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Foto: Thinkstock/Anne-Marie Miller
Medien

Warum hybride Konflikte kommunikativ so gefährlich sind

Hybride Konflikte werden nicht mehr nur mit Waffen, sondern auch mithilfe digitaler Propaganda geführt. Das Ziel: Gesellschaften spalten oder destabilisieren.

von Markus Kaiser

Psychologische Kriegsführung und mediale Beeinflussung der Bürger und der Bevölkerung anderer Nationen sind keine neuen Phänomene. Während des Zweiten Weltkriegs verbreiteten die Nationalsozialisten in der "Deutschen Wochenschau" ihre Propaganda an das eigene Volk. Die USA wiederum warfen Flugblätter in deutscher Sprache über Deutschland ab, später wiederholten sie dies im Irak, wo sie auch Schulmaterial und Zeitungen verteilten. Damals kamen Flugblätter, der Rundfunk, Lautsprecher und Zeitungen zum Einsatz – im digitalen Zeitalter dagegen wird der Kampf um die Deutungshoheit auch im Internet und in den sozialen Netzwerken geführt.

Nicht immer muss es bei Kampagnen um Manipulation oder gar die Verdrehung von Fakten gehen, und nicht nur vor, während oder nach einem Krieg richtet sich Kommunikation an die Bevölkerung anderer Länder. Ziel kann ebenso sein, anderen Nationen objektive und gut recherchierte Informationen zukommen zu lassen, deren Bürger sich nicht durch eine eigene unabhängige Presse informieren können.

Die 1953 gegründete "Deutsche Welle" beispielsweise arbeitet unabhängig von der Bundesregierung und ist dem freien Journalismus verpflichtet. Intendant Peter Limbourg sagte im Gespräch mit der "Zeit" trotzdem: "Unsere Werte in der Welt zu verbreiten, ist eine nationale Aufgabe. Oder wollen wir Russia Today, Al-Dschasira und CCTV News die Deutungshoheit über die internationale Politik überlassen?"

Der Fernsehsender RT, wie sich Russia Today heute nennt, sendet seit seiner Gründung 2005 positive Nachrichten über Russland, bringt die eigene nationale Sichtweise ein (zum Beispiel beim Kaukasuskrieg) und berichtet auch über Verfehlungen im Westen, um – wie es die Organisation Reporter ohne Grenzen ausdrückt – die angebliche Doppelzüngigkeit westlicher Politik anzuprangern und die Werte der USA und der Europäischen Union infrage zu stellen. Wenn diese Berichterstattung mit Online-Aktivitäten kombiniert wird, kann diese crossmediale Vorgehensweise eine deutlich höhere Schlagkraft entfalten.

Im Krim-Konflikt soll die russische Regierung gezielt Falschinformationen gestreut haben, wie u. a. die "Süddeutsche Zeitung" berichtete. Auch während der Flüchtlingskrise soll sich Russland laut einem Bericht des Deutschlandfunks eingemischt haben, um die Stimmung in Deutschland aufzuheizen und die Bevölkerung zu spalten. Spiegel TV berichtete von ganzen Fabriken, in denen Russland im Social Web aktiv ist und versucht, Stimmungen zu manipulieren.

Auch nach der US-Präsidentschaftswahl 2017 ist heftig darüber diskutiert worden, welchen Einfluss Fake News, also gezielte Falschmeldungen, auf den Wahlausgang hatten. Nach Ansicht der beiden Wissenschaftler Matthew Gentzkow und Hunt Allcott der Universitäten in Stanford und in New York sollen im vergangenen Jahr Social Media und Fake News allerdings nur eine deutlich geringere Bedeutung für den Ausgang der Wahl gehabt haben, als die mediale Berichterstattung über deren Auswirkungen glaubhaft machen wollte.

Die beiden untersuchten, wie viele User über soziale Netzwerke zu Nachrichtenseiten kamen und welche Fake News die größte Reichweite erlangten. Daneben befragten die US-Wissenschaftler 1.200 Wähler, wobei lediglich 14 Prozent Facebook als wichtigste Informationsquelle für die Präsidentschaftswahl angaben. Das Fernsehen spiele immer noch eine deutlich wichtigere Rolle, so ein Ergebnis. Auch die am weitesten verbreiteten Fake News scheinen nur von einem Bruchteil der Wähler gesehen worden zu sein – und von denen wiederum wollen nur die Hälfte diesen geglaubt haben, wie es in der Untersuchung weiter heißt.

Problematisch wird die hybride Bedrohung allerdings, wenn politische und wirtschaftliche Interessen wie im US-Wahlkampf nicht mehr voneinander unterschieden werden können. Fälscher von Nachrichten wollen dann möglichst viele User auf Facebook, Twitter & Co. dazu bringen, den Link zu deren eigener Website zu klicken. Damit sollen Werbeeinnahmen erzielt werden. Das war auch die Motivation von bis zu 200 Fake-News-Produzenten in der 55.000-Einwohner-Stadt Veles in Mazedonien, die mit ihren gefälschten Nachrichten im US-Präsidentschaftswahlkampf viel Geld verdient haben, wie die ARD Wien dokumentiert hat.

