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Relativität der freien Zeit

2020 ist ein Schaltjahr. Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, was man mit dem Extra-Tag anfangen kann. Oder bleibt davon am Ende gar nicht so viel übrig?

von Judit Cech

Fünf Stunden, 48 Minuten und 46 Sekunden: Das ist der Grund, warum es Schaltjahre gibt. Denn so viel länger braucht die Erde, um die Sonne zu umkreisen, als die ihr zugestandenen 365 Tage pro Jahr. 2020 ist es wieder soweit. Rund fünf Millionen Menschen können in diesem Jahr endlich wieder am 29. Februar ihren Geburtstag feiern. Torsten Schweiger gehört dazu, Bundestagsabgeordneter der CDU und Jahrgang 1968. Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez wird in Schaltjahr-Rechnung zwölf. Alle anderen bekommen am 29. Februar zwar keinen extra-schönen Geburtstagskuchen, aber immerhin 86.400 Sekunden Extra-Zeit.

Wenn wir von einem zu wenig haben, dann ist es ja wohl Zeit. Laut "Fridays for Future" haben wir keine Zeit, zu diskutieren, wir müssen handeln. Parteien haben nach Wahlen keine Zeit, um Wunden zu lecken, sie müssen regieren. James Bond hat in seinem neuen Film 2020 sogar "keine Zeit zum Sterben". Und Ursula von der Leyen hat laut Radio Bremen gesagt, dass sie als Mutter von sieben Kindern "keine Zeit zum Trödeln" habe. Als neue EU-Chefin und in Angesicht des Brexits gilt das sicher erst recht.

2020 gibt es zwar einen Extra-Tag – mehr Zeit aber gibt es nicht. Zumindest nicht freie Zeit. Denn je nach Bundes­land fallen bis zu fünf zusätzliche Arbeitstage im Vergleich zum Vorjahr an. Der Tag der Deutschen Einheit fällt ebenso auf ein Wochenende wie der zweite Weihnachtsfeiertag. Das trifft auch auf regionale Feiertage zu: den Internationalen Frauentag, Reformationstag und Allerheiligen. Das ärgert die Arbeitnehmer, freut aber die Wirtschaft. Und die kann es laut Statistikern dringend gebrauchen, um etwas gegen den prognostizierten Abschwung zu tun.

Einige Parteien, allen voran Die Linke, fordern immer wieder einen Ausgleich für die "verlorene" freie Zeit: Feiertage, die auf ein Wochenende fallen, sollen in der Woche nachgeholt werden. Bislang konnte sie weder SPD und Union noch FDP und AfD überzeugen. Doch international gibt es Vorbilder: In Spanien, Polen, Kanada und Großbritannien zum Beispiel wird der Montag zum freien Tag erklärt, wenn ein Feiertag auf einen Sams- oder Sonntag fällt. In Belgien und Luxemburg legen die Unternehmen einen alternativen freien Tag fest. Und immerhin den Frauentag will ­Berlin ausgleichen, indem es den 8. Mai (Freitag) einmalig zum arbeitsfreien Tag erklärt: zum Gedenken an den "75. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus und der Beendigung des Zweiten Weltkriegs in Europa".

2020 bietet sich geradezu an, die Debatte um die Relativität der freien Zeit wieder aus der Versenkung zu holen. Vielleicht könnte man das ein für alle Mal klären. Immerhin gibt es dank des Schaltjahrs einen Extra-Tag, den man nutzen kann: ganze 86.400 Sekunden mehr Zeit.

Judit Cech (c) Laurin Schmid
Judit Cech

ist Redakteurin bei ­politik&kommunikation.