Bundes­kanzlerin Angela ­Merkel spricht ­während der ­Debatte über den deutschen Haushalt 2021 im Deutschen Bundestag Ende ­September. (c) picture alliance/AP Photo/Markus Schreiber
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Bundes­kanzlerin Angela ­Merkel spricht ­während der ­Debatte über den deutschen Haushalt 2021 im Deutschen Bundestag Ende ­September. (c) picture alliance/AP Photo/Markus Schreiber
Merkels Rhetorik

Worte auf der Goldwaage

Angela Merkel gilt nicht als begnadete Rednerin. Seltsamerweise begegnet einem dieses Vorurteil in der Berichterstattung vor allem dann, wenn die Kanzlerin gerade wieder eine gute Rede gehalten hat. Eine Analyse

Frank Hartmann

Derzeit hören die Menschen wieder genau hin, wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht. Die Corona-Krise hat das Land fest in ihrem Griff. Führung ist gefragt. Kommunikation ist immer wichtig in der Politik. In Krisen aber gewinnt sie eine entscheidende Bedeutung. Angela Merkel hat zu Anfang der Pandemie lange gewartet, bis sie ihre Autorität in die Waagschale geworfen hat. Jetzt im Herbst wendet sich die Kanzlerin ungewohnt oft an die Bevölkerung.

Wenn besonders begabte Redner in der Politik aufgezählt werden, ist Merkel nie dabei. Andere Spitzenpolitiker wie der ehemalige US-Präsident Barack Obama schaffen es, Menschen mit ihren Worten aus den Sitzen zu reißen. Die Bundeskanzlerin ist dagegen eine Meisterin der feinen Klinge. An ihren Reden konnte man das schon immer sehen. Das sei hier an vier ausgewählten Reden gezeigt, die Merkels Karriere geprägt haben. Dabei kristallisiert sich auch eine Weiterentwicklung der Politikerin heraus, die in ihren Reden zunehmend Gefühle gegen vermeintliche Sachzwänge eintauscht.

Der Aufstieg

Wie gelingt es, für die höchste zu vergebende Stelle wahrgenommen, ja sogar gebraucht zu werden? Natürlich sind die passende Situation und taktisch kluges Agieren wichtig. 
Bei Angela Merkel kam im Jahr 2000 noch ein drittes Element hinzu: Worte finden zu können, die nicht verletzen, sondern ermutigen. Welche Rolle dabei eigene Grundwerte spielen, dazu später mehr.

Zunächst von Anfang an: 1999. Frau Dr. Angela ­Merkel hatte sich als Generalsekretärin in der Parteispenden­affäre für die Ablösung der Partei von Helmut Kohl ausgesprochen. Damit hatte sie sich selbst indirekt an die Spitze ihrer Partei gestellt. Wenige Monate später wurde Merkel zur Vorsitzenden gewählt und sollte die CDU für 18 Jahre führen. 

Wie hat sie das geschafft in so kurzer Zeit: In der eigenen Partei auffallen, Skeptiker überzeugen und Anhänger begeistern, um dann vorgeschlagen und auch noch gewählt zu werden? Damals gab es noch nicht den Gedanken, es wäre einmal Zeit für eine Frau. Im Gegenteil: Die Physikerin aus dem Osten ohne politische Hausmacht musste überzeugen. Und das tat sie. Mit ihrer Bewerbungsrede für den CDU-Vorsitz auf dem Parteitag am 10. April 2000 eroberte Merkel die Herzen der CDU-Mitglieder.

Die Partei mit einer Rede erobert

Damals sagte Merkel kämpferisch: "Wir wissen, nur auf der Basis von Wahrheit und Klarheit kann wieder neues Vertrauen wachsen." Gemeint war der Neuanfang nach der Parteispendenaffäre. Wer die Rede heute, 20 Jahre später, hört, der wird sich vielleicht wundern über den Mut Angela Merkels, ihre Zuversicht, ihre Begeisterung und ansteckende Ausstrahlung, ihren zupackenden Optimismus.

