D

Nah an der Macht

Die Webseite „Politico“ gehört zum Pflichtprogramm eines jeden Politikexperten in ­Washington. Das Erfolgsgeheimnis der Seite: erfahrene Journalisten und gute Netzwerke.

Von Johannes Altmeyer

Heikle Themen standen auf der Agenda, als Chinas Staatspräsident Hu Jintao Mitte Januar Washington besuchte: Wirtschaftskrise, Weltklima und Menschenrechte. Für die Redaktion der Politik-Webseite „Politico“ war aber auch eine kurze Begegnung von Hu mit Barack Obamas Tochter Sasha von großem Interesse. Denn die Neunjährige, die in der Schule Chinesisch lernt, hatte am Rande des Staatsbesuchs die Möglichkeit, mit Hu einige Sätze in dessen Sprache zu wechseln. Für „Politico“ stand fest: „Nicht nur amerikanische Wirtschaftsführer haben vom Besuch des chinesischen Präsidenten profitiert.“
Viele Beobachter des deutschen Politikbetriebs mögen diese Nachricht für eine Petitesse halten, doch sind es solche Berichte, die „Politico“ seit der Gründung vor fünf Jahren zu einer der einflussreichsten Webseiten in der US-Hauptstadt gemacht haben. Rund fünf Millionen Besucher hatte Politico.com im Dezember 2010. Dazu kommt eine Gratiszeitung mit einer Auflage von rund 30.000 Exemplaren. In der Sitzungszeit des Kongresses erscheint diese fünfmal in der Woche, ansonsten nur einmal. Entgegen allen Markttrends in den USA hat es „Politico“ geschafft, innerhalb kürzester Zeit zu einem profitablen Medienunternehmen mit rund 170 Mitarbeitern zu werden; der britische „Observer“ ist sich bereits sicher, dass die Webseite die „Zukunft des Printjournalismus“ symbolisiert.

Den Nachrichtenfluss lenken

Verantwortlich für die Erfolgsgeschichte sind zwei Journalisten: John F. Harris und Jim Vandehei. Bis 2006 waren beide im Politikressort der angesehenen „Washington Post“ angestellt. „Eigentlich hatten wir zwei der besten journalistischen Jobs in den Vereinigten Staaten“, sagte Vandehei im März vergangenen Jahres zu „Focus online“. Doch irgendwann sei das Gefühl aufgekommen, dass die „alten Medien nicht mit dem Wandel der Zeit mithalten“ konnten. Also verließen beide die „Post“ und gründeten mit finanzieller Unterstützung des Medienmanagers Robert Allbritton „Politico“. Bereits mit dem Namen ihres Unternehmens setzten sie ein Zeichen: In den USA bezeichnet der Begriff eine Person, die sich obsessiv mit Politik beschäftigt. Harris und Vandehei verfügten zwar über einen hervorragenden Ruf und exzellente Netzwerke in Washington, doch setzen sie auch auf ein riskantes und neues Geschäftsmodell: Eine Webseite, deren Artikel regelmäßig auch als Gratiszeitung erscheinen und sich großteils über die dort geschalteten Anzeigen finanziert. Das bisher übliche Modell „Kaufzeitung plus Internetauftritt“ stellen die Gründer damit auf den Kopf.
„Mit ,Politico‘ ist in den USA das erste politische Medium entstanden, das sich der Geschwindigkeit der neuen Medien angepasst hat“, sagt der Journalist Tobias Moorstedt, der in seinem 2008 erschienenen Buch „Jeffersons Erben“ der Frage nachgegangen ist, wie die digitalen Medien die Politik verändern. Aus seiner Sicht gibt es vor allem zwei Gründe, die „Politico“ so einflussreich machen. „Die Redakteure betrachten den politischen Alltag in Washington als Spiel: Wer gewinnt den Tag, wer verliert ihn? In diesem Wettbewerb kann jede Information wichtig sein, alles kommt sofort auf die Webseite.“ Die Rubrik „Politico 44“ ist dafür das beste Beispiel. Als „lebendes Tagebuch der Obama-Präsidentschaft“ listet die Seite die wichtigsten Nachrichten über den Präsidenten auf und zeigt seinen Tagesablauf. Als zweiten Grund nennt Moorstedt die Leserschaft: Politiker, Regierungsmitarbeiter, Journalisten und Lobbyisten. „Das ist eine klar definierte Zielgruppe. Die ,Politico‘-Macher wissen genau, auf welche Informationen sie sich konzentrieren müssen.“
Tom McMahon ist einer aus der „Politico“-Zielgruppe. McMahon war früher einmal Geschäftsführer der Demokraten und ist mittlerweile Partner beim Washingtoner Beratungsunternehmen New Partners. Er sagt, dass „Politico“ die Macht habe, den Nachrichtenfluss des Tages zu lenken. „Es geht darum, was diskutiert wird. Die Webseite kann die Aufmerksamkeit gezielt auf ein Thema lenken.“ Mit der Konsequenz, dass die Meinungsmacher in der Hauptstadt wenig später genau darüber redeten. Dass Harris und Vandehei „Politico“ in der US-Hauptstadt innerhalb weniger Jahre als meinungsbildendes Nachrichtenmedium durchsetzen konnten, liegt für McMahon aber auch daran, wie sie die Informationen an die Leser weitergeben. „Ob in den USA oder in Europa: Die Bürger konsumieren immer mehr Nachrichten über mobile Endgeräte. Und auf diesen ist ,Politico‘ präsent.“ So hat nicht nur die Webseite eine eigene „App“ für das iPhone und das iPad, sondern auch der Newsletter des „Politico“-Autors Mike Allen, den die „New York Times“ im April vergangenen Jahres in einem ausführlichen Porträt als den „einflussreichsten Journalisten“ Washingtons bezeichnet hat.
Allen, den auch McMahon als einen der „wichtigsten Gründe“ für den Erfolg von „Politico“ ansieht, verließ 2006 mit Harris und Vandehei die „Washington Post“; seine Kollegen hatten ihn von ihrer Idee überzeugt. Heute berichtet er nicht nur als Korrespondent aus dem Weißen Haus, sondern verschickt an jedem Morgen in der Woche – zwischen 5:30 und 8:30 Uhr – seinen Newsletter „Playbook“. Darin enthalten: eine Mischung aus politischen Neuigkeiten, Gerüchten, alltäglichen Begegnungen („spotted“) und Geburtstagen. Die „New York Times“ fasst es so zusammen: „Einige von Amerikas einflussreichsten Menschen haben Allens Newsletter bereits gelesen, bevor sie morgens ein Wort zu ihren Ehepartnern sagen.“
Auch bei Allen ist der Name Programm: In vielen US-Sportarten benutzen die Trainer eine Karte, mit der sie ihren Spielern die verschiedenen Spielzüge und die Aufstellung erklären: das „Playbook“. Das politische Washington als Sport-Wettbewerb und Allen als Trainer, der erklärt, wer welche Aufgaben übernehmen muss: So kann man die Rolle des „Politico“-Journalisten und seines Newsletters sehen. Dass auch Allen es verstanden hat, Neuigkeiten erfolgreich in Umlauf zu bringen, steht außer Frage. Seine E-Mail verschickt der 45-Jährige täglich an rund 30.000 Leser; die meisten von ihnen leben in Washington, New York und in den Hauptstädten der einzelnen Bundesstaaten. Große Unternehmen, zum Beispiel Toyota und Rolls-Royce, aber auch weniger bekannte Organisationen wie die „Vereinigung der privaten Hochschulen in Amerika“ bezahlen 15.000 US-Dollar pro Woche, um als Sponsor aufzutauchen.

