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Foto: Thinkstock/Leonard Mc Lane
Medien

Wer will, wer will, wer spart noch nicht?

Im Einmaleins der kostenscheuen Verleger lautet die oberste Regel: Willst du Geld sparen, so gründe eine Zentralredaktion. Das ist demokratietheoretisch bedenklich – und betriebswirtschaftlich riskant.

von Viktoria Bittmann

Ob eine immer kritischer werdende Leserschaft bereit ist, für Austausch-Inhalte Geld auszugeben, darf bezweifelt werden. In den Management Boards hat sich diese Erkenntnis aber offenbar noch nicht herumgesprochen. Im Gegenteil: Zentralredaktionen werden als das Schweizer Taschenmesser im Werkzeugkasten der Verlage verkauft.

Beispiel Funke: Im August ist die Zentralredaktion der Mediengruppe an den Start gegangen. Funke bezeichnet das 50-köpfige Team, in dem – natürlich! – "riesige Aufbruchsstimmung und große Freude" herrscht, als "Brückenkopf der Regionalmedien in die Hauptstadt". Unter der Leitung von Chefredakteur Jörg Quoos und Digital-Chef Thomas Kloß entstehen Artikel zu überregionalen Themen aus Politik und Wirtschaft sowie Wissens- und Panoramaseiten. Die Geschichten erreichen laut Verlag etwa vier Millionen Leser.

Die Madsack-Mediengruppe hat ihr "Redaktionsnetzwerk Deutschland" (RND) schon 2013 gegründet. In einem PR-Film schwärmt RND-Chef Matthias Koch von einer "qualitativen Flughöhe", die ein einzelner Titel nicht erreichen würde. Der Verlag lässt seinerseits nackte Zahlen sprechen: Die Zentralredaktion mit Sitz in Hannover und Korrespondentenbüro in Berlin beliefert 30 Tageszeitungen mit zusammen 3,4 Millionen Lesern.

Für sendungsbewusste Politiker, Pressesprecher und Lobbyisten ist das ein Traum: Um 7,4 Millionen Menschen zu erreichen, müssen sie exakt zwei Journalisten sprechen – einen von Funke und einen von Madsack. Reporter wiederum, die für eine Zentralredaktion arbeiten, bekommen einfacher denn je eine Interviewzusage.

Die Folgen dieser Zentralisierung aber sind fatal für die Medienvielfalt. Selbstverständlich behaupten die Verlage, dass jedes Haus Artikel der Zentrale an regionale Bedürfnisse anpasse. Wenn in der Fläche aber keine Ressourcen dafür zur Verfügung stehen, gehen "one fits all"-Geschichten unverändert in den Druck. Die charakteristische Note eines Blatts geht so schnell verloren. Da hilft es auch nicht, wenn Zeitungen den Korrespondenten der Zentrale irreführend als "unseren Mann in Berlin" bezeichnen.

Dass die Medienkrise Managern wie Journalisten Kostenbewusstsein abverlangt, ist unbestritten. Die Verlage sollten ihr Geld statt in technisch hochgerüstete und stylish möblierte Medien-Schaltzentralen aber besser in kritische Köpfe in der Fläche investieren. Gab es 1954 laut BDZV noch 225 Tageszeitungen in Deutschland, waren es 2014 nur noch 129. Dieser Trend lässt sich nicht umkehren und nicht um jedes Blatt ist es schade. Wirklich dramatisch ist etwas anderes: In immer mehr Zeitungen steht dasselbe.

Viktoria Bittmann

ist leitende Redakteurin von politik&kommunikation.