"Wir wissen um den Wert der Freiheit". Merkel während ihrer Rede als neue CDU-Parteivorsitzende am 10. April 2000 auf dem Parteitag in Essen. Sie erhielt 95,94 Prozent der Stimmen und wurde als erste Frau an die Spitze der Christdemokraten gewählt. (c) picture-alliance/dpa/Martin Athenstädt

Aber diese Eigenschaften allein würden sicher nicht gereicht haben! Die Antwort ist einfach: indem man die eigene Biografie und die eigenen Überzeugungen glaubhaft mit den Werten verknüpft, die eine Partei im Wesen ausmachen. Genau so ging Angela Merkel damals vor. Mutig erinnerte sie die CDU an ihre freiheitlichen Grundwerte und machte sich dabei selbst zum Thema. Sie verknüpfte ihre eigene, ganz persönliche Erfahrung aus der DDR mit dem Geburtsmotiv der CDU.

Erlebbares und sinnstiftendes Storytelling würden wir heute dazu sagen: 

"Die CDU wurde nach 1945 als eine Antwort auf die Erfahrung mit einem totalitären Regime gegründet. Diese Erfahrung liegt für den Westen schon über ein halbes Jahrhundert zurück. Für all die, die aus dem Umbruch der DDR zur CDU gestoßen sind, ist diese Erfahrung noch ganz frisch (…). Damals, 1989, sind wir aufgebrochen (…). Mich zog es in den demokratischen Aufbruch. Und der Name war Programm (…,) große Neugier auf das Neue. Einem Freund habe ich damals in sein Buch geschrieben: Geh ins Offene! Was ist das für eine Aussicht, geh ins Offene, in die Freiheit, in eine neue Zeit! Dabei hatten wir eine ganz klare Gewissheit: Die Freiheit, die Demokratie ist ein Gut, das gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Daran hat sich nichts geändert. Wer wie ich in der DDR gelebt hat, der weiß, dass Politik gegen die Natur des Menschen ein Frevel ist. Wir wissen um den Wert der ­Freiheit."

Merkels Grundüberzeugungen und ihre Erfahrung mit der diktatorischen DDR bestimmen ihr politisches und kommunikatives Handeln bis heute. Ihre Rede damals war eine Rede für die Freiheit: zukunftsweisend, mutmachend, optimistisch und mitreißend.

Merkel wird zur Marke

Selten ist Merkel nach 2000 in ihren Reden wieder so emotional geworden. Doch ein Ereignis gab es und das kann als Höhepunkt ihrer Karriere gelten. Barack Obama zeichnete Angela Merkel 2011 mit der Freiheitsmedaille – der "Medal of Freedom" – aus, der höchsten zivilen Auszeichnung des Präsidenten der USA. Zur Preisverleihung lud Obama die Bundeskanzlerin in den Rosengarten des Weißen Hauses und feierte sie: 

"Wir würdigen Angela Merkel nicht nur, weil man ihr die Freiheit verweigerte, sondern dafür, was sie mit ihrer Freiheit erreichte. Sie war entschlossen, endlich Mitsprache zu haben und ging in die Politik. Sie stieg auf und wurde die erste Ostdeutsche, die an der Spitze eines vereinten Deutschlands steht. Die erste Bundeskanzlerin in der deutschen Geschichte und eine eloquente Stimme für die Menschenrechte und die Würde weltweit."

"Viele Jahre von der Freiheit ­geträumt". Nach der Verleihung der Freiheits­medaille spricht Merkel 2011 im Garten des Weißen ­Hauses in Washington (USA) zu den Gästen. Im Vordergrund ­sitzender Präsident der ­Vereinigten Staaten, Barack Obama, und seine Frau ­Michelle. (c) picture alliance/dpa/Rainer Jensen

Merkel antwortete damals in ihrer Dankesrede mit ­Storytelling: 

"Sehr geehrter Herr Präsident, lieber Barack und liebe Michelle Obama, das erste politische Ereignis, an das ich mich aus meiner Kindheit bewusst erinnere, ist der Bau der Berliner Mauer vor 50 Jahren. Ich war damals 7 Jahre alt. Dass Erwachsene, auch meine Eltern, vor Fassungslosigkeit weinten, hatte mich tief erschüttert. ( …) Ich bin im unfreien Teil Deutschlands, der DDR, aufgewachsen. Viele Jahre habe ich, wie viele, viele andere, von Freiheit geträumt – auch von der Freiheit, in die USA zu reisen. . Ich hatte mir das sehr fest vorgenommen für den Tag, an dem ich das Rentenalter erreiche. (…) Aber dass ich einmal im Rosengarten des Weißen Hauses stehen würde und von einem amerikanischen Präsidenten die Freiheitsmedaille empfangen würde, das lag jenseits aller meiner Vorstellungskräfte. Und glauben Sie mir, diese Auszeichnung ist ein wirklich sehr bewegender Moment. (…) Und ich danke Ihnen ganz persönlich, Herr Präsident, lieber Barack. Sie sind ein Mann mit starken Überzeugungen. Sie berühren mit Ihrer Leidenschaft und Ihren Visionen für eine gute Zukunft die Menschen — auch in Deutschland."