Social Bots, also von Robotern durch Software gesteuerte fingierte Social-Media-Profile, dienen in diesem Fall dazu, dass Fake News stärker verbreitet werden und damit der Link zur werbefinanzierten Website noch häufiger angeklickt wird. So kann man dank Künstlicher Intelligenz womöglich künftig ganze Kampagnen auch ohne große Troll-Fabriken wie in Russland steuern. Hinzu kommt, dass bei einer zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche im Internet der Dinge Nachrichten und vor allem Eilmeldungen omnipräsent sein werden: ob eingeblendet in den Badezimmerspiegel, in die Windschutzscheibe im Auto oder in die Brille beziehungsweise künftig womöglich sogar Kontaktlinse.

Glaubwürdigkeit der Quelle spielt eine große Rolle

Unterschieden werden muss bei der hybriden Bedrohung zwischen falschen Fakten und einer gezielten Interpretation von wahren Fakten im Sinne eines anderen Staats. Bedrohlich wird es, wenn die traditionellen Massenmedien einen gewissen Teil der Bevölkerung nicht mehr erreichen oder wenn deren Glaubwürdigkeit in Misskredit gezogen wird. Denn so bleiben Fake News in der eigenen Filterblase stehen – ohne jede Berichtigung.

Weniger dramatisch ist das Problem, wenn richtige Fakten bewusst anders gedeutet werden. Denn Medien scheinen politische Meinungen nur zu verstärken und selten zu verändern, wie die empirischen Kommunikationswissenschaftler Lazarsfeld, Berelson und Gaudet bereits während des US-Präsidentschaftswahlkampfs 1940 in einer Untersuchung herausfanden. Hinzu kommt, dass bei der Wirkung von Medien für Leser auch die Glaubwürdigkeit der Quellen eine Rolle spielt, wie Klaus Beck in einem Aufsatz verdeutlicht hat. Deshalb ist es bei einer hybriden Bedrohung von zentraler Bedeutung, die Informationshoheit nicht aus der Hand zu geben.

Einen deutlich stärkeren Effekt können Fake News entfalten, indem durch gezielte Falschmeldungen Tabus gebrochen und Meinungen verstärkt werden. Dies würde extreme Positionen und Parteien am Rande stärken. Schweigespirale nannte die Kommunikationswissenschafts-Professorin Elisabeth Noelle-Neumann, Gründerin des Instituts für Demoskopie in Allensbach, ihr Modell: "Schweigespirale heißt: Menschen wollen sich nicht isolieren, beobachten pausenlos ihre Umwelt, können aufs Feinste registrieren, was zu-, was abnimmt. Wer sieht, dass seine Meinung zunimmt, ist gestärkt, redet öffentlich, lässt die Vorsicht fallen. Wer sieht, dass seine Meinung an Boden verliert, verfällt in Schweigen."

Echtzeit und virale Effekte als Gefahr

Eine neue Dimension erhalten hybride Bedrohungen aus zwei Gründen: Erstens werden die bewusst gestreuten Meldungen in Echtzeit und damit so schnell wie noch nie zuvor verbreitet. Zweitens können virale Effekte dafür sorgen, dass die Propaganda sehr effektiv breit gestreut wird, während Richtigstellungen womöglich deutlich weniger wahrgenommen werden.

Ein Tweet kann – anders als das auf gegnerischem Terrain abgeworfene, eingangs beschriebene Flugblatt im Zweiten Weltkrieg – in Bruchteilen von Sekunden Follower auf der ganzen Welt erreichen. Dadurch können sich auch Fake News rasend schnell verbreiten. Seit dem Durchbruch des Livestreamings 2016 ist es zudem inzwischen ein Leichtes, mit einem mobilen Gerät selbst Live-Übertragungen zu starten. Diese vermeintliche Authentizität kann Fake News noch mehr Wirkung verschaffen.

Mehr Medienkompetenz ist nötig

Das Internet, die Digitalisierung und künftig das Internet der Dinge – all dies verändert nicht nur unsere Kommunikation, sondern die komplette Art und Weise, wie wir leben und vernetzt sind. Manche Experten fordern deshalb, dass neben Lesen, Rechnen und Schreiben digitale Medienkompetenz den Stellenwert einer vierten Kulturtechnik eingeräumt bekommen soll.

Durch Medienkompetenz – ein Blick auf die Quelle, der Vergleich mit anderen Nachrichtenseiten oder der Bilder-Rückwärtssuche von Google – und politische Bildung lassen sich viele Fake News relativ leicht enttarnen. So behauptete Russland beispielsweise Anfang des Jahres, dass die USA 3.600 Panzer gegen Russland in Stellung brächten. Die Zahl war frei erfunden, wie hier nachzulesen ist. Wer nachprüfte, dass die USA insgesamt weniger als 10.000 Panzer hat, konnte diese Fake News schnell als solche entlarven.

Die Kultusministerkonferenz hat bereits 2012 in einem Beschluss über "Medienbildung in der Schule" die Bedeutung hervorgehoben: "Medienkompetenz ergänzt zeitgemäß die traditionellen Kulturtechniken und gilt in nahezu allen Bereichen allgemeiner und beruflicher Bildung inzwischen als unverzichtbare Schlüsselqualifikation."

Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch "Sicherheit für Generationen. Herausforderungen der neuen Weltordnung", herausgegeben von Florian Hahn, außen- und sicherheitspolitischer Sprecher der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag.

Markus Kaiser

ist Professor für Medieninnovationen und digitalen Journalismus an der Technischen Hochschule Nürnberg, Berater, Journalist und Buchautor. Er war Redakteur der "Nürnberger Zeitung", Pressesprecher einer Behörde und Leiter der Medienstandort-Agentur Bayerns. (Foto: Patrick Hübner)