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Illustration: Marcel Franke
Politik

Eine kleine Handlungsanweisung: "Wie trete ich zurück?"

Ein politisches Spitzenamt zu verlassen, ist eine hohe Kunst. Denn ein Rücktritt ist im besten Fall nicht bloß eine Handlung, er zeugt auch von Haltung.

von Moritz Küpper

Der Volksmund macht es sich zuweilen leicht: "Hör auf, wenn’s am schönsten ist!", heißt es so schön. Klingt gut – dennoch bleibt es eine Kunst, ein (öffentliches) Amt zu verlassen. "Mit der Frage habe ich mich ehrlich gesagt noch nicht auseinandergesetzt", sagte beispielsweise Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft Anfang März zum Thema Rücktritt. Zwei Monate später, am Abend der Landtagswahl, die Krafts SPD das historisch schlechteste Ergebnis in NRW einbrachte, brauchte sie nur wenige Minuten, um ihrem Kontrahenten zu gratulieren – und von ihren Parteiämtern zurückzutreten. Obwohl naheliegend, bekam Kraft für diesen Schritt Respekt und Anerkennung. Das lag auch daran, dass sie sich an ein paar Punkte gehalten hat, die – bei allen Unterschieden – grundsätzlich gelten: "Überraschung ist ein Zeichen eines gut geplanten Rücktritts", hatte Ex-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger einmal gesagt. Sie selbst gilt als Vorbild, war sie doch einst nach einem verlorenen FDP-Mitgliederentscheid zum "Großen Lauschangriff" zurückgetreten, um Jahre später als erste Ministerin überhaupt in das gleiche Ressort zurückzukehren. Das zeigt: Ein Rücktritt kann auch eine Chance sein.

Dafür gibt es allerdings Regeln: Eine schnelle Entscheidung, eine gründliche, auch die Zeit danach umfassende Organisation, und eine unverzügliche Umsetzung sind genauso wichtig wie eine überzeugende Erklärung, um Spekulationen über den "wahren" Grund entgegenzuwirken. Gleiches gilt, falls möglich und nötig, für eine Nachfolge, um ein mögliches Vakuum abzuwenden.

Doch letztendlich geht es bei diesem Tabuthema um mehr: Um ein Amt mit Geschick zu verlassen, braucht es – das ist in Gesprächen mit zurückgetretenen Führungskräften immer wieder herauszuhören – eine andere Sichtweise auf das Thema. Gesellschaftlich, aber auch persönlich. Drei Punkte scheinen dabei zentral:

Anerkennen: Irgendwann trifft es jeden, egal ob das Amt befristet ist oder nicht. Diese Erkenntnis scheint banal – und ist doch wichtig. Denn nur wer sich dessen bewusst ist, kann auch darüber nachdenken, sich darauf einstellen und dementsprechend handeln.

Gestalten: Aus der eigenen Erkenntnis erwachsen, gut durchdacht, überraschend vorgetragen und positiv bewertet – so sieht ein kunstvoller Abgang in der Theorie aus. Manchem gelingt das auch in der Praxis. Selbst in Fällen, in denen externe Gründe zu diesem Schritt führen, beispielsweise bei Skandalen, lässt sich der eigene Abgang durch rasches und entschlossenes Handeln (noch) selbst gestalten.

Aufwerten: Ein Rücktritt ist auch eine Chance, in jeder Konstellation. Zwar wird er hierzulande noch immer mit einem Scheitern assoziiert, doch liegt genau darin auch eine Stärke. Mit einem gelungenen Abgang lässt sich die eigene Leistung noch steigern, der Platz in den Geschichtsbüchern sichern, vielleicht auch ein Comeback oder gar ein Aufstieg vorbereiten.

Ergo: Wer den Rücktritt als eine Haltung und nicht bloß als Handlung erkennt, der hat schon viel gewonnen.

Moritz Küpper

ist Landeskorrespondent für das Deutschlandradio in Nordrhein-Westfalen. Für sein neues Buch "Rücktritte: Über die Kunst, ein Amt zu verlassen" hat er u. a. mit Spitzenpolitikern gesprochen, die selbst die Erfahrung eines Rücktritts gemacht haben. (Foto: Gustav Kuhweide)