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Politik

Wie viel Naturwissenschaft ist gut für die Politik?

Politische Maßnahmen werden immer häufiger mit naturwissenschaftlicher Logik begründet. Doch diese vermeintliche Alternativlosigkeit missversteht die Naturwissenschaft – und schadet der Politik.

von Katja Krause

Die Verwendung naturwissenschaftlicher Ideale in politischen Entscheidungen ist ein Missverständnis. Die Corona-Pandemie zeigt das deutlich auf. Sie ist ein Missverständnis von dem, was naturwissenschaftliche Rationalität in der Politik ausmacht und wo sie sich beide überschneiden. Doch welche Art von Missverständnis ist es?

Dass Ideale der Naturwissenschaften mittlerweile Geltung über ihren Forschungsbereich hinaus beanspruchen, zeigt sich an den Begründungen für die derzeitige Corona-­Politik der deutschen Regierung. Naturwissenschaftliche Ideale haben so viel Raum in unserem Denken gewonnen, dass sie in immer neuen Lebensbereichen als Maßstab für richtige Entscheidungen angewandt werden – so auch in der Politik.

In der Pressekonferenz zur Ergänzung des Infektionsschutzgesetzes am 13. April 2021 argumentiert Angela Merkel wie folgt: "Wir setzen die Notbremse bundesweit um. Wo die Inzidenz über 100 liegt, sollen künftig bundeseinheitliche Regelungen gelten. Die Notbremse ist dann nicht mehr Auslegungssache, sondern sie greift automatisch." Schärfere Freiheitsbeschränkungen greifen ausnahmslos auf Basis einer eindeutig festgelegten Zahl in der gesamten Bundesrepublik. Das erinnert an den Universalitätsanspruch, den naturwissenschaftliche Forschung an ihre Aussagen stellt, sowie an das mathematische Ideal der Physik.

Ideal der Objektivität

Ein messbarer Wert von 100, also die Formalsprache der Zahlen, garantiert gleichzeitig aber auch das Ideal der Objektivität. Hierzu wird die Bundeskanzlerin ganz deutlich, wenn sie davon spricht, dass die Ergänzung zum Infektionsschutzgesetz ein Bedürfnis der Bürger bedient: "Außerdem verstehen die Bürgerinnen und Bürger regionale Unterschiede sehr wohl, aber sie erwarten Nachvollziehbarkeit und Klarheit." 

Die Bundesregierung hat also eindeutige, den naturwissenschaftlichen Idealen entsprechende Kriterien gefunden, nach denen sie ihre politischen Entscheidungen ausrichtet. Das Ziel dieser Aneignung naturwissenschaftlicher Ideale fasst die Bundeskanzlerin in einen klaren Zusammenhang von Ursache und Wirkung: "Wir haben es ja schon einmal geschafft, durch konsequentes Handeln die Zahl der Ansteckungen wieder auf ein kontrollierbares Maß zu reduzieren. Dies kann und wird uns auch wieder gelingen." Gezielter Verzicht auf Freiheit bewirkt also die Kontrolle der Pandemie. 

In dieser Aussage wird es, ganz Naturgesetzmäßigkeiten folgend, als eine objektiv notwendige, allgemeine und wesentliche Folge des Lockdowns postuliert, Infektionszahlen zu senken. Dass es auch anders kommen könnte, dass also kein notwendiger Ursache-Wirkungs-Zusammenhang zwischen Lockdown und Reduktion der Infektionszahlen bestehen könnte, wird als Möglichkeit gar nicht erwähnt. Woher kommt dieses Denken in Zwangsläufigkeiten und Naturgesetzen?

Naturwissenschaftliche Ideale im Zeitraffer

Die Naturwissenschaften haben in den letzten Jahrhunderten zweifellos Großartiges geleistet. In der Physik hat Sir Isaac Newton mit der Formulierung des Gravitationsgesetzes und der Bewegungsgesetze den Grundstein für die klassische Mechanik gelegt. Diese wurde dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit der Formulierung der Quantentheorie durch Max Planck und der Relativitätstheorie durch Albert Einstein korrigiert. 1953 entschlüsselten James Watson und Francis Crick den strukturellen Aufbau der DNA. Die aktuelle Relevanz der Molekulargenetik zeigt sich vielleicht am deutlichsten an der Forschung von Katalin Karikó. Sie machte die Boten-RNA-Technik nutzbar, was einen Fortschritt in der Entwicklung der Corona-Impfstoffe darstellt. Woher nimmt die naturwissenschaftliche Forschung diese gewaltige Leistungsfähigkeit? 

