf gesetzt. Damit haben sie eine Methode angewandt, die in vielen anderen Ländern schon seit Jahrzehnten zum festen Repertoire des Wahlkampfs gehört. Und auch die Wirkungsforschung hat in diesen Ländern deutliche Effekte der Tür-zu-Tür-Methode nachgewiesen.

Wichtig wäre es jedoch, nicht nur in Wahlkampfzeiten von Tür zu Tür zu gehen, sondern auch während der Legislaturperiode. Im Wahlkampf will man durch Tür-zu-Tür vor allem Wähler mobilisieren. Außerhalb eines Wahlkampfs könnte man sich mehr dem aktiven Zuhören widmen und dadurch eine langfristige Verbindung zu den Menschen aufbauen. 

  1. Zuhörtour

Nach ihrer Wahl zur CDU-Generalsekretärin tingelte Annegret Kramp-Karrenbauer im Rahmen ihrer Zuhörtour durch ganz Deutschland. Damit griff sie das Bedürfnis der CDU-Mitglieder auf, gehört zu werden. Ein Parteimitglied ist am Ende des Tages Nutzer eines Produkts. Um die Qualität dieses Produkts einschätzen zu können, muss der Nutzer befragt werden. An dieser Stelle ist das aktive Zuhören essenziell. Nur auf diesem Weg kann das Produkt weiterentwickelt werden. Sonst wenden sich die Nutzer irgendwann von der Partei ab. Dieses Prinzip gilt für alle Parteien.

  1. Debattencamp

Auch die SPD etabliert neue Formate, um auf die Bedürfnisse ihrer Mitglieder einzugehen. Zu diesem Zweck organisierte sie im November ein Debattencamp. Jedes SPD-Mitglied konnte vorab an der Gestaltung der Veranstaltung mitwirken und sich Gehör verschaffen. An beiden Tagen nahmen mehr als 1.000 Mitglieder an dem Programm teil. Beim Debattencamp wurden konkrete Themen vorgegeben. Hier wäre es lohnenswert, wenn die SPD das Veranstaltungsformat thematisch offener gestaltet. Außerdem sollte es eine Veranstaltungsreihe geben, die nicht nur in Berlin stattfindet, sondern in ganz Deutschland.

  1. Diskutier Mit Mir

"Diskutier Mit Mir" ist eine Plattform für politische Streitgespräche. Sie fördert den Dialog zwischen Menschen, die nicht einer politischen Meinung sind. Mit ihrer Plattform wollen die Initiatoren erreichen, dass sich Menschen austauschen und besser verstehen. Es ist wichtig, dass Möglichkeiten zum Dialog und zum Zuhören geschaffen werden. Sie können dazu beitragen, dass wir uns wieder mehr miteinander als übereinander unterhalten.

Diese vier Beispiele zeigen, dass Zuhören ein höchst effektives Mittel ist, um Wähler, Parteimitglieder und Bürger auf verschiedene Art und Weise einzubinden. Zuhören hilft dabei, die Präferenzen der jeweiligen Nutzer besser zu verstehen und die richtigen Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Es schafft Vertrauen und baut langfristige Verbindungen auf. Vor diesem Hintergrund sollten sich politische Akteure wieder mehr dem Zuhören widmen.

Hier ein paar praktische und einfache Gedankenstützen für politisch Handelnde:

  • Befragen Sie Ihre Parteimitglieder oder Wähler zu relevanten bundes- oder lokalpolitischen Themen – am Infostand oder auf Facebook. Hierbei wird es zunehmend wichtiger, auf die Partikularinteressen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen einzugehen. Diese Form des Targeting ist eine der Hauptherausforderungen moderner politischen Kommunikation.  
  • Gehen Sie auf Parteimitglieder und Bürger zu – sonst warten Sie in der heutigen Zeit vergebens. Klopfen Sie an Haustüren oder laden selbst zum Umtrunk oder Grillen ein. Gehen Sie nicht nur dorthin, wo es angenehm ist. Gehen Sie in sozialschwache Gebiete, sprechen Sie die Bürger gezielt an. Laden Sie Kritiker zum Gespräch ein.
  • Beantworten Sie Kommentare auf Facebook oder anderen sozialen Medien selbst. Dadurch schaffen sie Authentizität in der Kommunikation und lernen mehr über die Ansichten von Followern, Bürgern und Wählern. Sie erreichen heutzutage einen signifikanten Anteil von Menschen nur noch via Online-Kommunikation. Haben Sie Mut und schaffen Sie neue Formate auf Facebook und anderen sozialen Medien, bei denen sich die Nutzer zu Themen äußern können.  
  • Nehmen Sie sich ausreichend Zeit für Gespräche mit den Bürgern vor Ort. Diese merken, wenn sie nicht ernst genommen und abgespeist werden. Gezielte Zuhör- oder Bürgerdialogformate sind effizienter als die Teilnahme an passiven Großveranstaltungen.
Adrian Sonder (c) privat
Adrian Sonder

ist Blogger und persönlicher Referent des Bundestagsabgeordneten Kai Whittaker (CDU). Bei den Bundestagswahlen 2013 und 2017 war er für dessen Kampagne verantwortlich. In den vergangenen Jahren hat er Kommunal- und Landtagswahlkämpfe begleitet. (Foto: privat)