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Foto: Laurin Schmid
Interview

"Im Zeitalter der Lurche"

Die Netzaktivisten Anke und Daniel Domscheit-Berg erklären im Interview, warum das Internet bald viele Arbeitsplätze bedroht und wie sie ihren Familienalltag meistern.

Christina Bauermeister

Fürstenberg an der Havel, rund 80 Kilometer nördlich von Berlin: Im Vorgarten der Domscheit-Bergs verästelt sich ein Fliederbaum in bunten Farben: Anke Domscheit-Berg hat ihn eingestrickt, ebenso einige Verkehrsschilder vor ihrer weißen Villa. Im Eingangsbereich des Hauses steht eine eingefrorene Flasche des Szene-Getränks „Club Mate“. Seit zweieinhalb Jahren wohnt das Ehepaar mit Sohn und Kater in der Wasserstadt mit rund 6500 Einwohnern. Als neun Monate lang die Zugverbindung nach Berlin wegen Bauarbeiten unterbrochen war, fand Anke Domscheit-Berg die Zeit, um ihr erstes Buch „Mauern einreißen – Weil ich glaube, dass wir die Welt verändern können“ (Heyne-Verlag) fertigzustellen, das Ende Januar erschien.

p&k: Sie beide haben Ihr Haus „havel: lab“ getauft. Was sagen Sie denn den Fürstenbergern, wenn Sie gefragt werden, was Sie beruflich machen?

Anke Domscheit-Berg (überlegt lange): Ich finde, das ist eine echt schwierige Frage.

Daniel Domscheit-Berg: Na, wir sind halt politisch engagiert und ich für meinen Teil arbeite an verschiedenen Internetprojekten. Damit werden die meisten Leute hier nicht allzu viel anfangen können. Das, was wir machen, passt eben nicht in die klassische Definition von Lohnerwerbstätigkeit.

Anke Domscheit-Berg: Es fällt mir ja schon schwer, meinem Vater zu erklären, was wir machen.

Welche Berufsbezeichnung passt Ihrer Meinung nach denn am ehesten auf Sie beide?

Daniel Domscheit-Berg: Internetaktivist.

Anke Domscheit-Berg: Echt? Ich wüsste jetzt nicht, was ich sagen würde.

Daniel Domscheit-Berg: Mir gefällt die Bezeichnung, weil sie so nichtssagend ist (lacht). Da werden die Leute erst richtig neugierig.

Anke Domscheit-Berg: Ich finde es extrem schwierig, mich in meiner Berufstätigkeit auf ein Label zu reduzieren. Ich beschreibe immer an konkreten Beispielen, was ich mache. Das hört sich dann in etwa so an: Ich bin politisch engagiert, schreibe Artikel für Zeitungen und habe vor kurzem ein Buch veröffentlicht.

Sie sind bekanntlich beide in der Piratenpartei aktiv. Über die Wahlschlappe der Partei bei der Bundestagswahl sagten Sie kürzlich, dass das NSA-Thema nicht wahlentscheidend war, weil viele Menschen einfach existenziellere Probleme haben...

Anke Domscheit-Berg: Ja, das hat man hier im Wahlkampf deutlich gespürt. Die wahren Probleme sind einfach andere. Die Leute wollen Lösungen, die ihnen helfen, ihre Miete zu bezahlen.

Wie wollen Sie vermeiden, dass die Piraten weiterhin als Single-Issue-Partei wahrgenommen werden?

Anke Domscheit-Berg: Na, indem wir auch über die anderen Themen sprechen. Insofern war der NSA-Skandal für uns sogar ein Nachteil, weil uns die Journalisten mitten in der heißen Phase des Wahlkampfes nur zu diesem Thema gefragt haben. Dabei haben wir ein großartiges Vollprogramm, in dem zu Bildung und sozialen Fragen viel drin steht. 

Die Grünen wurden in ihrer Anfangszeit auch nur über den Umweltschutz wahrgenommen. Ist das Netzthema überhaupt wichtig genug, um eine ähnliche gesellschaftliche Relevanz zu erreichen?

Daniel Domscheit-Berg (lacht): Genau genommen ist dieses Thema viel wichtiger als alle anderen. Es gibt wahrscheinlich keinen Teil der Gesellschaft, der in Zukunft nicht durch das Internet beeinflusst wird. Das Problem ist nur, dass das Thema bisher zu abstrakt ist. In den USA zum Beispiel sind in zwei Bundesstaaten schon autonome Autos ohne Fahrer zugelassen. Taxifahrer oder Lastwagenfahrer werden dadurch mittelfristig ihren Job verlieren. Das ist nur eine direkte Konsequenz aus dieser digitalen Revolution.

Anke Domscheit-Berg: Solche Beispiele zeigen, wie es wichtig ist, eine Brücke zu schlagen zwischen der digitalen Welt und den Brot- und Butter-Themen, mit denen die Leute etwas anfangen können.

