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International

"Tierschutzkampagnen sind überall populär"

Nick Allardice ist globaler Kampagnenchef von Change.org. Im Interview mit p&k erklärt er, was die Petitionsplattform von anderen unterscheidet und wie eine Kampagne besonders erfolgreich wird.

von Eva Theil

Bis vor Kurzem war das Sammeln von Pfandflaschen am Hamburger Flughafen streng verboten. 97 Strafanzeigen stellte der Betreiber gegen die meist obdachlosen Flaschensammler – bis der Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer eine Petition startete. Er forderte den Flughafen dazu auf, alle Strafanzeigen zurückzunehmen und das Pfandflaschensammeln auf dem Gelände zu erlauben. Innerhalb von drei Tagen unterstützten fast 60.000 Menschen die Petition. Die Masse an Unterstützern brachte den Betreiber zum Umdenken. Flaschensammeln wurde umgehend erlaubt. Ein großer Erfolg für den Sozialarbeiter Stephan Karrenbauer, die Hamburger Flaschensammler und die Petitionsplattform Change.org.

Herr Allardice, bei Change.org kann jeder eine Petition starten. Kann das nicht auch ein Nachteil sein?

Nick Allardice: Nein, es ist vielmehr ein Vorteil. Jeder, der etwas verändern möchte, kann damit beginnen, indem er eine Petition startet. 30.000 Menschen auf der ganzen Welt machen das bereits jeden Monat. Dabei geht es ebenso um lokale Sorgen und Nöte wie um nationale oder internationale Probleme und Missstände. Durch diese hohe Anzahl unterschiedlicher Petitionen bildet sich eine riesige Gemeinschaft von mittlerweile 90 Millionen Nutzern, davon allein 3,5 Millionen in Deutschland.

Neben Change.org gibt es weitere Petitionsplattformen wie Avaaz oder openpetition. Was unterscheidet Change.org von diesen Plattformen?

Das Besondere an unserer Plattform ist der Zugang zu dieser großen internationalen Gemeinschaft und damit die Möglichkeit für Nutzer, weltweit Unterstützer für die eigene Kampagne zu gewinnen. Um sicher zu gehen, dass unsere Nutzer auf die beste Technik zurückgreifen können, haben wir 60 Programmierer in San Francisco, die täglich daran arbeiten, unsere Webseite zu verbessern. Andere Petitionsplattformen unterstützen Aktivisten und organisieren Kampagnen allerdings nur in Bereichen, die die Betreiber für wichtig halten. Bei uns ist alles auf die Unterstützung eines jeden Menschen angelegt. Da jeder eine Kampagne starten kann, finden sich bei uns Petitionen zu jedem Thema. Wir verfolgen einen zutiefst demokratischen Ansatz. Daher möchten wir jedem unserer Nutzer die Chance geben, etwas zu verändern anstatt unsere eigenen Vorstellungen von einer besseren Welt durchzusetzen.

Auf einer Plattform, die sich selbst als basisdemokratisch bezeichnet, besteht die Gefahr, dass auch Extremisten eine Petition starten wie jüngst im Fall von Pegida. Warum akzeptieren Sie auch solche Kampagnen?

Wir haben Richtlinien und Grundsätze, die Hetze und explizite Diskriminierung verbieten. Aber manchmal ist der Grat zwischen extremen und individuellen Ansichten schmal. Da wir uns aber als Plattform verstehen, die Demokratie fördert, müssen auch kritische Stimmen einen Platz bei uns bekommen. Natürlich trifft bei einer so großen Menge von Menschen auch eine Vielzahl verschiedener Meinungen und Ideologien aufeinander. Wir sind stets darum bemüht zu schauen, dass die Nutzung von Change.org weltweit offen und sicher ist und Menschen zu mehr Engagement befähigt. Außerdem appellieren wir an die Nutzer, Petitionen zu melden, die nicht mit unseren Grundsätzen vereinbar sind und in denen Menschen explizit diskriminiert werden. Die Anzahl unangemessener Petitionen ist im Vergleich jedoch verschwindend gering.

