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Der Freizeit-Politiker

Niels Annen war für einen Mann seines Alters bereits ziemlich vieles: Juso-Vorsitzender, Bundestagsabgeordneter und einer der profiliertesten Vertreter der SPD-Linken. Jetzt ist er Referent bei der Friedrich-Ebert-Stiftung. p&k hat ihn dort besucht.

Von Florian Renneberg

Fragt man Niels Annen, wie er sich einem Fremden vorstellen würde, muss er nicht lange überlegen. „Ich bin Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung und in meiner Freizeit engagiere ich mich politisch.“ Vermutlich würde ein Großteil seiner Kollegen in der SPD-nahen Stiftung so antworten. Und auf den ersten Blick ist Annens Werdegang der vergangenen zwei Jahre typisch für junge Sozialwissenschaftler mit sozialdemokratischem Hintergrund: Bachelor, Master, Ebert-Stiftung.
Im Unterschied zu den meisten seiner Kollegen hat Annen jedoch eine beeindruckende politische Karriere hinter sich. Mit 16 Jahren trat er in die SPD ein, 2001 wurde er Vorsitzender der sozialdemokratischen Jugendorganisation Jusos und zog 2005 in den Bundestag ein. „Ich bin sicher ein Paradebeispiel für jemanden, der von klein auf Politik gemacht hat“, sagt Annen. Einen Plan für die Zeit nach der Politik hatte er nicht: „Ich habe mir wenig Gedanken um meine Zukunft gemacht, vielleicht zu wenig.“
Bis zum Oktober 2008. Damals, ein Jahr vor Ablauf der Legislaturperiode, verlor er die parteiinterne Abstimmung über die Direktkandidatur in seinem Hamburger Wahlkreis. Von da an hatte Annen Zeit, sich auf sein außerparlamentarisches Leben vorzubereiten. Heute scheint der 38-Jährige in diesem Leben angekommen zu sein. Er arbeitet in der Abteilung für Internationale Politikanalyse der Friedrich-Ebert-Stiftung, forscht auf dem Feld der Internationalen Beziehungen, veröffentlicht Strategiepapiere und besucht Konferenzen. „Mir macht es große Freude, konzeptionell zu arbeiten“, sagt Annen. Im Hamsterrad der aktiven Politik habe er dafür wenig Zeit gehabt.
Zur Niederlage in Hamburg im Herbst 2008 sagt er: „Ich würde mir das nicht noch einmal wünschen, aber es hat auch alles seine guten Seiten. Ich glaube, ich habe mich seitdem weiterentwickelt und aus der Niederlage gelernt.“
Im Gespräch kommt Annen selbst immer wieder auf ein Thema zu sprechen, von dem er behauptet, nicht gerne darüber zu reden: das Studium, das er 2008 nach 28 Semestern ohne Abschluss geschmissen hat. Die Schlagzeilen über den ewigen Studenten Annen begleiteten ihn noch als Bundestagsabgeordneten.
Nach seinem Ausscheiden aus dem Parlament 2009 hat er einen Bachelor in Geschichte an der Humboldt-Universität gemacht und einen Master-Abschluss in International Public Policy an der renommierten Johns-Hopkins-University in Washington erworben. Außerdem war er Transatlantic Fellow am German Marshall Fund in der amerikanischen Hauptstadt. „Durch die Zeit in den USA habe ich einen Blick von außen auf Deutschland gewonnen“, sagt Annen. Sein Deutschland-Bild habe sich dadurch verbessert – obwohl es zuvor auch nicht schlecht gewesen sei, schiebt er schnell hinterher.
Das Bild, das Deutschland von Niels Annen hat, scheint sich noch immer hauptsächlich aus seiner Zeit als Juso-Chef zu speisen. Damals war er dafür zuständig, die Politik der Bundespartei zu kritisieren. Es war die Zeit von Gerhard Schröders Agenda 2010. Den Bundeskanzler nannte Annen damals „Genosse der Bosse“, seine Reformen „eine einzige Gerechtigkeitslücke“. Heute sagt er, die Ergebnisse der Agenda seien recht beeindruckend, die Art der Umsetzung und Kommunikation jedoch problematisch gewesen. „Als Juso-Vorsitzender muss man zuspitzen“, ergänzt er lächelnd.
In der Zwischenzeit hat sich Annen zu einem der profiliertesten Außenpolitiker der SPD entwickelt. Selbst die Parteispitze sprang im Herbst 2008 für ihn in die Bresche. Die führenden Außenpolitiker der Fraktion verfassten einen Unterstützer-Aufruf, und Parteichef Franz Müntefering ließ den Hamburger Genossen ausrichten, man brauche Annen in Berlin. Die Reaktionen hätten ihn gefreut, sagt Annen, und auch ein bisschen überrascht.
Obwohl er gerne im Bundestag geblieben wäre, hat der Hamburger Angebote abgelehnt, in anderen Wahlkreisen zu kandidieren. „Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, ich könne nichts anderes als Politik“, sagt er. Als ehemaliger Berufspolitiker steht Annen diesbezüglich besonders unter Beobachtung.
Ob ihn das stört? „Für alles was man macht, bezahlt man einen Preis. Aber ich kann mich nicht beklagen, die Zeit im Bundestag war ein Privileg.“ Dass Annen dieses Privileg abgehakt hat, fällt schwer zu glauben. Aber darüber will er nicht sprechen, und er ist zu sehr Profi, um sich zu versprechen. „Ich weiß noch nicht genau, wie es politisch mit mir weitergeht, aber das bringt mich inzwischen nicht mehr aus der Ruhe“, sagt er – wie jemand, der in seiner Zukunft angekommen ist.