Foto: Getty Images/SIphotography
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Debattenkultur

Die schweigende Mitte

Die Debattenkultur ist in weiten Teilen unserer Gesellschaft kaputt. Was wir dagegen tun können und warum wir sie nicht den lauten Rändern überlassen dürfen, erklärt Felix M. Hauffe.

von Felix M. Hauffe

Unsere Debattenkultur ist ganz schön kaputt. Argumente fußen auf absichtlichen Missinterpretationen; wer angeblich moralisch argumentiert hat grundlegend Recht und überhaupt sind Schwarz und Weiß zu unseren Lieblingsfarben geworden.

Gleichzeitig wissen wir: Politik und Gesellschaft funktionieren nur, wenn offen kommuniziert werden kann; wenn unangenehmen Argumenten zugehört wird; und wenn entschieden, aber fair widersprochen werden darf. All dies scheint jedoch die Ausnahme geworden zu sein. Je lauter die eine Seite röhrt, desto härter keilt das andere Extrem zurück. Der öffentliche Debattenraum und der gesellschaftliche Diskurs wurden von Krawallmachern gekapert.

Wie wir um die besten Argumente ringen, wird jedoch nicht nur von lauten Rändern dominiert, sondern gleichermaßen von dem fehlenden Widerspruch aus der Mitte der Gesellschaft – dem fehlenden Korrektiv, dem fehlenden Einerseits und Andererseits.

Es ist kein neues Phänomen, dass jene, die in der Mitte stehen, gegen beide Ränder kämpfen müssen und am ehesten drohen, dazwischen zerrieben zu werden. So erging es beispielsweise in der Weimarer Republik den mutigen Mitgliedern des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Für das Gelingen der noch jungen Demokratie kämpften sie gegen die Kommunisten auf der einen und gegen die Nationalsozialisten auf der anderen Seite – und auch gegen die Monarchisten. Für viele von ihnen endete dieser Kampf in Unterdrückung oder dem Konzentrationslager. Glücklicherweise sind wir von damaligen Zuständen weit entfernt, doch gilt der Spruch "Wehret den Anfängen" jeden Tag.

Warum ist die Mitte der Gesellschaft also so unerhört leise? Weil es eine riesige Herausforderung ist, an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen zu müssen – und das oftmals öffentlich. Schnell ist eine Aussage aus dem Kontext gerissen, lustvoll negativ ausgelegt und bei Twitter in einem griffigen Tweet der gesamten Republik hingehängt. Von den einen danach als Nazi beschimpft, von den anderen als Gutmensch abgewertet. Welcher Mensch mit Interesse an Ausgewogenheit soll sich einer solchen Diskussion noch stellen?

In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit. Natürlich darf und muss man einem Argument genau auf den Zahn fühlen. Selbstverständlich kann man auch einfach vollkommen anderer Meinung sein und das glasklar äußern. Man kann ebenso mal über das Ziel hinausschießen. Ich nehme mich bei alldem gar nicht aus. Doch muss die Auseinandersetzung generell inklusiv und auf Verständnis ausgelegt sein. Der Streit im öffentlichen Raum ist hingegen zum Gegenteil einer inklusiven Debattenkultur geworden. Wer weder brüllt noch hochprofessionalisiert ist und seine Meinung kundtun möchte, ohne sich der Gefahr auszusetzen, in einen Strudel an Boshaftigkeit und Negativität gesogen zu werden, hat es schwer. Friss oder stirb.

Wir alle sind schon einmal Zeuge dieser Art von Debatte geworden. Jeder sah bereits, dass einer, der sich für Obergrenzen bei Flüchtlingen aussprach, pauschal als Nazi betitelt wurde. Auch haben wir alle schon gehört wie eine, die sich gegen die Rückführung einer gut integrierten Familie einsetzt, bedroht und beleidigt wurde. Alles keine Einzelfälle, alles Usus. Menschen werden entmenschlicht und schlicht auf eine zu kurz greifende Aussage reduziert, die man an einen Rand schieben kann. Das macht es so viel einfacher dagegen zu ätzen, anstatt sich mit der Aussage auseinandersetzen zu müssen oder in einen Dialog einzutreten. Bei alledem tut die zu oft auf Konfrontation ausgelegte Medienlandschaft ihr Übriges.

Was kann nun getan werden, um den extremen Rändern die Meinungsmache nicht zu überlassen? Die Antwort: Augen zu und durch. Die schweigende Mehrheit muss hörbar und sichtbar werden. Sie muss lernen, Anfeindungen auszuhalten und sich gleichzeitig Halt geben. Die Ränder mit ihren Einheitsmeinungen sind intern loyal zueinander. Diese Loyalität müssen wir uns in der Mitte für unseren Meinungspluralismus aneignen. Die Verschiedenartigkeit der Einstellungen und Argumente zu zelebrieren, sich uneins sein und dennoch auf ein Bier zu gehen und klar Stellung gegen extremistische Tendenzen zu beziehen, das darf nicht schwer sein, sondern muss zu unserem Alltag werden.

Als Daumenregel gilt: Je krasser der Widerspruch von beiden extremen Rändern, desto ausgewogener war das Argument.

Felix M. Hauffe

ist politischer Kommunikationswissenschaftler mit Schwerpunk in der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik. Derzeit arbeitet er als politischer Referent im Deutschen Bundestag. Zuvor war er im Rat der Europäischen Union und dem Europäischen Parlament tätig. (Foto: privat)