Politiker wie der bayerische Justizminister Winfried Bausback haben bereits Petitionen auf Ihrer Plattform unterstützt. Sind Petitionen mit prominenter Unterstützung erfolgreicher als andere?

Viele Kampagnen sind auch ohne prominente Unterstützung erfolgreich, aber es hilft zweifellos, wenn Prominente oder Politiker ihre Stimme für ein Projekt erheben.

Und wie stellen Sie den Dialog zwischen Bürgern und Entscheidungsträgern her?

Zurzeit arbeiten wir an einem Tool, das sich "Change.org für Entscheidungsträger" nennt. Es zielt darauf ab, einflussreiche Personen wie Minister oder Parlamentarier darüber zu informieren, welche Petitionen sie interessieren könnten. Dann haben sie die Möglichkeit, zu antworten und sich zu beteiligen. Außerdem versuchen wir als Organisation, Kontakte herzustellen und Entscheidungsträger darin zu schulen und aufzuklären, wie sie sich engagieren können. Dadurch schaffen wir ein noch besseres Netzwerk, von dem unsere Nutzer profitieren können.

Welcher Typ Politiker oder Prominenter eignet sich besonders gut als Unterstützer und treibende Kraft?

Das kommt auf die Kampagne an. Ein Großteil der Petitionen auf unserer Plattform sind lokale Projekte, die kleine aber wichtige Probleme thematisieren. Egal, ob eine Gemeinde die Abholzung von Bäumen im nahe gelegenen Park verhindern möchte oder die örtliche Schule für eine Solaranlage auf dem Schuldach kämpft. Dabei ist die Unterstützung des Bürgermeisters beispielsweise ebenso wichtig wie sein Engagement, in Kontakt mit den Bürgern und Initiatoren zu treten. Politiker, die nur Pressemitteilungen und Bilder, auf denen sie sich aktiv zeigen, veröffentlichen, werden häufig kritisiert – im Gegensatz zu Politikern, die auf Förmlichkeit weniger Wert legen und sich als echte Menschen zeigen, die auch mit anpacken können.

Wie werden bei Change.org Online- und Offline-Kampagnen verknüpft und gewichtet?

Der Großteil der Kampagnen findet ausschließlich im Netz statt. Der Online-Aktivismus hat in den vergangenen zehn Jahren einen immensen Aufschwung erlebt. Aber natürlich gibt es auch Petitionen, die allein durch Offline-Aktionen erfolgreich sind. Gute Kampagnen leben allerdings von Online- und Offline-Aktionen. Change.org-Petitionen sind eine Schnittstelle, die es dem Initiator überall möglich macht, eine Gemeinschaft für seine Kampagne zu mobilisieren. Durch das Netzwerk auf der Plattform können Nutzer über Online- und Offline-Aktionen informiert werden, sind somit stets am Prozess der Kampagne beteiligt und erhöhen so die Wahrscheinlichkeit, dass die Kampagne erfolgreich ist.

Welche Themen sind eher online beziehungsweise offline erfolgreich?

Lokale Petitionen sind meist erfolgreicher, wenn die Unterstützer dazu mobilisiert werden, auch Offline-Aktionen zu begleiten, denn vor Ort werden weitere Unterstützer aktiv. Die Themen erfolgreicher Kampagnen sind allerdings von Land zu Land unterschiedlich. Tierschutzkampagnen sind überall populär. Nutzer, die Tierschutzkampagnen unterstützen, machen 17 Prozent der Gemeinschaft auf Change.org aus. Sie sind auf der Plattform generell sehr aktiv. In Ländern wie Großbritannien und Australien beziehen sich die meisten Kampagnen hingegen auf die Rechte von Frauen. Im asiatischen Raum werden besonders viele Antikorruptionskampagnen gestartet. In Deutschland sehen wir gerade ein großes Engagement gegen Verpackungsmüll und für soziale Gerechtigkeit wie das Pfand-Beispiel zeigt. Für den Erfolg einer Kampagne ist vor allem wichtig, einen Nerv zu treffen und die Leute von der Idee zu überzeugen.