Ein erster Blick in die lange Geschichte der Naturwissenschaften verrät: Sie fußen auf Idealen, die so in keinem anderen Bereich des menschlichen Denkens und Handelns gelten. Schon seit Aristoteles streben die Naturwissenschaften nach Wissen, das überall und jederzeit gültig ist. Ihre Aussagen sollen allgemein gelten. Die naturwissenschaftliche Forschung hat sich verpflichtet, dem Kriterium der Objektivität zu folgen. In der heutigen Praxis bedeutet Objektivität vor allem Nachvollziehbarkeit, Klarheit und Reproduzierbarkeit von Ergebnissen, aber auch Freiheit von Werturteilen, politischen Einflüssen und anderen subjektiv anmutenden ­Elementen.

Eine Gratwanderung ohne Zurück?

Was würde passieren, wenn naturwissenschaftliche Ideale zum Handlungsprinzip der Politik würden? Würde die Bundesregierung den derzeitig eingeschlagenen Weg weitergehen, wäre es durchaus vorstellbar, dass bald viel breitere Angelegenheiten des Gemeinwesens über viel längere Zeiträume hinweg auf diese Weise geregelt würden. Ein naheliegendes Beispiel ist die Klimaschutzpolitik. Mittlerweile wird sie oft in einem Atemzug mit der Corona-Krise angesprochen. Hier hat sich Deutschland bereits jetzt hehre Ziele gesetzt: Bis 2030 sollen die Treibhausgas­emissionen um 55 Prozent gegenüber dem Jahr 1990 reduziert werden. Deutschland soll bis dahin treibhausgasneutral sein. Doch was passiert, wenn sich diese Ziele mit dem derzeitigen Maßnahmenkatalog nicht erreichen lassen?

Auf Basis der derzeit angewandten Logik können wir uns eine rein fiktive Pressekonferenz im Jahre 2030 zusammenreimen. Ich übernehme die oben zitierte Wortwahl von Frau Merkel weitgehend: "Wir müssen alle Kraftwerke, alle Industrieunternehmen, alle landwirtschaftlichen Betriebe und die gesamte Abfallwirtschaft so lange ruhen lassen, bis die Treibhausgasemissionen unter dem Wert X liegen. Diese Notbremse wird von heute an bundesweit eingesetzt. Wo die Treibhausgasemissionen über dem Wert X liegen, sollen künftig bundeseinheitliche Regelungen gelten. Die Notbremse ist dann nicht mehr Auslegungssache, sie greift automatisch. Wir haben es vor acht Jahren bei der Corona-Pandemie mit ähnlichen Mitteln geschafft, durch konsequentes Handeln die Zahl der Ansteckungen auf ein kontrollierbares Maß zu reduzieren. Dies kann und wird uns auch hier und heute für unsere Klimaziele gelingen: Durch konsequentes Handeln werden wir die Zahl der Emissionen auf ein kontrollierbares Maß reduzieren."

Wahrscheinlich wird es eine solche Pressekonferenz nie geben. Anhand dieses Gedankenexperiments lässt sich aber gut erkennen, dass es seit der Corona-Pandemie grundsätzlich möglich ist, politische Entscheidungen auf Basis angeeigneter naturwissenschaftlicher Ideale zu treffen. Wo aber bleibt in dieser Logik die demokratische Legitimation? Eine Politik naturgesetzlicher Zwangsläufigkeiten sägt sich in der Demokratie den Ast ab, auf dem sie sitzt.

Forschung ist offen

Das eigentliche Problem am Denken und Handeln der Politik ist es, dass sie die ihr eigenen Prozesse und die damit verbundene Rationalität außerhalb der Naturwissenschaften aufgibt. Die Ideale der Naturwissenschaften sind für den Laien so überzeugend, weil sie scheinbar undialektisch vorgehen. Sie geben klare Antworten aufgrund von Notwendigkeiten. Yehuda Elkana, einer der großen israelischen Wissenschaftshistoriker, hat das prägnant in seinem Aufsatz "Rethinking — Not Unthinking — the Enlightenment" bereits im Jahr 2000 analysiert. Elkana erwähnt Dialektik und Konfliktfähigkeit als zwei gegenteilige Ideale des menschlichen Denkens. Sie weisen den Weg zu einem gesünderen Verständnis von naturwissenschaft­licher Forschung und auch von Politik.