Die eigene Geschichte mit Thema, Anlass und Erfahrungswelt der Zuhörer zu verknüpfen, das ist die Kraft von Storytelling. Angela Merkel hat in den Momenten, die für sie wichtig waren, sich selbst und ihre Geschichte zur sinnstiftenden Marke gemacht. Der Aufbruch in die Freiheit ist Merkels Grundmotiv und die Würde jedes Menschen eine ihrer wichtigsten Überzeugungen. Angela ­Merkels Reden sind in den Höhepunkten ihrer Karriere von Pathos geprägt, wie damals im Rosengarten des ­Weißen Hauses.

Verwaltung der Macht

Im TV-Studio vor laufender Kamera gibt es aber jene statischen Momente, für die Angela Merkel auch bekannt ist. Jene Momente, die geprägt sind von der Künstlichkeit der Medienproduktion und ihren unberechenbaren Live-Situationen. 

Rufen wir uns daher noch einmal Merkels Schlusswort im TV-Wahl-Duell mit dem damaligen Kanzlerkandidaten der SPD, Martin Schulz, in Erinnerung. Merkel beschwört die Herausforderungen, die vor uns liegen. Aber nicht wie im Jahr 2000 als eine offene Zukunft, die wir selbst gestalten, sondern als Bedrohungslage. Sie formuliert, worauf es ihr ankommt in der für sie inzwischen typischen Wortwahl:

"Wir müssen jetzt die Weichen für die Zukunft stellen. Durch den digitalen Fortschritt wird sich vieles ändern (…). Arbeitsplätze, die heute sicher erscheinen, müssen weiter sicher gemacht werden. Die Bildung muss umgestellt werden. Wir müssen die Bürgerinnen und Bürger mit Blick auf den Staat mit neuen Möglich­keiten des digitalen Zugangs zu ihrem Staat ausrüsten."

Merkels Lieblingswort zur Verwaltung der Macht ist "müssen". Mit "wir müssen" formuliert man das zwingend Notwendige, will man nicht mit den negativen Konsequenzen leben, wenn es anders käme. Das ist Merkel Imperativ. So zum Beispiel müssen wir alle essen, trinken, schlafen und so weiter. Das Zwingende aber bei nicht Notwendigem zu verwenden, wirkt unangenehm. 

"Wir ­müssen". Angela ­Merkel und Martin Schulz beim TV-Duell im ­Studio Adlershof in Berlin, 2017. (c) picture alliance/dpa

Wir erinnern uns an ein anderes Wort aus derselben Bedeutungsecke: "alternativlos". Das zweite Lieblingswort der Kanzlerin wurde bereits 2010 von der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) zum "Unwort des Jahres" erklärt. Zur Begründung hieß es: "Das Wort suggeriert sachlich unangemessen, dass es bei einem Entscheidungsprozess von vornherein keine Alternativen und damit auch keine Notwendigkeit der Diskussion und Argumentation gebe. Behauptungen dieser Art sind 2010 zu oft aufgestellt worden, sie drohen, die Politikverdrossenheit in der Bevölkerung zu verstärken."

Wie würde sich die Bundeskanzlerin in einer wirk­lichen Bedrohungslage verhalten? Wie ihre Rhetorik darauf hin anpassen? Würde das Zwingende und Alternativlose in Sprache, Denken und Handeln Merkels noch zwingender und alternativloser werden?

