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Politik

Warum sich Jamaika in Bayern entscheiden könnte

Die vier möglichen Jamaika-Koalitionspartner zeigen sich nach den laufenden Sondierungsgesprächen mal mehr, mal weniger optimistisch. Wie aber stehen die Anhänger von CDU, CSU, FDP und Grünen zu den jeweils anderen Parteien? Eine Facebook-Analyse schlüsselt auf, welche Schnittmengen es gibt, offenbart aber auch viel Trennendes und ein Problemkind.

von Alexander Güttler und Markus Gaier

Alles sieht nach Jamaika aus. Doch inhaltlich müssen die vier Parteien einen weiten Weg gehen, um zueinander zu finden und keiner der vier Partner will seine Wählerbasis vergraulen. Was trennt die Anhänger der vier Koalitionspartner wirklich, und wie viel haben sie gemein? Wir haben mit Hilfe von Pragmatic Analytic Services (PAS), einer Initiative der Agentur Komm.passion und von Data Science Consulting, die Lebenswelten der jeweiligen Fans der Parteien und ihrer Spitzenkandidaten bei Facebook durch KI-Algorithmen entschlüsselt. Heraus kamen so manche Schnittmenge, viel Trennendes und ein Problemkind.

Die Methode

Und so funktioniert PAS: Grundlage ist ein neutrales Haushaltspanel, das 45.000 Personen umfasst. Dieses Haushaltspanel ist ein repräsentatives Abbild der deutschen Bevölkerung. Der besondere Clou: Anhand von rund 7.000 Entitäten – das sind Facebook-Seiten, die gelikt werden können – ist es gelungen, die prozentuale Verteilung der sozialen Milieus mit abzubilden. Innerhalb dieses Haushaltspanels gibt es 5.000 Personen, die via Facebook eine der vier Jamaika-Parteien gelikt haben. Wie nennen diese Personengruppe der Einfachheit halber "Jamaikaner".  

Bei PAS geht es nun darum, definierte Gruppen von Menschen auf ihre Affinitäten zu bestimmten Personen, Organisationen oder anderen Entitäten hin zu untersuchen. Das geschieht, indem wir im Rahmen einer Cluster-Analyse das Like-Verhalten der Politikinteressierten mit dem Verhalten des neutralen Haushaltspanels abgeglichen haben (Erhebungszeitraum Juli bis August 2017). Eine Affinität von 1,0 entspricht dabei dem Bundesdurchschnitt. Alles was größer als 1,0 ist, weist auf eine überdurchschnittlich hohe Affinität hin.

Das Ganze am praktischen Beispiel: Unter den 45.000 Personen im neutralen Haushaltspanel sind beispielsweise 1.489 Menschen, die die CDU gelikt haben, das entspricht 3,3 Prozent. Diese 3,3 Prozent sind unser Ausgangswert, das neutrale Haushaltspanel – unser gesamtdeutscher Durchschnitt – hat eine Affinität zur CDU von 1,0. Jetzt untersuchen wir, wie viele der CDU-Fans die CDU gelikt haben. Die Antwort ist wenig überraschend: 100 Prozent. Das ist ein 30,22-mal so hoher Anteil wie bei dem neutralen Haushaltspanel. Die Affinität der CDU-Fans zur CDU beträgt also 30,22. 

Um herauszufinden, wie viel die Anhänger der Jamaika-Parteien gemeinsam haben beziehungsweise was sie trennt, haben wir bedingte Wahrscheinlichkeiten gesetzt und uns gefragt: Mit welcher Wahrscheinlichkeit liken Politik-Interessierte bestimmte Facebook-Seiten?

Nehmen wir das Beispiel Peter Altmaier: 4,5 Prozent der CDU-Fans haben ihn gelikt. Im Vergleich mit dem neutralen Haushaltspanel entspricht das einer Affinität von 22,1 (bedeutet: Prozentual gesehen wird Peter Altmaier von CDU-Fans 22,1-mal öfter gelikt als vom repräsentativen und neutralen Haushaltspanel). Bei den Grünen erreicht er immerhin eine Affinität von 17, bei FDP-Anhängern von 18,2. Theoretisch wäre er also durchaus geeignet, zwischen den Koalitionspartnern als Brückenbauer aufzutreten. Aber eben nur theoretisch, denn auch die Quantität spielt eine Rolle. Damit die Affinitäten aussagekräftig sind, müssen es die jeweiligen Entitäten schon unter die Top 250 der meistgelikten Facebook-Seiten in der jeweils untersuchten Gruppe schaffen. Und da fällt Altmaier mit gerade einmal 4,5 Prozent unter den CDU Fans heraus.

Wie exakt Facebook-Daten in der Lage sind, Präferenzen und Verhaltensweisen vorherzusagen, haben unter anderem Forscher der Universitäten Cambridge und Stanford nachgewiesen. Demzufolge lassen sich persönliche Vorlieben bereits durch die Analyse weniger Likes gut einschätzen.

CDU-Anhänger: die pragmatische Mitte

Das Votum der Likes der CDU-Anhänger ist eindeutig: Sie wollen Schwarz-Gelb. Und das mit Christian Lindner. Doch beide brauchen für eine Koalition die Grünen. Und hier hält sich die Begeisterung der CDU-Anhänger schon deutlich in Grenzen. Doch viele Knackpunkte, an denen eine Zusammenarbeit mit den Grünen scheitern könnte, gibt es nicht. Die Vorlieben der CDU-Anhänger sind kaum ideologisch geprägt. Sie mögen Christian Lindner genauso wie Jens Spahn, nutzen neben ARD und ZDF auch "Spiegel", "Handelsblatt", "FAZ" und "Welt" zur Information. Klar, für die Bundeswehr gibt es bei der CDU deutlich mehr Sympathien. Doch auch die Grünen stehen ihr eher positiv gegenüber. Und die Religion scheint eher zu verbinden. Grüne- wie CDU-Fans liken überdurchschnittlich oft "Katholisch".   

