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International

Sanders Erfolgswelle

Alle behaupten, es zu haben; niemand weiß, wie man es bekommt; oder gar, was es eigentlich ist: politisches Momentum

von Yussi Pick

Bernie Sanders wird nicht der nächste Präsident der USA. Es gibt nicht viele Sicherheiten im Leben, aber das ist eine. Sanders, der im Senat als parteiunabhängiger Politiker aus dem nordöstlichsten Bundesstaat Vermont dient, ist seit wenigen Wochen ein Kandidat um das demokratische Präsidentschaftsticket. Er ist nicht nur wegen seines Alters (73), seines schrulligen, wenig fernsehtauglichen Auftretens oder wegen seines Abstands zur Mitbewerberin ein unwahrscheinlicher Kandidat, sondern vor allem wegen seiner politischen Einstellung: Er bezeichnet sich selbst als "demokratischen Sozialisten".

Dennoch ist er im Moment ein ernstzunehmender Faktor im demokratischen Wettbewerb. Denn er hat Momentum. Über Wahlkampfveranstaltungen im ganzen Land wird berichtet, er hätte mehr Zustrom als erwartet. Dreitausend Menschen und "standing room only" in Minnesota etwa. Oder in Iowa, wo bereits E-Mails von anonymen "prominenten FunktionärInnen" zitiert werden, die mysteriös meinen: "Might be something going on out here."

Iowa ist der erste Bundesstaat, in dem die Vorwahlen mit dem Caucussystem – also keine Urnenwahlen sondern Ortsgruppenparteitage – stattfinden. 2008 konnte Barack Obama in Iowa als Außenseiter durch geschicktes Organizing die Favoritin auf den dritten Platz verweisen. Dementsprechend nervös ist das Clinton-Team. Der Begriff Momentum ist zwar schwammig, aber eines weiß man bestimmt: Erwartungen nicht zu erfüllen, lässt Momentum abschwingen. Während Sanders also auf einer Welle von Momentum schwimmt und ihn – wo Tauben sind, fliegen Tauben zu – mehr und mehr Menschen als ernsthaften Kandidaten sehen, versucht Clinton die Erwartungshaltung zu bremsen: Abseits von amtierenden Präsidenten hätte es noch nie eine KandidatIn geschafft, mehr als 50 Prozent beim Caucus in Iowa zu erreichen.

Und so hat Sanders plötzlich Momentum, das er nutzen kann, um Clinton’s Hand in seinen Themen – Einkommensgerechtigkeit, Klimawandel und Kampagnenfinanzierung – zu zwingen. Dazu ist er in den Wahlkampf eingestiegen. 

Ein erstes Opfer von Sanders Momentum gibt es auch schon: Die "Run, Warren, Run"-Kampagne. Die Kampagne gab sich optimistisch, weil ihr Ziel, progressive Themen in den Wahlkampf zu bringen, erreicht wurde. Doch das eigentliche Ziel, nämlich die progressive Senatorin aus Massachusetts zur Kandidatur zu überreden, werden die Initiatoren wohl nicht mehr erreichen, so die beiden in einem Zeitungskommentar.