Merkels Rhetorik in der Krise

Am 30. September ist es so weit. Das neuartige Corona­virus kommt in einer zweiten Welle zurück. Die Infektions­zahlen steigen. Die Lust der Menschen auf Masken sinkt. Was ist zu tun? Wird die Politik wieder mit einem erneuten Shutdown reagieren? Diesmal bezieht Angela ­Merkel den Deutschen Bundestag mit ein. Sie will, ja muss (!) überzeugen, um weiter Zustimmung zu erhalten. Dieses Mal versucht sie es menschlicher:

"Denn alle Regeln, Verordnungen, alle Maßnahmen nützen wenig bis nichts, wenn sie nicht von den Menschen angenommen und eingehalten werden. Und deshalb müssen wir reden (…) mit Worten, die möglichst viele erreichen und dazu bitte ich Sie um ihre Mithilfe. Denn wir müssen die sich wieder verschlechternde Situation ernst nehmen. Wir alle müssen die Gefahren erklären, und wir müssen damit ein Bewusstsein schaffen für die schwierige Lage, die die kältere Jahres­zeit mit sich bringt."

Langer Applaus. Wieder erleben wir Merkels "müssen", diesmal als Appell, als Ermahnung an die Abgeordneten, ja an alle, die zuhören, die bedrohliche Krise durch Aufklärung und verantwortliches Handeln zu meistern. Merkels Politikverständnis dabei: Sie macht Vorgaben und die Zivilgesellschaft folgt. Doch so einfach ist es nicht, weitere mahnende Worte sind nötig – wieder mit Storytelling:

"Wir erleben zurzeit, wie die Vorsicht nachlässt, wie sich alle wieder nach Nähe sehnen (…). Das spüre ich selbst; da geht es mir nicht anders als anderen. (…), dass man immer schauen muss, wie verhalte ich mich jetzt. Diese Spontanität an der Begegnung mit anderen Menschen vermisse ich am meisten. So ist es. Ich glaube wir alle möchten die Spontanität, die Unbefangenheit zurückhaben. Wir alle möchten das Leben, wie wir es kannten, zurückhaben, und natürlich wollen das ganz besonders die jungen Leute in unserem Land. Aber wir riskieren gerade alles, was wir in den letzten Monaten erreicht haben. Wir dürfen es nicht zulassen (…), dass wieder ein sterbender Mensch im Krankenhaus oder im Pflegeheim mutterseelenallein sterben muss, weil seine Liebsten ihm zum Abschied nicht die Hand reichen können." 

Lang anhaltender Applaus. Aber wie setzt die Kanzlerin ihr Storytelling hier ein? Richtig: als Einwandvorwegnahme. Merkel zeigt zwar zunächst Verständnis und öffnet sich. Wir alle möchten das Leben, wie wir es kannten, zurück. Hier kommt es besonders auf das Aber an. Es zeigt wieder das Eigentliche, das Zwingende an: "Aber, wir riskieren gerade alles, was wir in den letzten Monaten erreicht haben. Wir dürfen es nicht zulassen (…)." Doch wer zwingt Frau Merkel, außer sie selbst? Wer verwandelt das nicht Notwendige in ein Notwendiges – außer sie selbst? Frau Merkel stellt ihre Vorstellung, wie unsere Gesundheit zu schützen ist – nämlich durch Shutdowns –, über unser aller Bedürfnisse, sogar ihre eigenen. Dazu gibt das Pandemiegesetz keine Grundlage – schon gar nicht dauerhaft. Sie hätte sich Alternativen ansehen können, in Schweden, Südkorea oder Taiwan. Statt andere Meinungen produktiv in die Debatte einzubringen, macht sie ihre Vorstellung zum einzig richtigen Weg. Der Shutdown der Corona-Krise wird zur Krise des Denkens und des Redens.

Wie anders klang noch die Angela Merkel mit ihrem Optimismus der Nullerjahre. Sie hätte wohl gerade jetzt im Angesicht der Gefahr eine Rede für die Freiheit, für neue Technologien, für neue Ideen gehalten: zukunftsweisend, mutmachend, optimistisch und mitreißend. Ungefähr so: "Wer wie ich in der DDR gelebt hat, der weiß, dass eine Politik gegen die Natur des Menschen ein Frevel ist. Wir wissen um den Wert der Freiheit."

Frank Hartmann

ist Rhetorik-Coach und berät mit seinem Trainerteam Fach- und Führungskräfte aus Politik und Wirtschaft. (Foto: Iris Woldt)