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Foto: Villa Massimo

Rhetorikcheck: Navid Kermani

In seiner Festrede reflektiert Schriftsteller Navid Kermani im Bundestag historisch einordnend und sehr persönlich die 65-jährige Geschichte des Grundgesetzes. Rhetorikcoach Frank Hartmann analysiert für p&k seine Rede.

von Frank Hartmann

Die Sprache von Gesetzen kann recht trocken sein. Doch für den Gastredner und Orientalisten Navid Kermani sind die ersten Sätze des Grundgesetzes sprachlich nur vergleichbar mit der Luther-Bibel: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Die Rolle des Staates kehre sich erstmalig um in eine dienende, so Kermani in seiner Festrede zum 65. Jahrestag der Verkündung des Grundgesetzes.

Die Artikel des Grundgesetzes beinhalten Appelle und Bekenntnisse, die 1949 noch lange nicht Wirklichkeit waren. Die Zustimmung zur eigenen Verfassung war noch in den 50er Jahren gering ausgeprägt, sagt Kermani. 42 Prozent der Deutschen sehnten sich nach dem Kaiserreich: "Wie froh müssen wir sein, dass am Anfang der Bundesrepublik Politiker standen, die ihr Handeln nicht nach Umfragen, sondern nach Überzeugungen ausrichteten" – langer Applaus! Für Kermani ist die Wirklichkeit der poetischen Kraft des Wortes gefolgt.

Kermani stellt aber auch die Frage nach der Würde des Staates: "Wann und wodurch hat Deutschland nach sechs Millionen ermordeten Juden seine Würde wiedergefunden?" Für Kermani war es der Kniefall von Warschau. Würde durch einen Akt der Demut. Willy Brandt hat Größe gezeigt, indem er vor den Opfern auf die Knie ging. Kermani findet sehr schöne Formulierungen für Gefühle, die viele an diesem Tag empfinden: "Leise Tränen des Stolzes auf eine solche Bundesrepublik, sie ist das Land, das ich liebe! Eine Nation, die am eigenen Versagen gereift ist."

Der Sohn einer iranischen Arzt-Familie, die nach Deutschland eingewandert ist, diagnostiziert den Seelenzustand unserer Nation. In seiner Rede spricht er von der Sehnsucht zurück nach dem Normalen, die viele heute empfinden. Doch gab es dieses Normale überhaupt? Kant, Heine, Büchner, Nitschze haben unter anderen mit Deutschland gehadert und sahen sich eher als Europäer und Weltbürger. Und auch hier gilt für Kermani der Satz Willy Brandts: "Durch Europa kehrt Deutschland heim zu sich selbst."

Doch auch Unbequemes ist für den Gastredner kein Tabu. 1993 bekam der Artikel 16 des Grundgesetzes mehr als 200 Ergänzungsworte, die das Asylrecht so erschwerten, dass es fast abgeschafft wurde. "Snowden ist einer von Ihnen, viele ertrinken im Mittelmeer, während wir jetzt hier reden!". Betroffenes Schweigen bei den Abgeordneten im Saal.

Danke Deutschland!

Kermani bewundert aber auch die Integrationsleistung Deutschlands: "Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist innerhalb einer Generation, Kriegsflüchtlinge mit eingerechnet, eingewandert." Er spricht davon, dass viele gekommen sind im Wissen um Artikel drei des Grundgesetzes: "Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden." Kermani spricht ebenso mutig das Unschöne an, ordnet es aber auch: "Nicht im Namen von Djamaa Isu, der sich aus Angst, in einen Drittstadt abgeschoben zu werden, in einem Asylberwerberheim in Eisenhüttenstadt erhängte, aber im Namen von vielen Millionen Menschen, der Gastarbeiter und ihrer Kinder … im Namen meiner 26-köpfigen Einwanderer-Familie … sage ich: Danke Deutschland!"

Fazit: Eine sprachlich anspruchsvolle und zugleich schöne Festrede, die historisch einordnend und persönlich die 65-jährige Geschichte des Grundgesetzes reflektiert und uns unsere gemeinsame Identität als ein Land mit großer Integrationsleistung aufzeigt. Kermanis Rede ermahnt uns aber auch, dass es mutige Politiker braucht, die jenseits von Umfragen ihren Überzeugungen mit der Kraft des Wortes Ausdruck verleihen!

Mimik, Gestik, Körpersprache:
Lebendiger Ausdruck:
Redeaufbau: