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„Wir können auf andere Art punkten“

Olaf Tschimpke ist Präsident des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu). p&k sprach mit ihm über Lobbying vor und nach der Bundestagswahl, die Umweltbilanz der Großen Koalition und die Bedeutung der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen.

Interview: Sebastian Lange, Johannes Altmeyer

&k: Herr Tschimpke, vor zwei Jahren hat der Nabu seinen Sitz von Bonn nach Berlin verlegt. Hat sich der Umzug gelohnt?
Olaf Tschimpke: Selbstverständlich. Wir hatten vorher ja schon unsere Politikvertretung in Berlin und sind jetzt mit der kompletten Mannschaft hier. Als wir noch in Bonn saßen und ich ein Gespräch mit einem Abgeordneten in Berlin vereinbaren wollte, war das immer ein irrsinniger Aufwand. Aber auch aus medialer Sicht ist Berlin ein idealer Standort. Wir können jede Pressekonferenz, jedes Pressegespräch im eigenen Haus veranstalten. Und die Bundespressekonferenz ist nur 200 Meter von unserer Bundesgeschäftsstelle in Berlin-Mitte entfernt.

Zum ersten Mal konnte sich der Nabu von Berlin aus auf eine Bundestagswahl vorbereiten. Wie sind Sie dabei vorgegangen?
Wir haben über sechzig Gespräche mit Bundestagsabgeordneten, Fraktions- und Parteispitzen geführt. Teilweise mit den anderen Umweltverbänden zusammen, teilweise allein. Und viele der informellen Kontakte sind einfach im Reichstagsrestaurant oder anderen Stellen zustanden gekommen. Auch das ist übrigens ein Vorteil des Umzugs.

Der Nabu hat vor der Bundestagswahl   Wahlprüfsteine verschickt. Haben Sie sich mit den anderen Verbänden abgesprochen?
Das hat jeder Verband einzeln gemacht. Wir haben große inhaltliche Überschneidungen wie beim Thema Atomenergie. Es gibt aber auch Unterschiede. So fordern wir zur Unterstützung der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt“ der Bundesregierung ein „Bundesprogramm Biologische Vielfalt“, wo Maßnahmen gebündelt und in Zusammenarbeit mit Bundesländern, Kommunen, Eigentümern und Landnutzern vorangetrieben werden sollen. In den Jahren bis 2012 sollte das Programm mit mindestens 300 Millionen Euro jährlich ausgestattet werden. Es kommt auch darauf an, wie ein Verband ausgerichtet ist. Wir decken die gesamte umweltpolitische Palette ab. Bislang hat die Energiepolitik den Wahlkampf bestimmt.

Und der Naturschutz kam zu kurz?
Er ist in den Wahlprogrammen der Parteien – mit Ausnahme der Grünen – immer nur mit wenigen Halbsätzen vorgekommen. Die Frage, was mit unserem Ökosystem, von dem wir alle leben, passiert, findet viel zu wenig statt. Das wäre jedoch wichtig, weil wir nicht nur eine Wirtschaftskrise, sondern auch eine Umweltkrise haben. Andere Probleme, die den deutschen Wirtschaftsstandort massiv betreffen werden, wie Fragen nach Rohstoff-, Energie- und Wasserversorgung, tauchen auch kaum auf. All das wird die Wirtschaftslandschaft in unserem Land in den nächsten zwanzig, dreißig Jahren komplett verändern.

Ist es durch die Finanzkrise schwieriger geworden, mit „grünen“ Themen zu punkten?
Ja, die Politik versucht immer wieder, besonders das Thema Naturschutz in der Krise hinten anzustellen. Trotzdem setzt sich immer häufiger die Erkenntnis durch, dass das ein Systemfehler ist. Das Thema Nachhaltigkeit spielt eine Schlüsselrolle für die Zukunft unseres Planeten. Das merkt man daran, dass wir kein nachhaltiges Finanzwesen haben, sondern eins, das praktisch auf tagesaktuelle Entwicklungen ausgerichtet ist und somit die Krise mit verursacht hat.

Anfang Juli stimmte der Haushaltsausschuss des Bundestags für die Sicherung von 100.000 Hektar Land aus ehemaligem DDR-Volkseigentum. Das Projekt hatten Union und SPD im Koalitionsvertrag 2005 festgehalten. Auf Ihrer Webseite ist zu lesen, dass dabei „Wort für Wort“ ein Nabu-Text verwendet wurde. Können Sie Ihre politischen Ziele immer so erfolgreich durchsetzen?
Wir würden so etwas nie bei einem aktuellen Gesetzesvorhaben machen. 2005 ging es lediglich um eine Stellungnahme. Dies Vorgehen hatten wir mit den Umweltpolitikern, die uns darum gebeten hatten, so abgesprochen. Hätten die Umweltexperten der jeweiligen Fraktionen dieses Vorhaben nicht aktiv unterstützt, wäre es gescheitert.

