„Können wir das rausschneiden?“

Medien

Schon im Intro der aktuellen Polit-Doku-Serie „Macht auf Zeit“ formuliert Lars Klingbeil einen Gedanken, der den Zuschauern im Laufe der Serie wie dessen Mantra erscheinen wird. „Man ist ein sympathisches Gesicht, das heißt, die Leute sehen einen positiv“, sagt der heutige Bundesvorsitzende der SPD, zum Drehzeitpunkt noch Generalsekretär. „Aber das kann sich auch irgendwann mal ändern.“ Klingbeil wirbt im von ARD und SWR produzierten Film stark um die Gunst vor allem der jungen Zuschauer. Zumindest um die derjenigen, die der Ampel-Regierung grundsätzlich etwas abgewinnen können. Zum Beispiel, indem er Miriam Davoudvandi, die gemeinsam mit Jan Kawelke als Host durch die vierteilige Serie führt, kumpelnd das Du anbietet. Oder wenn er der Journalistin offen und im Plauderton erzählt, wie wenig er während des Wahlkampfes geschlafen hat. Oder wenn er ein Fußballtrikot aus dem Regal seines Büros zieht, das er von einer Bundestagskollegin geschenkt bekommen hat.

Klingbeil gibt sich in der Dokumentation so nahbar wie wohl nie zuvor – vielleicht war die Serie für den Politiker aber auch bloß die erste Chance, so ausführlich aus dem Nähkästchen zu plaudern. Neben Klingbeil sind es vor allem Ricarda Lang (Grüne) und Johannes Vogel (FDP), die in „Macht auf Zeit“ im Vordergrund stehen, Tilman Kuban (CDU), Katja Kipping (Linke) und Markus Frohnmaier (AfD) spielen eher Nebenrollen. Davoudvandi und Kawelke gehen mit den „Neugewählten“, wie die Doku übrigens zunächst auch geheißen hat, Käsekuchen essen, besuchen einen Buchladen und reden mit ihnen über die koreanische Erfolgsserie „Squid Game“.

Host Miriam Davoudvandi (l.) trifft den damaligen SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil an seinem großen Tag Anfang November 2021, an dem er bekannt gibt, für den Parteivorsitz zu kandidieren. (c) SWR
Host Miriam Davoudvandi (l.) trifft den damaligen SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil an seinem großen Tag Anfang November 2021, an dem er bekannt gibt, für den Parteivorsitz zu kandidieren. (c) SWR

 

Für Distanz ist da kaum Platz – soll es aber auch nicht, wie man der Beschreibung des Formats entnehmen kann. „‚Macht auf Zeit‘ zeigt die nachdenklichen Momente mitten in der Nacht nach den Koalitionsverhandlungen und die Anspannung, dem Druck des Politikbetriebs standzuhalten“, heißt es darin. „Beim Spaziergang, Shopping oder Suppe-Essen zeigt sich, warum sie trotzdem für die Politik brennen.“ Moderatorin Davoudvandi verspricht: „Es geht weder um konfrontative Kreuzverhöre noch um verwaschene Selbst-Promo. Wir blicken auf die Menschen hinter der Kulisse – aber nicht durch die Brille, durch die sie selbst gesehen werden möchten.“ Manches Bundestagsbüro, insbesondere die Kommunikationsbeauftragten, dürften solche Ankündigungen erst einmal skeptisch machen.

Doku-Formate wie dieses sind beliebt, es gibt mittlerweile etliche Filme und Serien, in denen sich Politiker privater zeigen, als es noch vor einigen Jahren üblich gewesen wäre. Allerdings unterscheidet sich die Motivation der Filmemacher häufig maßgeblich vom Interesse der Politiker, wie der Film- und Medienwissenschaftler Markus Watzl in einem Fachartikel festhält: „Der Anspruch des Dokumentarfilms ist es stets, das Reale abzubilden“, schreibt Watzl. „Gleichzeitig wird den Protagonisten eine Möglichkeit zur Selbstinszenierung geboten.“ Die Filmemacher seien dazu angehalten, die Äußerungen kritisch zu hinterfragen oder sie entsprechend einzuordnen.

