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Foto: Laurin Schmid
Interview

"Bonn ist so weit weg. Das ist wirklich Archäologie"

15 Jahre nach dem Hauptstadtumzug diskutieren Johannes Neukirchen, Dieter Wonka und Dieter Wiefelspütz im dritten und letzten Teil unseres Streitgesprächs über Berliner Hintergrundkreise und provokante Bürgeranfragen.

Von Nicole Alexander und Viktoria Bittmann

Herr Wonka, Sie haben in Berlin einen eigenen Hintergrundkreis, "Die Provinz". Hatten Sie schon einmal Herrn Neukirchen zu Gast?

Wonka: Nein, wir laden keine Interessenvertreter ein … (stutzt). Wobei, das stimmt nicht. Natürlich laden wir den Vorsitzenden des DGB ein oder den Vorstandsvorsitzenden von BMW. Das sind beide Interessenvertreter. Auch Herr Wiefelspütz als SPD-Abgeordneter ist ein Interessenvertreter.

Wiefelspütz: Sehr richtig. Ich vertrete die Interessen des Volkes. (lacht)

Wonka: Genau. Lassen wir es mal so stehen. Natürlich laden wir auch Interessenvertreter ein. Wir sind ja auch Interessenvertreter.

Wiefelspütz: Ihres Verlages?

Wonka: Wenn Sie für das Volk sprechen, sprechen wir für das deutsche Publikum.

Neukirchen: Sehr gut.

Wiefelspütz: Mich bezahlt mein Volk. Und wer bezahlt Sie?

Wonka: Auch mein Volk. (Alle lachen)

Herr Wonka, sind journalistische Hintergrundkreise wichtiger oder weniger wichtig geworden seit 1999?

Wonka: Die klassischen Hintergrundkreise sind heute deutlich weniger wichtig. In Bonn gab es eine Handvoll Kreise; wenn man da drin war, hat man alles gewusst. Man hat aber vieles nicht geschrieben, weil es unter drei, also vertraulich, war. Dafür war die Qualität der Nachbetrachtung durch die Presse unglaublich groß. In Berlin ist es genau umgekehrt. Das liegt nicht nur an der Aufweichung der Hintergrundkreise, sondern auch an der veränderten Medienlandschaft. Heute werden die meisten Dinge schon beschrieben, bevor sie überhaupt gedacht, geschweige denn ausgearbeitet oder gar beschlossen wurden. Das ist der Preis unserer Mediendemokratie. Und die Plauderneigung und -fähigkeit …

Neukirchen: Twitter!

Wonka: … hat ungemein zugenommen. Ich kenne Kollegen, die während eines Treffens in einem kleinen, überschaubaren Hintergrundkreis dem politischen Gegner des Gastes eine SMS schicken: Der Herr X sagt gerade, dass Frau Y ein Rad abhat. Dann bekommt der Kollege eine Antwort per SMS und gibt sie an den Gast weiter, der darauf reagiert. Dieser trilaterale Dialog aus vertraulichen Hintergrundkreisen hat etwas Abenteuerliches. Vertraulichkeit ist heute eigentlich nur noch im Gespräch zwischen zwei, maximal drei Personen möglich.

Wiefelspütz: Ich stimme Ihnen ausdrücklich zu. Wir haben hier in Berlin ein Höchstmaß an Transparenz. Geheimnisse gibt es nicht mehr, es sei denn, es sind Vier-Augen-Geschichten. Ansonsten herrscht eine Geschwätzigkeit, in der man alles wiederfindet, nur nicht das, was wirklich wichtig ist. Es wäre eigentlich die Aufgabe von gutem Journalismus, analytisch zu begreifen, wo die Trends sind, was sich wirklich tut …

Wonka: (unterbricht) … Das ist unsere Überlebensgarantie.

Wiefelspütz: Das setzt aber Qualitätsjournalismus voraus, dem es nicht nur darum geht, irgendwelches Gequatsche wiederzugeben. Da muss man analytische Kraft besitzen, muss man schreiben können.

Herr Wiefelspütz, auch Sie führen manchmal eine spitze Feder. Auf eine polemische Anfrage auf Abgeordnetenwatch schrieben Sie beispielsweise: "Warum soll ich mich mit solchem Blödsinn auseinandersetzen? Ersparen Sie mir weitere Fragen. Mit gerade noch freundlichen Grüßen, Dr. Dieter Wiefelspütz, MdB."

Wiefelspütz: Wenn man mir in den Bauch tritt, schlage ich zwar nicht in gleicher Weise zurück, aber ich kann sehr temperamentvoll werden. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die der Auffassung sind, dass man sich beleidigen lassen muss. Da kann ich ziemlich deutlich werden. Meine Kollegen haben mir oft gesagt: Den Mut, den du hast, den hätte ich nicht.

Gab es vergleichbar kritische Bürgeranfragen auch schon zu Bonner Zeiten oder ist das in gewisser Weise ein Phänomen der Berliner Republik?