Fühlen Sie sich auf Augenhöhe mit Lobbyisten aus der Wirtschaft?
Das tun wir – und so treten wir auch auf. Denn wir sind in der Mitte der Gesellschaft angesiedelt und beschäftigen uns mit einem der wesentlichen Zukunftsthemen einer Gesellschaft. Natürlich: Vielen Entscheidern sind wirtschaftspolitische Themen immer noch näher. Das merkt man daran, wer zu den Kanzlerrunden eingeladen wird. Ich kritisiere das nicht, um Gottes Willen. Aber da fehlt uns natürlich der Zugang. Dafür können wir auf andere Art punkten. Wir haben gute Zugänge zu den Medien und zur Wissenschaft. Wenn wir anfingen, die Lobbystrukturen der Wirtschaft nachzuahmen, wäre das falsch – und würde auch nicht gelingen.

Sie sind seit 2003 Nabu-Präsident und haben auch mit der rot-grünen Bundesregierung zusammengearbeitet. Im Vergleich zur Großen Koalition, die die ehemalige Umweltministerin Angela Merkel anführt: Hat sich die Arbeit vereinfacht oder erschwert?
Man merkt den Politikern schnell an, ob sie Umweltthemen verstehen oder nicht. Frau Merkel weiß beispielsweise ganz genau, worüber sie spricht. Trotzdem besteht oft eine Diskrepanz zwischen Wissen und erforderlichem Handeln. Bundespräsident Horst Köhler ist zum Beispiel Afrika-Kenner und weiß genau, dass Armut und Umwelt eng zusammenhängen. Generell gilt, dass Politiker, die sich in der Umweltmaterie auskennen, uns bei der täglichen Arbeit helfen.

Die Grünen vermissen Sie nicht?
An manchen entscheidenden Stellen schon. Nur müssen wir uns nüchtern mit den Wahlergebnissen auseinandersetzen. Auch im Vorfeld der Bundestagswahl wurden wir jeden Tag darum gebeten, Wahlaufrufe zu schreiben. Nur: Das mache ich grundsätzlich nicht. Wir unterstützen Themen, und da kann sich jeder seinen Reim machen. Die Menschen sind intelligent genug, das alleine zu können. Die brauchen von mir nicht gesagt zu bekommen, wo sie ihr Kreuz machen sollen. Im Übrigen haben wir in allen demokratischen Parteien Mitglieder. Ich will, dass sie sich dort für unsere Themen einsetzen. Da kann ich ganze gesellschaftliche Schichten nicht ausgrenzen.

Sind Sie mit der umweltpolitischen Bilanz der Großen Koalition zufrieden?
Das Thema Naturschutz konnte sich bei der Großen Koalition nicht richtig durchsetzen. Die Union ist traditionell sehr landwirtschaftsnah. Viele Landwirte und Vertreter des Deutschen Bauernverbands sitzen für die Partei im Deutschen Bundestag. Diese Abgeordneten haben einen direkten Zugang zur Politik und hohen Einfluss. Das macht es sehr schwer, das Thema Naturschutz nach vorne zu bringen. Die paar Umweltpolitiker sind häufig auf verlorenem Posten in der Fraktion. Gleiches gilt für die SPD, die ihre Wurzeln in der Industriepolitik hat und sich mit ihrem Ökologie-Verständnis zum Beispiel oft beim Naturschutz schwer tut. Die Grünen sind ja nicht umsonst entstanden. Sie haben die thematische Lücke gefüllt, die die beiden großen Volksparteien haben entstehen lassen.

Im Dezember steht die UN-Klimakonferenz in Kopenhagen an. Stehen von jetzt an „grüne“ Themen auf der Agenda?
Kopenhagen ist eine Schlüsselkonferenz für uns. Ich hoffe, dass grüne Themen und vor allem die Auswirkungen, die der Klimawandel auf die Weltbevölkerung haben wird, in den nächsten Monaten wieder stärker in den Medien auftauchen werden. Wir haben eine neue amerikanische Regierung, die sich im Dezember international positionieren muss. Auf internationaler Ebene verändert sich die Politik zurzeit sehr schnell. Ich glaube, dass die Klimakonferenz kurz nach der Bundestagswahl auch ein Thema in der öffentlichen Wahrnehmung sein wird.

Wie will der Nabu das unterstützen?
In Kopenhagen werden wir als Mitglied und deutscher Partner von Bird-Life International vertreten sein und Veranstaltungen durchführen. Wir wollen mit unserer Arbeit dafür sorgen, dass die zentrale Rolle, die der Arten- und Naturschutz für eine weltweit erfolgreiche Klimapolitik hat, von den Konferenzteilnehmern und der Öffentlichkeit gehört wird. Dazu gehört auch, dass wir im Vorfeld der Konferenz durch unser Brüsseler Büro auf europäischer Ebene Lobby-Arbeit machen.

Olaf Tschimpke

steht seit dem Jahr 2003 an der Spitze des mit 420.000 Mitgliedern größten deutschen Umweltverbands Nabu. Das Amt übernahm er damals von Jochen Flasbarth, der seit Anfang August neuer Chef des Umweltbundesamts ist. Tschimpke hat seine Wurzeln im Nabu-Landesverband Niedersachsen. Dort wurde er 1985 Geschäftsführer, 2000 übernahm er den Vorsitz. Der 53-jährige Tschimpke ist gelernter Diplom-Geograf.