Kontakte ins Weiße Haus

Christoph von Marschall, US-Korrespondent des Berliner „Tagesspiegels“, kennt Allen persönlich. „Er ist auf keinen Fall einer dieser jungen und hyperaktiven Blogger, vielmehr ein erfahrener Journalist, der sich mit den neuen Medien auseinandergesetzt hat.“ Von Marschall sagt, dass der Erfolg von „Playbook“ – und von „Politico“ ganz allgemein – in der parteipolitischen Einschätzung einzelner Debatten liege. Die Diskussionen über den blutigen Anschlag auf die demokratische Politikerin Gabrielle Giffords Anfang Januar in Tucson, Arizona, sei dafür ein gutes Beispiel. Die „Politico“-Journalisten konnten über ihre Netzwerke zu einflussreichen Politikern schnell einschätzen, welche Schlüsse Demokraten und Republikaner aus dem Anschlag ziehen würden. Dazu kommt, dass Tageszeitungen und Fernsehsender die Berichte oft aufgreifen und damit „Politicos“ Bekanntheitsgrad steigern.
Die Kritik, dass Allen und „Politico“ letztlich mit vielen Trivialitäten den alltäglichen Nachrichtenzyklus in der immer nach Neuigkeiten gierenden US-Hauptstadt am Laufen halten, teilt von Marschall nicht. Harris und Vandehei hätten es geschafft, ihr Medium nah an der Macht zu etablieren. Nicht umsonst habe Allen einen der prestigeträchtigen Sitze im Pressekorps des Weißen Hauses. „Außerdem achten die ,Politico‘-Macher sehr auf ihren Ruf. Würden sie eine Falschmeldung bringen, spräche sich das schnell in Washington herum.“ Das könnten sie sich als immer noch junges Unternehmen nicht leisten.
Und auch das Weiße Haus scheint keine Zweifel an der Glaubwürdigkeit von „Politico“ zu haben. In Washington ist es ein offenes Geheimnis, dass sich Dan Pfeiffer, Obamas Kommunikationschef, morgens nach dem Aufstehen und abends vor dem Zu-Bett-Gehen per E-Mail fast immer mit dem gleichen Journalisten über die Themen des Tages austauscht. Sein Name: Mike Allen.