Wiefelspütz: Ich denke, das ist ein Phänomen des Internets. Das gab es in der Bonner Zeit natürlich nicht in dieser Form. Grundsätzlich halte ich die Möglichkeiten, übers Internet zu kommunizieren, für sehr positiv. Demokratie heißt ja ganz wesentlich Kommunikation. Und jede Möglichkeit, die Distanz zwischen Bürgern und gewählten Politikern zu vermindern, finde ich gut. Aber diese Möglichkeiten haben natürlich Schattenseiten. Ein Beispiel: Jemand meint, mich auf Abgeordnetenwatch zu meiner Haltung zur Vorratsdatenspeicherung fragen zu müssen, obwohl meine Antwort dort längst steht. Zudem ist der Ton im Internet häufig sehr rotzig. Wer einen solchen Ton anschlägt, der muss mit mir rechnen.

Herr Wonka, Sie haben einmal gesagt, dass sich Abgeordnete früher mehr Müßiggang erlauben konnten. Was haben Sie damit gemeint?

Wonka: Wenn ich das nur auf Abgeordnete bezogen habe, dann war das nicht ganz richtig, denn es betraf oder betrifft natürlich auch Journalisten. Müßiggang ist hier gar nicht abfällig gemeint, denn gelegentlich muss man ja auch nachdenken über das, was man anrichtet – ob durch Beschluss oder einen Artikel. Heute wird oft über Gesetze abgestimmt, die der Abgeordnete gar nicht verstanden hat. Während der Eurokrise gab es viele Abstimmungen, über die eine große Zahl von Abgeordneten definitiv nicht Bescheid wusste.

Neukirchen: Was sie auch zugegeben haben.

Wonka: Ich meine das auch gar nicht als Vorwurf. Wir Journalisten schreiben heute auch sehr viel häufiger über Dinge, die wir weder genau kennen noch wirklich verstanden haben. Denn der Druck, sich zu entscheiden, der Druck, sich zu äußern, der Druck, sich verhalten zu müssen …

Wiefelspütz: (unterbricht) Herr Wonka, der Arbeitsdruck in Ihrem Bereich, in meinem Bereich, im Bereich der gesamten Wirtschaft, der Arbeitsdruck ist überall größer geworden, das Tempo ist schneller geworden. Und deswegen ist das, was Sie beschreiben, ein Phänomen, von dem alle Beschäftigten in Deutschland betroffen sind.

Wonka: Ja, aber uns wird das Gott sei Dank bei nächster Gelegenheit im Internet um die Ohren gehauen, weil wir nicht mehr die Alleinbestimmer der politischen Kommunikation in Deutschland sind…

Wiefelspütz (unterbricht): Ist das denn schlimm?

Wonka: Nein, ich sage doch: zum Glück.

Herr Wonka, Herr Neukirchen, Herr Wiefelspütz, wir müssen leider zum Schluss kommen und möchten Sie bitten, ein abgewandeltes Heine-Zitat zu vervollständigen. Ganz kurz.

Wonka: Wir können nicht kurz, wir können nur lang.

Denk ich an Berlin in der Nacht, …

Wonka: Denk ich an Berlin in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht, weil das Leben auch in der Nacht bei mir vor der Haustür pulsiert. Und das finde ich gut.

Neukirchen: Denk ich an Berlin in der Nacht, denke ich an meine vielen, vielen Abend- und Nachttermine, die ich dienstlich zu bestreiten habe …

Wonka: Die armen Lobbyisten!

Neukirchen: … und die häufig sehr schöne und beeindruckende Kulturerlebnisse beinhalten.

Wiefelspütz: Auf diese Art arbeiten Sie also, das ist ja unglaublich!

Herr Wiefelspütz, wie würden Sie das Zitat von Heinrich Heine vervollständigen?

Wiefelspütz: Ich glaube, dass es gut ist, dass wir hier sind, in der Hauptstadt Berlin, und dass wir es im Großen und Ganzen ganz ordentlich machen.

Hier geht es zum ersten und zweiten Teil des Streitgesprächs über den politischen Alltag in Bonn, die politische Kultur in Berlin und Lobbyismus.

Johannes Neukirchen

ist 1940 in Koblenz geboren. Für Rheinland-Pfalz arbeitete der Ministerialdirektor a. D. von 1972 bis 1991 in Bonn und Brüssel. 1991 ging er zu BMW und führte ab 1999 die Berlin-Repräsentanz des Konzerns. Seit 2005 lobbyiert Neukirchen für die Lanxess AG. Foto: Laurin Schmid.

Dieter Wiefelspütz

wurde 1946 in Lünen geboren. Er machte auf dem zweiten Bildungsweg Abitur, studierte Jura in Bochum. Er arbeitete als Richter und Rechtsanwalt. Von 1987 bis 2013 saß er für die SPD im Bundestag. 13 Jahre lang war er innenpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Foto: Laurin Schmid.

Dieter Wonka

wurde 1954 in Kaufbeuren geboren. Seine journalistische Karriere begann er 1982 in Bonn bei der "Neuen Presse". Später schrieb er für den "Stern". Seit 1992 bei der "Leipziger Volkszeitung", beobachtet er als deren Chefkorrespondent das politische Berlin. Foto: Laurin Schmid.