Die CDU Anhänger präsentieren sich als die pragmatische Mitte. Auch wenn sie noch ein wenig fremdeln – Jamaika wäre ihnen gut vermittelbar.

Relevante Affinitäten unter den Top-20 der CDU-Anhänger:

Liberale: offene Gewinner mit Sinn für Genuss

Keine Frage: Der Lieblingspartner der CDU-Fans ist die FDP – eine Liebe, die auf Gegenseitigkeit beruht. FDP-Anhänger liken die Adenauer-Stiftung, die Junge Union und CDU-Nachwuchshoffnung Jens Spahn. Und auch Horst Seehofer stößt bei ihnen auf Akzeptanz, mit der sich eine künftige Koalition durchaus in der Partei verkaufen ließe.

Insgesamt zeigen sich die FDP-Fans als Menschen, die über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Bei ihnen liegen sowohl unabhängige Medien wie auch Angebote anderer Parteien – hier vor allem der CDU – hoch im Kurs. Fans der Grünen sind sie nicht, aber für Cem Özdemir hegen viele der FDP-Freunde Sympathie. Lindner-Fans sind zudem offen für Neues, testen zum Beispiel Carsharing-Angebote. Das könnte die Vermittlung grüner Inhalte erleichtern.

Gewichtiger könnte da schon das Thema Europa werden. Beispiel Europaparlament: FDP-Anhänger stehen diesem zwar positiv, aber doch deutlich verhaltener als Grünen-Fans gegenüber. Hinzu kommt der Umweltschutz. Ein Glas Wein zum Sonnenuntergang auf Sylt – der gemeine FDP-Wähler möchte seinen geliebten Direktflug auf die Nordseeinsel nicht missen. Ist das kompatibel zu grünen Positionen?

Relevante Affinitäten unter den Top-20 der FDP-Anhänger:

Die Grünen: Überzeugungstäter vor Kompromissen

Die Grünen-Anhänger geben sich in den sozialen Netzwerken sehr politisch. Gewissen und Gefallen gehören für sie oft zusammen. Sie weisen hohe Affinitäten zu einer Vielzahl von NGOs auf, darunter Greenpeace, der Deutschen Umweltstiftung, Amnesty International und Pro Asyl – alle unter den Top 15 der 7.000 ausgewählten Facebook-Entitäten. Auffallend: Die Grünen sind bei sich zu Hause. Die Affinität mit der eigenen Partei liegt deutlich höher, als das bei den Fans der anderen Parteien der Fall ist. Dass sich unter den Top-Likes dieser Fans keine Automarken und Konsumgüter finden, versteht sich von selbst. Stattdessen präsentieren sich die Anhänger als Umweltschützer, Menschenrechtler und Europa-Fans. Informationen beziehen sie am liebsten aus der "Taz". Aber auch "Zeit", "Süddeutsche", "Tagesspiegel" oder Arte-TV finden ihre Zustimmung. Zum Lachen taugt für sie nichts Seichtes. Wenn schon, dann bitte böse Polit-Satire – in der "Titanic", bei Extra3 und im "Postillion".

Mit ihren Likes beweisen Grünen-Fans Haltung. Das mag ein Grund für das überraschend solide Wahlergebnis sein. Für die Parteispitze wird es aber zur Herausforderung werden, ihren Anhängern eine Koalition zu vermitteln, die viele harte Kompromisse mit sich bringen wird.

Relevante Affinitäten unter den Top-20 der Grünen-Anhänger:

CSU-Anhänger: Die Unberechenbaren

Das umso mehr, da einer der Koalitionspartner die CSU wäre. Deren Klientel tickt signifikant anders als die der anderen drei Jamaika-Partner. Besonders auffällig: CSU-Anhänger orientieren sich deutlich stärker an Personen denn an Organisationen oder Medien. Zu den Facebook-Seiten mit den meisten Likes gehören neben der von Horst Seehofer auch die von Frauke Petry und Sahra Wagenknecht – beide liegen sogar deutlich vor der von Angela Merkel.

Auch bei den Affinitäten liegt Frauke Petry klar vor der Kanzlerin (4,9) – wie auch Beatrix von Storch (7,5), Pegida (5,7) oder die Seite "MerkelMussWeg" (6,4). Sind die CSU-Anhänger am Ende Protestwähler?

Wie schwer vermittelbar Jamaika werden könnte, zeigen auch die Platzierungen der möglichen Partner. Während die FDP als möglicher Koalitionspartner immerhin noch unter den Top-15 der 7.000 ausgewählten Facebook-Seiten rangiert, haben es die Grünen als Partei mit ihrer Facebook-Seite nicht einmal unter die Top-200 geschafft – womit sie weit hinter der Facebook-Präsenz von Marine Le Pen (Affinität 8,5!) liegen. Es brodelt in der CSU-Anhängerschaft. Entscheidet sich Jamaika am Ende in Bayern?

Relevante Affinitäten unter den Top-20 der CSU-Anhänger:

Alexander Güttler

ist geschäftsführender Gesellschafter und CEO der Komm.passion-Gruppe.

Markus Gaier

ist Director Public Affairs bei Komm.passion.