D
Foto: Julian Herzog/CC-BY 4.0
Politik

Führungsstile im Kanzleramt

Wie führten die sieben Vorgänger von Angela Merkel innerhalb der Regierungszentrale? Ein Vergleich.

von Georg Milde

Wer im Pressesaalfoyer des Bundeskanzleramts steht und die Porträts der bisherigen Regierungschefs in der sogenannten Kanzlergalerie betrachtet, der denkt unweigerlich über die unterschiedlichen Persönlichkeiten und Temperamente der sieben ehemaligen Bundeskanzler nach. Und dabei spielen auch die Struktur "ihres" Amts und das jeweilige Führungsverständnis eine zentrale Rolle – und zugleich eine gewissermaßen selbstdefinierte, die umso mehr über die jeweiligen Kanzler aussagt. Denn 1949 gab es bei der Gründung der Bundesrepublik keine "Blaupause", wie die zukünftige Regierungszentrale aussehen sollte. Damals schlug Hermann Pünder, während der Weimarer Republik als Mitglied des Zentrums Chef der Reichskanzlei, die Errichtung einer effektiv funktio­nierenden "Bundeskanzlei" vor, wie es dann unter der Bezeichnung Bundeskanzleramt auch geschah. Als notwendige Mitarbeitergröße wurde im Gründungsjahr die Zahl 120 plus zusätzliche Arbeitshilfen benannt. Hatte die neugegründete Behörde sodann zunächst rund 150 Mitarbeiter, erhöhte sich deren Zahl nach zwanzig Jahren auf etwa 250. Während der Kanzlerschaft von Willy Brandt stieg die Zahl auf rund 430 Mitarbeiter und pendelte sich danach bis heute bei rund 500 ein. Die Führungsstile der einzelnen Bundeskanzler unterschieden sich zum Teil deutlich:

Konrad Adenauer (1949/63)

Dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) ging es darum, in den frühen Jahren der jungen Bundesrepublik seinen Führungsanspruch auch administrativ zu untermauern. Sein Führungsstil im Bundeskanzleramt war stärker formal als informell geprägt, was nicht verwundert, da es ihm möglich war, die Strukturen auf diesen hin auszurichten. Adenauer wünschte von seinen Mitarbeitern knappe Vorlagen und bevorzugte überdies die mündliche Kommunikation. Nach drei Jahren im Amt schuf er die Funktion "Leiter des Kanzlerbüros", neben dem es einen Persönlichen Referenten des Bundeskanzlers gab. Zum wichtigsten Zuarbeiter Adenauers entwickelte sich schon bald der wegen seiner Vergangenheit nicht unumstrittene Hans Globke, der von 1953 bis 1963 als Staatssekretär Chef des Bundeskanzleramts und sein wichtigster Vertrauter war. Er beeinflusste den Zugang anderer zum Bundeskanzler, ohne dabei jedoch eine zu starke Filterfunktion auszuüben. Jeden Mittag machten die beiden einen Spaziergang durch den Park der Behörde, wo sie vieles miteinander besprachen. Bei internen Gesprächen war gegenüber Adenauer ein offener Ton möglich und der Bundeskanzler war in der Lage, seine Meinung zu überdenken und gegebenenfalls zu ändern.

Ludwig Erhard (1963/66)

Bundeskanzler Ludwig Erhard (CDU) stützte sich bei seiner Amtsführung vor allem auf Kanzleramtschef Ludger Westrick, der, zuvor Staatssekretär, ab 1964 den Rang eines Bundesministers hatte. Zunächst behielt er den Aufbau der Behörde bei, ließ jedoch später drei Abteilungen bilden – eine Struktur, die sich bis heute in den inzwischen sechs Abteilungen des Bundeskanzleramts fortsetzt. Die Abteilungsleiter nahmen von da an auch an den Sitzungen des Bundeskabinetts teil und wurden zudem von Erhard direkt herbeizitiert, was seine formlosere Herangehensweise im Vergleich zu seinem Vorgänger aufzeigt. Generell war Erhard kein Verwaltungsmensch, der Akten wälzte, sondern eher ein weniger auf Strukturen und bürokratische Effektivität setzender Individualist. Während seiner Kanzlerschaft wurde innerhalb des Bundeskanzleramts erstmals eine Planungseinheit geschaffen und das Ziel ausgegeben, mehr Wissenschaftler in den politischen Prozessen zu Rate zu ziehen.