Daniel Domscheit-Berg: Ähnlich dramatisch wird sich die Verbreitung von 3D-Druckern auf die Fertigungsindustrie auswirken. Niemand wird mehr so produzieren, wie das vorher der Fall war. Die Frage ist: Wie stellt man sicher, dass die Leute, die dadurch ihren Arbeitsplatz verlieren, nicht auf der Strecke bleiben.

Anke Domscheit-Berg (unterbricht): Und deshalb ist für uns Piraten das bedingungslose Grundeinkommen so ein wichtiges Thema. Uns ist längst klar, dass es künftig nicht mehr für jeden eine bezahlte Erwerbstätigkeit geben wird. Es geht darum, wie in einer solchen Welt die Würde des Menschen erhalten bleibt.

Wenn die Konsequenzen so dramatisch sind: Warum schaffen Sie es dann nicht, genau das zu kommunizieren?

Anke Domscheit-Berg: So etwas geht nicht von heute auf morgen. Wenn ich das mit der Evolution vergleiche, dann ist das so, als würden in einer Welt von wirbellosen Tieren auf einmal Wirbeltiere auftauchen. Wenn nun die ersten Lurche herumlaufen, kann niemand ahnen, was noch folgt. Wir befinden uns genau an diesem Übergang, an dem sich die ganze Welt der Wirbeltierchen erst noch entwickelt.

Und wie lange wird es dauern, bis den Leuten diese radikale Veränderung bewusst wird?

Anke Domscheit-Berg: Ich denke fünf bis zehn Jahre. Spätestens mit der 3D-Drucker-Revolution werden viel mehr Menschen verstehen, was das alles wirklich bedeutet.

Daniel Domscheit-Berg: Ich hoffe, das es nicht so lange dauern wird. Denn: Je mehr Zeit wir verlieren, desto schlimmer wird es. Die grundlegenden Fragen werden schon jetzt entschieden. Nationalstaaten und Unternehmen nehmen bereits Einfluss darauf, wie wichtig das Internet wird und welche Leute es benutzen dürfen. Die einzige Lobby, die sich bisher noch viel zu wenig zu Wort meldet, ist die Lobby der Gesellschaft.

Im Bundestagswahlkampf hatten die Piraten mit Organisationspannen zu kämpfen. Wie wollen Sie die Kampagnenfähigkeit der Partei für die Europawahl verbessern?

Daniel Domscheit-Berg: Ich finde, dass wir in der Vergangenheit viel zu sehr versucht haben, professionell zu sein. Ich denke da nur an die Materialschacht, die wir uns bei den Wahlplakaten mit den anderen Parteien geliefert haben. Dafür haben wir viel zu viele Ressourcen rausgehauen. Und das alles nur, weil es so eine Wahrnehmung gibt, dass das zu einem professionellen Wahlkampf dazugehört. Ich persönlich finde unkonventionelle Wahlkampf-Aktionen, die die Leute überraschen, viel besser. Wir müssen den Menschen zeigen, dass wir keine 08/15-Politik machen.

Anke Domscheit-Berg: In diesem Jahr haben wir nur ein Budget von 20.000 Euro – und zwar für alle Wahlkämpfe. Daher müssen wir alternative Wege gehen. Wir peilen ja in der kurzen Zeit mit den wenigen Ressourcen kein 20-Prozent-Ergebnis an. Wir brauchen einen Mindestanteil, den wir mitreißen müssen.

Frau Domscheit-Berg, Sie werben in Ihrem neuen Buch „Mauern einreißen“ für mehr politische Partizipation. Nun zeigen Studien, dass die politische Beteiligung vor allem vom Einkommen und vom Bildungsgrad abhängig ist...

Anke Domscheit-Berg: Ja, das stimmt, deshalb müssen wir noch ganz weite Wege gehen, um zu lernen, wie man solche Projekte überhaupt aufsetzt, damit sich mehr Menschen beteiligen. Was wir brauchen, ist eine Art Demokratietraining. Unsere Kinder müssen schon in der Schule lernen, wie Demokratie funktioniert. Es muss normal werden, sich zu beteiligen. Wir haben uns viel zu sehr daran gewöhnt, die Dinge für vier Jahre zu delegieren.

Beim Thema Open Government gehen Sie mit der Politik hart ins Gericht. Sie schreiben unter anderem, dass die Politik hinter verschlossenen Türen, alimentiert und beeinflusst von finanzkräftigen Lobbyisten, „Gesetze für eine vergangene Zeit“ macht. Schüren Sie damit nicht noch mehr das tiefe Misstrauen der Bürger der politischen Klasse gegenüber?

Anke Domscheit-Berg: Ich glaube, dass man ein Problem nur dann angehen und beseitigen kann, wenn man es genau beschrieben und verstanden hat. Ein Problem nicht in allen Facetten zu benennen, wird niemals zu einer Lösung führen. Die Politik macht im Moment zu wenig, um das Vertrauen der Bürger zu erhalten. Wie soll denn  Vertrauen entstehen, wenn ich mich etwa über die Nebeneinkünfte der Politiker nicht informieren kann? Solche Dinge halten die Bürger immerhin vom Wählen ab. Ich finde, das ist eine extrem dramatische Auswirkung in einer Demokratie.

Wenn jeder alles offenlegen muss: Will dann überhaupt noch jemand in die Politik?

In den USA kann jeder Bürger auf der Online-Plattform „opencongress.org“ Informationen über die US-Politiker einsehen. Zum Beispiel bekomme ich dort genau aufgelistet, wer wie viele Spenden bekommt. Und trotzdem gibt es massenhaft Menschen in den USA, die in die Politik wollen. Transparenz hält sie nicht davon ab. Ich glaube, wir würden in Deutschland durch mehr Transparenz eine saubere Politik bekommen. Es würden vielleicht sogar andere Leute in die Politik gehen als heute. Mehr Friseusen oder Waldarbeiter im Parlament würden der Demokratie gut tun.

Im zweiten Teil des Buches geht es um die unsichtbaren Hindernisse, vor denen Frauen auf dem Weg in Führungspositionen stehen. Nichtsdestotrotz haben Sie es geschafft, Kind und Karriere zu verbinden. Was können Frauen von Ihnen lernen?

Anke Domscheit-Berg: Dass man dreierlei braucht: Erstens logischerweise die Kompetenz. Zweitens kann es nicht schaden, wenn man über eine überdurchschnittliche Portion Charme verfügt, da es nicht selten als unnormal wahrgenommen wird, wenn man trotz Kind Karriere machen möchte. Charme wirkt in diesem Moment entwaffnend. Und drittens gehört eine gehörige Portion Penetranz dazu. Denn es wird immer wieder Rückschläge geben. Es ist ein bisschen so wie Bergsteigen bei Dauerhagel.

Nun waren Sie eine Zeit lang alleinerziehende Mutter und gleichzeitig bei Microsoft in einer Führungsposition tätig. Wie haben Sie die Doppelbelastung ausgehalten?

Anke Domscheit-Berg: Sehr lange habe ich sie ja nicht ausgehalten. Das alles endete Anfang 2011 in einem Burn-out. Was aber auch damit zu tun hatte, dass ich auf meine ehrenamtlichen Engagements nicht verzichten wollte. Das heißt, ich hatte abends und an den Wochenenden ebenfalls keine Erholung. Ich habe in meiner Freizeit unter anderem Open Government Barcamps organisiert und war in überparteilichen Fraueninitiativen aktiv. Das wurde dann irgendwann zu viel. Deswegen habe ich die Reißleine gezogen und setze jetzt in meinem Leben andere Prioritäten.

Herr Domscheit-Berg, haben Sie sich das Leben mit einer Karrierefrau so vorgestellt?

Daniel Domscheit-Berg: Ich bin kein Mensch, der sich irgendetwas vorstellt. Ich fühle mich als Mann weder überlegen, noch als der Verdiener oder was auch immer. Diese Geisteshaltung setze ich in der Beziehung mit Anke fort. Das funktioniert ganz gut mit einer Frau, die das ähnlich sieht.

Wie sieht Ihr Familienalltag heute aus?

Anke Domscheit-Berg: Im Alltag sieht es zum Beispiel so aus, dass Daniel morgens um 6 Uhr aufsteht, um meinen Sohn in die Schule zu fahren.

Sie beschreiben in Ihrem Buch auch die Angst vieler Männer vor erfolgreichen Frauen. Herr Domscheit-Berg, hatten Sie anfangs auch Angst vor Ihrer heutigen Frau?

Daniel Domscheit-Berg: Nein, im Gegenteil. Mein bester Freund hat immer gesagt, dass mein Problem war, dass ich bisher Frauen nur kennengelernt habe, die nicht auf Augenhöhe mit mir waren. Das ist jetzt anders. Ich finde es gut, dass ich jemanden habe, der bei Bedarf auf einem hohen Niveau zurückfeuert.

Wie wichtig ist es, dass Sie für dieselbe Sache einstehen?

Anke Domscheit-Berg: Also ich finde das besonders toll, weil wir intellektuell in vielen Sachen so gut zusammenarbeiten können, wenn etwa einer von uns einen Text schreiben oder einen Vortrag halten muss.

Daniel Domscheit-Berg: Ich denke auch, dass diese Konstellation von Vorteil ist. Aber meine Frau könnte sich auch mit Straßenbau beschäftigen. Das fände ich sogar noch besser, weil das etwas ist, von dem ich keine Ahnung habe.