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Grafik: Marcel Franke

Chancenlos im Netz

Soziale Medien gelten als großartige Errungenschaft für mehr politische Beteiligung. Die Kehrseite: Sie benachteiligen unbekannte Kandidaten und verzerren so den politischen Wettbewerb, schreibt  Martin Fuchs in Teil V seiner Kolumne.

von Martin Fuchs

Soziale Medien beleben die Demokratie – das hofften zumindest viele. Politiker, Wissenschaftler, Journalisten – sie alle feierten Mitmach-Portale wie Liquid Feedback, Facebook, Twitter und Co als neue demokratische Werkzeuge, mit denen sich endlich wieder mehr Bürger in die Politik einbringen würden.

Und in der Tat stimmen Nachrichten aus der Wissenschaft hoffnungsfroh: So fand die Harvard-Universität kürzlich heraus, dass politische Diskussionen durch digitale Kommunikationstechnologien an Reichweite gewonnen haben und zudem durchlässiger geworden sind. Daraus würden sich wiederum Anreize für gesellschaftliches Engagement ergeben.

Auch eine Studie der Universität Hamburg bestätigt: Junge und politikferne Schichten partizipieren wesentlich stärker online am politischen Geschehen als auf dem klassischen Offline-Weg. Online-Petitionen sind bei Jugendlichen die beliebteste Form der politischen Beteiligung.

Immer mehr Menschen informieren sich auf Online-Newsportalen, Wikipedia und Facebook über politische Themen. Das ist sehr erfreulich. Auf der anderen Seite birgt diese Entwicklung Gefahren für den politischen Wettbewerb. Aber darüber spricht bislang kaum jemand.     

Will ein Politiker Social Media erfolgreich nutzen, braucht er eine möglichst aktive, gut vernetzte, große und mobilisierbare Community. Die fällt aber nicht vom Himmel. Es dauert Jahre, sie aufzubauen, kontinuierlich zu betreuen und zu pflegen. Nur dann können Politiker in der heißen Phase des Wahlkampfes mit Erfolg darauf zurückgreifen.

Doch die wenigsten Herausforderer von etablierten Politikern sind Vollzeitpolitiker, die in den Jahren vor der Wahl kontinuierlich Communities organisiert haben. Viele Bundestagskandidaten etwa wussten erst wenige Monate vor dem Wahltag, dass sie ins Rennen um ein Mandat gehen würden.

In dieser kurzen Zeit aber hatten sie keine Chance, sich eine schlagkräftige Fan- und Followerbasis zu schaffen. Das zeigen nicht zuletzt die Facebook-Fanseiten, die viele Bundestagskandidaten kurz vor der Wahl erstellt hatten: Sie alle haben nur eine geringe Fananzahl; Interaktion findet kaum statt.   

2013 war der Effekt von Social Media noch nicht in jedem Wahlkreis wahlentscheidend, doch spätestens 2017 wird das anders sein. Soziale Netzwerke werden dann noch stärker die Wahlentscheidung und das Informationsverhalten beeinflussen als heute.

Platzhirsche bevorzugt

Klar, unbekannte Kandidaten hatten es schon immer schwer gegen den Platzhirsch. Bislang wirkten allerdings die Lokalzeitung, das Radio, das Fernsehen als gewisser Ausgleich. Klassische Medien nivellieren die fehlende Bekanntheit eines Kandidaten durch ihre breite Berichterstattung. Dieses kompensierende Moment fehlt in sozialen Medien. 

Wikipedia, Google und mangelnde Ressourcen für digitale Werbung verstärken diese Verzerrung noch. Wikipedia versteht sich als Enzyklopädie des Relevanten. Kandidaten, die weder ein offizielles Amt noch eine herausgehobene gesellschaftliche Stellung haben, haben kaum eine Chance, dort aufgeführt zu werden.

Mittlerweile wird die Seite des Online-Lexikons aber viel häufiger aufgerufen als die Webseiten von Politikern und Parteien. Das führt zu einer unfairen Nichtbeachtung von politischen Neu- und Quereinsteigern.

Auch der Google-Algorithmus unterstützt eher Webseiten, die kontinuierlich und über einen längeren Zeitraum hinweg aktiv sind, als neu erstellte und wenig verlinkte Webangebote. Und: Wer dafür bezahlt, wird bei Google und Facebook prominenter dargestellt. Aber gerade unbekannte Politiker, die neu im Geschäft sind, verfügen meist über weniger Geld als die Wahlkreisinhaber. 

Für potentielle Kandidaten heißt das: Fangen Sie schon lange vor Ihrer ersten möglichen Kandidatur an, im Netz politisch aktiv zu werden. Wer digital sichtbar ist und wer Parteifreunde hat, die ihn auch im Netz unterstützen, der hat es oft schon bei den innerparteilichen Machtspielen und der Kandidatenaufstellung leichter.

Was aber bedeutet die hier beschriebene Entwicklung für die Demokratie?

Im politischen Prozess wird es immer weniger klassische Quereinsteiger geben und die digitalen Strukturen werden noch stärker als bisher etablierte Politiker begünstigen. Diese Verzerrung im politischen Wettbewerb sollten wir uns jetzt bewusst machen und mit der dringend notwendigen Diskussion über die Folgen für unsere demokratische Kultur beginnen!