Einerseits geben sie dem politischen Denken und Handeln sein Heimrecht zurück. Diejenigen Prozesse, die bisher die Angelegenheiten des Gemeinwesens verbindlich regeln, beruhen auf Willensbildung, Interessenvermittlung und Entscheidungsfindung. Das heißt: Diese Prozesse sind dialektisch und konfliktfähig. Weder der Wille noch die Interessen von Menschen, noch der Prozess einer Entscheidungsfindung ergeben sich aus unumstößlichen Gründen.

Andererseits zeigen Dialektik und Konfliktfähigkeit die Realität der naturwissenschaftlichen Forschungspraxis auf. Naturwissenschaftliche Forschung beobachtet, fragt, bildet Hypothesen, überprüft Experimente, analysiert Daten und berichtet Ergebnisse. Das tut sie aber nicht mechanistisch, also streng gebunden an die hier geschilderte Abfolge. Vielmehr tauscht sie sich mit der spezifischen Forschungsgemeinschaft aus, die ein Thema bearbeitet. Der Forschungsprozess lebt also von seiner ganz eigenen Art der Dialektik. Diese Dialektik ist es, die der Forschung ihre Leistungsfähigkeit und ihren Fortschritt beschert. Für Laien bleibt diese Dialektik zumeist im Verborgenen, da sie vorwiegend hinter geschlossenen Labor- und Bürotüren stattfindet. Lediglich das Resultat ist in wissen­schaftlicher oder wissenschaftsjournalistischer Form zu lesen.

Denken ist vielfältig

Die naturwissenschaftlichen Ideale, wie sie derzeit als Leitlinie für die Corona-Politik herhalten, gehören also zu einer komplexen, dialektischen Rationalität der Naturwissenschaften. Innerhalb dieser Rationalität regulieren sie den Forschungsprozess. Wenn sich aber die Politik diese naturwissenschaftlichen Leitlinien – und zwar nur diese Leitlinien ohne den Forschungsprozess – aneignet, missversteht sie sich selbst und missversteht sie die natur­wissenschaftliche Forschung. Warum ist das so?

Treffender als Ernst Cassirer in seinem 1944 verfassten Versuch über den Menschen könnte man das objektive Ideal der Naturwissenschaften kaum auf den Punkt bringen: "Wenn wir von der Objektivität der Zahl sprechen, dann denken wir sie nicht als gesonderte metaphysische oder physikalische Entität. Wir wollen zum Ausdruck bringen, dass die Zahl ein Instrument der Entdeckung der Natur und der Realität ist." Naturwissenschaftliche Entdeckungen sind nach vorne offen. Für die Zahl in politischen Entscheidungen gilt das nicht. Hier fällt sie in ein metaphysisches Sein zurück. Sie wird zum absolut gesetzten Werkzeug, das über die Möglichkeit von Würde, Freiheit und Gleichheit richtet. Sie wird Werkzeug über dem Grundgesetz. Welche Konsequenzen dieses Missverständnis von der Leistungsfähigkeit der Naturwissenschaften für Politiker, Bürger und das Mensch-Sein an sich haben wird, können wir wohl erst im Nachgang aufarbeiten.

Besser wäre es, das Verhältnis von Naturwissenschaften und Politik wieder auf neue, alte Füße zu stellen. Die Bereiche des Denkens in den Naturwissenschaften und in der Politik sind unterschiedlich. Sie werden von ihrer je eigenen Dialektik gesteuert. Diese Dialektik können wir in ihrem je eigenen Prozess verfeinern – und an manchen neuralgischen Punkten auch hinterfragen. Wir sollten sie nicht für eine nur scheinbare Harmonie zweier Dialektiken aufgeben, die sich nicht aufeinander reduzieren lassen. "Jede von ihnen", so schreibt Cassirer, "öffnet einen neuen Horizont und zeigt uns einen neuen Aspekt der Humanität." Möge es auch in Zukunft vielfältige Aspekte von Humanität in den Naturwissenschaften und vor allem in der Politik geben. Nur dann werden wir dem menschlichen Sein in der Vielfalt unser Rationalitäten gerecht.

Katja Krause

ist Professorin an der Technischen Universität Berlin. Sie leitet eine Forschungsgruppe zum Thema "Experience in the Premodern Sciences of Soul and Body" am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. (Foto: privat)