D
Mehr als 230 000 Petitions-Einträge gegen Markus Lanz: Ist das die "echte" Welt"?, Foto: Wikimedia/Ailura

Das Missverständnis

Markus Lanz soll via Online-Petition als Moderator abgesetzt werden, Alice Schwarzer tunlichst das Bundesverdienstkreuz abgeben. Werden Online-Petitionen plötzlich zum Mobbinginstrument? Ein Debattenbeitrag von Serguis Seebohm und Paula Hannemann von der Petitionsplattform change.org.

von Serguis Seebohm und Paula Hannemann

Zurzeit diskutiert ganz Deutschland über Online-Petitionen. Das Problem ist nur: Die Diskussion basiert auf einem Missverständnis. So schreibt Alexander Kühn im "Spiegel" über die Online-Petition, die sich gegen Markus Lanz richtet: “Die Zuschauer werden es [Lanz] verzeihen. Das Internet tut es nicht.”

Genau hier ist das Missverständnis: Fernsehzuschauer und “das Internet”? Hier, so meint man, gebe es eine “echte Welt” und da “das Internet”. Sie können sich nicht vorstellen, wie oft wir bei change.org gefragt werden, wie man aus einer Online-Petition “echten Protest” macht. Also nach dem Motto: “Das Internet” hält etwas für richtig oder falsch und das muss dann übersetzt werden -- in “echte” Meinungen.

Was tut sich da, “im Netz”? Die sogenannte “Netzcommunity”, die sich immer wieder “ritualisiert echauffiert” und sonst nichts anderes im Sinn zu haben scheint, sie ist unheimlich, man kennt sie nicht. Der Medienjournalist Stefan Niggemeier hat die Widersprüchlichkeit dieses Gefühls großartig analysiert.

Mal ehrlich: Kein Mensch käme auf die Idee, von der Erregungskultur “der Telefonbenutzer” zu sprechen. Es wäre aber ähnlich treffend.

54 Millionen Menschen in Deutschland sind online. Ihre Interessen und Meinungen sind, das liegt in der Natur des Menschen, alles andere als einheitlich. Die Erkenntnis mag unbequem sein, aber eine Meinung, die jemand über das Internet äußert, ist die Meinungsäußerung einer echten Person. Und in den meisten Fällen auch nicht anonym.

Oder wie viele Menschen kennen Sie, die auf Facebook noch mit "puschy72" angemeldet sind? Wenn diese Person für eine Meinung oder einen Vorschlag Zuspruch bekommt - nichts anderes ist eine Petition - dann ist das ein Fakt.

Wir können dann über ihren Vorschlag diskutieren, ihn unsinnig finden oder begrüßen. Über das Medium zu diskutieren, also über den Sinn von Petitionen, geht an der Sache vorbei.

Petitionen sind keine Bedrohung

Eine Petition ist ein gutes Instrument, um ein Thema auf die Agenda zu setzen. Aber sie ist für viele Petitionsinitiatoren noch viel mehr: Eine Petition kann zum Knotenpunkt einer Kampagne werden. Mit einer Petition findet man interessierte Menschen, die sich auch engagieren möchten und kann mit ihnen kommunizieren.

Petitionen sind Debattenbeiträge, die nicht als Bedrohung gesehen werden sollten, sondern als Anfang. Die Geschichte von Anke Bastrop und ihrer Petition zur Hebammenrettung belegt das. Was Petitionen nicht befördern sollen, ist ein Politikverständnis in den Kategorien von Sieg und Niederlage, von Null und Eins.

Und was ist, wenn sich eine Online-Petitionen gegen konkrete Personen richtet? Markus Lanz etwa und aktuell: Alice Schwarzer?

Es muss klar unterschieden werden zwischen Person und Sache. Mobbing geht nicht. Doch in öffentlichen Debatten lassen sich häufig Person und Sache nicht trennen. Personen des öffentlichen Lebens müssen hinnehmen, dass ihr Verhalten als Beispiel für ein Thema herangezogen wird, das über die Person hinausgeht.

Diese allgemeine Technik der Zuspitzung und Beispielhaftigkeit wird von Journalisten im Minutentakt angewendet. Sollte das nicht auch Bürgerinnen und Bürgern erlaubt sein?

Neue Machtverschiebung

Unabhängig davon, wie man die Stoßrichtung einer Online-Petition jeweils bewertet: Dass Menschen des Alltags mittlerweile in der Lage sind, eine landesweite, öffentliche Debatte auszulösen, bringt eine neue Machtverschiebung mit sich: Bürger, Zuschauer und Verbraucher bekommen eine Stimme. Das ist die eigentliche Sensation. Tausende nutzen sie längst jeden Tag für konstruktive Vorschläge, etwa: eine Tour de France für Frauen - warum nicht? Und Entscheiderinnen und Entscheider aus Wirtschaft und Politik sollten darin eine neue Chance sehen, aus dem Dialog mit den Betroffenen zu immer besseren Ergebnissen zu kommen.

Das Engagement über Online-Petitionen wird in Zukunft nicht nur zunehmen, sondern ganz normaler Bestandteil unserer Kommunikationskultur sein. Die Zeiten, in denen der Zugang zur Öffentlichkeit einer Elite vorbehalten war, sind vorbei. Und vielleicht herrscht ja auch darüber noch ein Missverständnis.

 

Sergius Seebohm

ist Communications Director der Internetplattform Change.org  in Deutschland. Seebohm ist zudem Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Politikberatung, Dozent an der Quadriga Hochschule und Autor verschiedener Publikationen und Fachbeiträge zum Thema politische Kommunikation. Er studierte Politikwissenschaften, Philosophie, Rechts- und Literaturwissenschaften in Berlin und Düsseldorf.

Paula Hannemann

studierte Gesellschaſts- und Wirtschaſtskommunikation in Berlin und Peking. Nach mehreren Jahren in der Kommunikationsberatung, u. a. für Greenpeace baute sie die Social Media Kommunikation für den WWF Deutschland auf. Seit 2012 ist Paula Hannemann Deutschland-Chefin der internationalen Petitionsplattform Change.org. Unter ihrer Leitung wuchs Change.org in Deutschland in nur einem Jahr von 60.000 auf eine Millionen Nutzer. (Fotos: privat)