Davoudvandi und Kawelke tun das in „Macht auf Zeit“ kaum, jedenfalls nicht vor der Kamera. Allerdings bieten die Protagonisten der Doku auch wenig Angriffsfläche, schließlich geht es im Format mehr um private Interessen und das Erleben des politischen Betriebs statt um politische Inhalte.

Kühnert-Doku: Der Urlaub war tabu

Etwas anders sieht es in der ganz ähnlich konzipierten Doku-Serie „Kevin Kühnert und die SPD“ aus. Drei Jahre lang, von 2018 bis zum Wahljahr 2021, haben die NDR-Filmemacher Katharina Schiele und Lucas Stratmann den Jungpolitiker begleitet. Statt Kuschelkurs gab es harte Fragen, etwa warum Kühnert im Jahr 2019 den SPD-Vorsitz abgelehnt und stattdessen Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans in ihrer Kandidatur unterstützt hat. Aber auch hier kommen die privaten Einblicke nicht zu kurz, man sieht Kühnert zum Beispiel auf dem Fußballplatz, sehr oft beim Zigarettenrauchen und in der letzten Folge bei der Wahlparty in der Kneipe.

Es braucht eine Balance zwischen dem Betonen der möglichst sympathischen Seite und dem Gewährenlassen der Filmemacher, die ihrerseits journalistische Standards einhalten. Bei Podcasts und Bewegtbildformaten läuft es schließlich anders als beispielsweise bei einem Wortlautinterview für eine Zeitung. Darauf kann vor der Veröffentlichung immerhin das Presseteam einen Blick werfen und zuweilen noch ein wenig „glätten“, wie teils umfassende Eingriffe in den Wortlaut zum Unmut der Redakteure verniedlicht werden. Im Videoformat schwindet dieser Einfluss der Kommunikationsprofis. Je vertraulicher die Themen sind, desto heikler wird es, wenn der Protagonist dann doch in Fettnäpfchen stapft.

Filmfest Hamburg im Oktober mit „Kevin Kühnert und die SPD“: Regisseurin Katharina Schiele, Kevin Kühnert, Lukas Stratmann. (c) picture alliance/rtn - radio tele nord/patrick becher
Filmfest Hamburg im Oktober mit „Kevin Kühnert und die SPD“: Regisseurin Katharina Schiele, Kevin Kühnert, Lukas Stratmann. (c) picture alliance/rtn – radio tele nord/patrick becher

 

Einer, der auf die Frage nach der richtigen Balance schon Antworten gefunden hat, ist Benjamin Köster. Er war während der Dreharbeiten Kühnerts Pressereferent, jetzt leitet er die Kommunikation des SPD-Parteivorstands. Er berichtet vom Dreh, der bis zum vergangenen Jahr dauerte: „Grundlegende Regeln haben wir besprochen, bevor wir mit den Dreharbeiten gestartet sind.“ Bei ihnen sei das zum Beispiel gewesen: Die Doku soll nach der Bundestagswahl erscheinen und zu private Aufnahmen – etwa von Kühnert zu Hause oder aus dem Urlaub – sind tabu. Während der Dreharbeiten, die sich immerhin über drei Jahre gezogen haben, sei er allerdings nur selten eingeschritten. „Das musste eigentlich nur sein, wenn Gespräche irgendwann zu sehr ins Interne abgeglitten sind oder während Videokonferenzen, weil die anderen Teilnehmer da mitunter nicht wussten, dass auf unserer Seite gefilmt wird”, sagt Köster. Das war immerhin Teil der Abmachung: in solchen Situationen ohne Kamerabegleitung weiterzumachen. Die Filmemacher haben sich daran gehalten.

Der Kühnert-Plan

Angst, dass Szenen missverständlich geschnitten werden und die Redaktion so ein Bild von Kühnert zeichnen könnte, das bei den Zuschauern schlecht ankommt, hatte er nicht, sagt Köster. Weder Kühnert noch Köster, der übrigens auch selbst in der Doku zu sehen ist und Einblicke in seine Arbeit gegeben hat, haben die Serie vor der Veröffentlichung zu sehen bekommen. „Ich glaube auch nicht, dass der NDR das zugelassen hätte“, sagt er. Dabei steckte hinter der Doku durchaus auch von SPD-Seite ein Kalkül: Kurz zuvor war das Buch „Die Schulz-Story“ des „Spiegel“-Journalisten Markus Feldenkirchen erschienen, der den Höhenflug und anschließenden Fall des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz dokumentiert.