Kurt Georg Kiesinger (1966/69)

Als Kurt Georg Kiesinger (CDU) im Dezember 1966 zum Bundeskanzler gewählt wurde, war dies die Zeit der einsetzenden Planungseuphorie, die Anfang der siebziger Jahre ihren Höhepunkt erreichen sollte. Er hielt die Arbeit der Behörde für verbesserungsbedürftig, sodass er verschiedene Veränderungen vornehmen ließ – etwa die Einrichtung eines Planungsstabs und die Schaffung der Funktion eines Parlamentarischen Staatssekretärs, die von Karl Theodor zu Guttenberg, dem Großvater des späteren Verteidigungsministers, übernommen wurde. Zudem plante er die Einrichtung eines offiziellen Kreises beratender Wissenschaftler und anderer hochkarätiger Externer. Kiesinger und sein erster Kanzleramts­chef Werner Knieper fanden persönlich nicht zuei­nander, zumal Letzterer nicht die Eigenarten des Bundeskanzlers, etwa dessen unterentwickeltes Interesse an der Aktenlektüre, ausglich – im Gegensatz zu seinem Nachfolger, dem späteren Bundespräsidenten Karl Carstens. Im politischen Alltag versammelte Kiesinger am Morgen seine Vertrauten um sich, zu denen neben dem Kanzleramtschef seine engsten Mitarbeiter, ausgewählte Abteilungsleiter sowie der Regierungssprecher und dessen Stellvertreter zählten. Der Bundeskanzler galt als Behörden-Skeptiker, der häufig nicht viel von der Arbeit der Mitarbeiter seines Apparats hielt. Kiesinger frustrierte es, wenn er tagelang auf Antworten aus seiner Behörde auf aus seiner Sicht einfache Fragen warten musste, zudem verfügte das Bundeskanzleramt nicht über angemessene Kapazitäten für das Überprüfen externer Vorschläge. So blieb die Regierungszen­trale im Laufe von Kiesingers Kanzlerschaft hinter dessen anfänglichen Plänen zurück.

Willy Brandt (1969/74)

Die Wahl von Willy Brandt (SPD) zum Bundeskanzler im Oktober 1969 stellte nach 20 Jahren Bestehen des Bundeskanzleramts die bis dahin größte Veränderung für die Behörde dar. Ungewohnt war schon die Tatsache, dass der neu gewählte Bundeskanzler zunächst die SPD-Parteizentrale und erst dann seinen neuen Apparat besuchte – von da an sollte die Vernetzung zwischen dem Amt und der größten Regierungspartei so eng wie nie zuvor werden. Der neue Kanzleramtschef Horst Ehmke (SPD) war noch vor seiner Ernennung bei seinem Vorgänger Karl Carstens (CDU) im Bundeskanzleramt erschienen und hatte eine Auflistung derjenigen, derer man sich aus seiner Sicht entledigen müsste, vorgelegt. Bei diesen vorgeschlagenen zwanzig Personalveränderungen auf den höheren Ebenen verwies Ehmke auf die Bedeutung der parteipolitischen Loyalität. Die übrigen Mitarbeiter verblieben in der Behörde, die jedoch um die enorme Zahl von 150 neuen Beamten und Angestellten ergänzt wurde. Zudem vergrößerte sich die Zahl der Abteilungen auf fünf, wobei dabei vor allem die neu geschaffene Planungsabteilung von Bedeutung war, in der unter anderem alle Projekte der Bundesministerien zentral erfasst wurden. Im Laufe der Zeit zeigte sich jedoch, dass Kanzleramtschef Ehmke einen beträchtlichen eigenen politischen Ehrgeiz entwickelte. So wurde er nach der Bundestagswahl 1972 durch den eher unscheinbaren Verwaltungsexperten Horst Grabert ersetzt und die Größe der Planungsabteilung reduziert. Am nächsten stand Brandt in der Folgezeit Egon Bahr als neuer Bundesminister für besondere Aufgaben im Bundeskanzleramt.

Helmut Schmidt (1974/82)

Als Helmut Schmidt (SPD) im Mai 1974 nach dem unerwarteten Brandt-Rücktritt zum Bundeskanzler gewählt wurde, setzte er bei der Nutzung des Bundeskanzleramts neue Akzente. Brandt-Vertraute wie Egon Bahr wurden nicht länger in der Regierungszentrale benötigt oder ihre Expertise, wie im Falle des Leiters der Planungsabteilung, Albrecht Müller, vom neuen Regierungschef nur noch wenig in Anspruch genommen. Schmidt war ein Pragmatiker, die Zeit der Planungseuphorie vorbei. Der von ihm ernannte neue Kanzleramtschef Manfred Schüler verfolgte den nüchternen Politikansatz des Bundeskanzlers. Statt politischer Ränkespiele sollten klare Prozesse im Mittelpunkt stehen. Schmidt und Schüler wurden durch Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski und Regierungssprecher Klaus Bölling ergänzt, mit denen sie das sogenannte "Kleeblatt" bildeten, den einflussreichsten Kreis des Bundeskanzleramts und der entscheidenden Runde für die Realisierung von Schmidts politischen Plänen. Das "Kleeblatt" war so effektiv, dass Schmidt ein halbes Jahr vor dem Ende seiner Kanzlerschaft 1982 Bölling und Wischnewski, die inzwischen andere Aufgaben übernommen hatten, zurück ins Kanzleramt holte.

