Debatte

Was macht eine gute Rede aus?

Der Bundestag lädt zur Debatte – und keiner schaut hin. Das hat einen Grund: Zu viel Rhetorik und zu wenig Debatte. Goethe schrieb von zwei Seelen in Fausts Brust. Im Bundestag hätte er Faust beide Seelen aufs Rednerpult legen lassen. Denn wichtige Entscheidungen brauchen Abwägungen. Zurzeit sehen die Leute jedoch, dass Pro und Contra hinter den Kulissen gewogen werden – mit scheinbar alternativlosem Ergebnis. Aber wer heimlich wägt, lädt zu Misstrauen ein. Nur wer öffentlich wägt, kann die Leute mitnehmen und sie zu Mitstreitern machen.
 

Wie sich die Redenkultur verändert hat

In früheren Zeiten konnte es "eine gute Rede" sein, wenn der Heerführer im Morgengrauen mit erhobenem Schwert die erste Reihe seiner Heerscharen abritt, ihre Schilde als Zeichen tiefer Verbundenheit berührte und in wenigen Sätzen darlegte, dass der Feind zu besiegen und es sowieso ein guter Tag zum Sterben sei. Pathos und Ethos waren die entscheidenden Überzeugungsmittel. Sie hatten große Kraft und erzeugten starke Stimmungen.

Rhetorikcheck: Niels Annen

Der Bundestag berät über die Fortsetzung der Operation Atalanta zur Bekämpfung der Piraterie vor der Küste Somalias. Niels Annen (SPD) spricht sich in seinem Debattenbeitrag klar dafür aus, die Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte zu verlängern. Doch warum? Immerhin gab es 2014 lediglich vier versuchte Angriffe. "Entführungen konnten seit 2012 komplett verhindert werden und aktuell befindet sich kein Schiff mehr in der Hand somalischer Piraten." Ist die Mission damit nicht erfüllt?

Rhetorikcheck: Julia Klöckner

Julia Klöckner bekommt bei "Maybrit Illner" schnell ihren ersten Applaus. Die stellvertretende CDU-Vorsitzende spricht beim Thema "Mord im Namen Allahs – woher kommen Hass und Terror?" über organisierte Rekrutierung, über junge Männer, die eine Ich-Störung haben und denen versprochen wird, dass sie Teil einer großen Geschichte werden: "Das Ergebnis ist dann, wenn man radikalisiert wird, dass man den Glauben über die Rechtsordnung stellt. Das ist das, was wir alle nicht wollen!" Das Publikum nickt und applaudiert.

Rhetorikcheck: Jörn Wunderlich

Selten hat die Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Bündnis 90/Die Grünen) einen Redner mit einem solchen Lächeln, Augenzwinkern und langen Blick angekündigt wie Jörn Wunderlich (Die Linke). Schnell wird klar, warum: Es geht endlich einmal wieder um diejenigen, die zu kurz kommen in unserem Land. Richtig, natürlich die Frauen! Roths quergestreiftes, weißblaues Matrosenshirt unter dem Blazer verrät ihre rebellische Grundhaltung. Doch was kann ein Mann wie Wunderlich zum Kampf gegen die Unterdrückung der Frau beitragen?

Rhetorikcheck: Heiko Maas

[no-lexicon]Heiko Maas, Justiz- und Verbraucherschutzminister der Bundesregierung, wirkt geradlinig, stimmlich kraftvoll und selbstbewusst, als er gegen Mittag an das Rednerpult tritt. Im Deutschen Bundestag geht es um die von ihm angestrebte Verschärfung des Sexualstrafrechts. Als Jurist eröffnet Maas die Aussprache mit einem klassischen Einstieg: Ein Fallbeispiel über einen Freispruch des Oberlandesgerichts Koblenz. Ein Vertretungslehrer hatte sein Vertrauensverhältnis zu einer 14-jährigen Schülerin ausgenutzt und sie verführt.

Rhetorikcheck: Ursula von der Leyen

Es ist nach 17 Uhr, als Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen an das Rednerpult tritt. 38 Abgeordnete haben seit dem Morgen im Deutschen Bundestag zum Haushalt 2015 gesprochen. Die Reihen haben sich gelichtet. Kein Zweifel, auf viele wirkt Ursula von der Leyen routiniert und kompetent in der Sache. Und nicht wenige wünschen sich, ebenso energiegeladen und souverän zu wirken wie sie. Doch machen diese Eigenschaften allein einen guten Redner aus?

Ziemlich beste Freunde?

Über Sieg oder Niederlage in einem TV-Duell entscheiden nur zum Teil die Worte. Wenn es darum geht, wie die Zuschauer die Kontrahenten bewerten, geben Mimik und Körpersprache den Ausschlag. Gerade und noch mehr bei einem Duell zwischen Kandidaten, die der breiten Öffentlichkeit eher unbekannt sind. Betrachtet man die schwache Medienpräsenz des Europäischen Parlaments und die niedrige Wahlbeteiligung bei der Europawahl 2009 (in Deutschland 43,3 Prozent), scheint das Interesse der Bevölkerung am Europawahlkampf doch eher gering zu sein.

RSS - Debatte abonnieren