„So ziemlich das ganze politische Berlin war damals der Ansicht, dass es ein großer Fehler von Schulz gewesen sei, einen Journalisten so nah an sich ranzulassen. Kevin und ich waren uns aber einig, dass so was eigentlich sehr gut ist“, sagt Köster. Denn: Die meisten Leute hätten verständlicherweise keine Ahnung, wie Politiker arbeiten, und deswegen entstünden dann mitunter falsche Vorstellungen. Man habe einfach mal zeigen wollen, wie politische Arbeit auch fernab von großen Bühnen und Fernsehstudios aussieht und funktioniert. „Und wir wollten die SPD aus einer anderen Perspektive zeigen – auch wenn wir uns damals noch nicht sicher sein konnten, dass es am Ende gut ausgeht”, sagt Köster. Von den Zuschauern wurde die Doku mehrheitlich positiv aufgenommen, in den Youtube-Kommentaren loben viele, wie nahbar Kühnert wirkt. „Spiegel“-Kolumnist Alexander Neubacher nannte Kühnerts Auftreten wiederum „ebenso faszinierend wie abschreckend”.

„Man muss über alles reden dürfen“

Stephan Lamby kennt das Doku-Geschehen von der anderen Seite. Er ist freier Journalist und hat schon viele Filme über Politiker gedreht. Besonders nah dran war er zum Beispiel an Helmut Kohl, Wolfgang Schäuble und Henry Kissinger, ehemaliger Außenminister der Vereinigten Staaten. „Die Themen, die in einer Doku behandelt werden, bespreche ich normalerweise nur grob mit dem Protagonisten“, sagt Lamby. Er stellt sich vor, erklärt seine Ziele und wie viel Zeit er braucht und wer, abgesehen vom Politiker selbst, noch im Film vorkommen soll. „Die Bedingung ist immer, dass man über alles reden darf. Auf den Schnitt oder die in der Doku hinzugezogenen Menschen, mit denen ich über den Politiker oder die Politikerin spreche, hat der Protagonist keinen Einfluss”, sagt der Journalist.

Vor einigen Jahren habe ein Protagonist – Lamby schweigt über den Namen – darauf bestanden, den Film vor der Veröffentlichung zu sehen, also abzunehmen. „Ich konnte ihm das partout nicht ausreden – und habe das Projekt abgesagt.“ Diese Haltung ist Konsens unter Filmemachern. Fragen wie „Können wir das bitte schneiden?“ sind strengstens verboten im Doku-Business. Ansonsten haben sich laut Lamby aber bisher alle Politiker auf seine Bedingungen eingelassen, sogar Ex-Kanzler Kohl – und das, obwohl der nur wenige Jahre vor den Dreharbeiten mit seinen Verwicklungen in die Spendenaffäre kämpfte und den Suizid seiner Ehefrau zu verkraften hatte.

Aus Lambys Sicht ist es wichtig, eine gewisse Nähe zum porträtierten Politiker herzustellen. Nur so könne man Zusammenhänge erst richtig begreifen und sicherstellen, dass man an möglichst viele Informationen kommt. Aber: „Ein guter Film bemisst sich nicht nur durch Nähe, sondern auch durch Distanz“, sagt er. Damit es dann eben trotz aller Vertraulichkeit doch nicht in die Selbstdarsteller-Show kippt. Für ihn bedarf es also auch wieder der berühmten Balance, um eine gute Politiker-Doku zu machen. Das Gesamtbild ergibt sich meistens erst beim Schnitt. „Spätestens dort lösen sich sowohl Sympathie als auch Antipathie gegenüber dem Protagonisten sofort auf und es geht nur noch um den Film.“ Kein Wunder also, dass auch Lamby seine Filme niemals vor der Veröffentlichung zur Einsicht herausgibt.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe N° 138 – Thema: Rising Stars. Das Heft können Sie hier bestellen.