Helmut Kohl (1982/98)

Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) fand nach den 13 Amtsjahren seiner sozialdemokratischen Vorgänger ein auf deren Bedürfnisse ausgerichtetes Kanzleramt vor. Sogleich berief er mit Horst Teltschik erstmals einen Nicht-Diplomaten an die Spitze der für Außenpolitik zuständigen Abteilung. Zugleich veränderte er den Zuschnitt der bisherigen Planungsabteilung hin zu einem Kommunikationsschwerpunkt im Sinne deren neuen Chefs, seines langjährigen Presseberaters Eduard Ackermann. Der neue Kanzleramtschef Waldemar Schreckenberger hatte wenig Fortune und wurde daher 1984 von Wolfgang Schäuble abgelöst. Von da an hatte der "ChefBK" wieder den Rang eines Bundesministers, den auch Schäubles Nachfolger Rudolf Seiters und Friedrich Bohl innehaben sollten – die beiden Letztgenannten verfügten jedoch über weitaus weniger eigenen politischen Ehrgeiz im Gegensatz zum aufstrebenden Schäuble. Kennzeichnend für den Arbeitsstil Kohls war die tägliche Morgenlage, in der er so hierarchieübergreifend wie kein anderer Bundeskanzler das politische Tagesgeschäft plante. Verwaltungsabläufe waren für ihn weniger bedeutsam als persönliches Vertrauen, und so kam es in den Anfangsjahren nicht selten vor, dass Kohl den Verfasser eines Vermerks persönlich anrief oder zu sich bestellte. In den späten Amtsjahren nach der Wiedervereinigung zog sich Kohl stärker in den Kreis seiner Vertrauten zurück.

Gerhard Schröder (1998/05)

Der Beginn der Amtszeit von Gerhard Schröder (SPD) war neben dem Regierungswechsel zur ersten rot-grünen Koalition geprägt vom baldigen Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin. Somit war Schröder der einzige Bundeskanzler, der nacheinander drei Amtssitze beziehen sollte: Ab 1999 diente das frühere Staatsratsgebäude als Übergangssitz, bevor 2001 das neuerrichtete Kanzleramt bezogen werden konnte. Das erste Jahr von Schröders Kanzlerschaft bedeutete vor allem Zurechtfinden in der neuen Regierungsverantwortung: Nach dem Rücktritt von Oskar Lafontaine als SPD-Chef und Bundesfinanzminister im Frühjahr 1999 erfolgte im Juli ein Wechsel an der Spitze des Kanzleramts: Bundesminister Bodo Hombach wurde von Frank-Walter Steinmeier abgelöst, der jedoch auch als neuer "ChefBK" seinen bisherigen Rang eines Staatssekretärs behielt. Unter seiner Leitung verliefen die Prozesse im Bundeskanzleramt ruhiger und geordneter – die Verwaltung gewann gegenüber der Politik wieder ihre stabilisierende Funktion. Dies war auch insofern wichtig, da Gerhard Schröder einen eher pragmatischen unbürokratischen Führungsstil pflegte, den Steinmeier als versierter Verwaltungskenner ergänzte – gemeinsam mit Schröders erfahrener Büroleiterin Sigrid Krampitz, laut "Spiegel" zu dieser Zeit "die mächtigste Frau Berlins". Hinzu kam schon 1998 die neue Funktion des beim Bundeskanzler angesiedelten Kulturstaatsministers.

Fazit

Wie lassen sich die Führungsstile der Bundeskanzler vergleichen? Vor allem fällt die Diversifizierung der Nutzung des Kanzleramts durch die jeweiligen Amtsinhaber auf. Kaum eine Behörde ist dermaßen stark auf ihren Spitzenakteur zugeschnitten, kaum ein Apparat wird so durch persönliche Schwerpunkte geprägt. Durch den wesentlichen Ausbau der Zahl der Mitarbeiter ist das Kanzleramt im Laufe der Jahrzehnte in jedem Fall von einem "Sekretariat" des jeweiligen Kanzlers, wie es zu Bismarcks Zeiten der Fall war, zu einer modernen Regierungszentrale geworden – die dortige Ansiedlung der Flüchtlingskoordination der Bundesregierung im vergangenen Jahr ist ein weiteres Zeichen dafür.

Georg Milde

ist Herausgeber von politik&kommunikation.