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Foto: Pete Souza/White House Photographer
International

Merkels Navigator

Wenn sich Angela Merkel hinter verschlossenen Türen mit Staats- und Regierungschefs trifft, ist er immer dabei: Christoph Heusgen. Der außenpolitische Chefberater gehört zum engsten Zirkel der Kanzlerin. Das Licht der Öffentlichkeit meidet er. Heusgen agiert im Hintergrund, völlig geräuschlos und höchst verschwiegen. Ein Porträt.

von Eva Quadbeck

Das Büro von Christoph Heusgen liegt im vierten Stock des Kanzleramts. Hier befinden sich die Räume, in die es beim virtuellen Rundgang auf der offiziellen Kanzleramt-Webseite keinen Einblick gibt. Heusgen leitet die "Abteilung 2" für Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik. Sein Büro ist schlicht eingerichtet: Ein Holzschreibtisch und eine schwarze Ledergarnitur für Gespräche mit Gästen. Ein paar persönliche Gegenstände verraten, was dem rheinischen Katholiken jenseits des Jobs wichtig ist: Heimat und Fußball, das Neusser Schützenfest und Bayern München.

Neben seinem Schreibtisch hängt das Plakat einer Ausstellung des Malers Piet Mondrian, den Heusgen schätzt. Mondrian ist bekannt für seine Bilder mit den geraden schwarzen Linien, die Rechtecke in den Grundfarben Blau, Gelb und Rot sowie in Schwarz und Weiß umrahmen. Der Maler war der Überzeugung, dass es hinter den wechselhaften Erscheinungen der uns umgebenden Welt eine wahre Wirklichkeitssphäre gebe, die durch Übung erkennbar sei. In Heusgens Job ist das so ähnlich: In der Außenpolitik sind allerorten Muster auszumachen, die sich nur mit Übung, analytischem Verstand, Wissen und vielen Kontakten durchdringen lassen.

Eben dies macht Heusgen für die Kanzlerin in einer Welt voller Krisen und Konflikte: Er analysiert für sie die Strategien der anderen Natio­nen, plant ihre Auslandsreisen und begleitet sie dabei. Wenn Merkel nach einer Woche voller Koalitionsknatsch, Debatten um die Flüchtlingspolitik und Gerangel um die Bund-Länder-Finanzen zu einer Auslandsreise in die Maschine der Flugbereitschaft steigt, hat Heusgens Abteilung für sie einen kleinen Ordner vorbereitet mit Informationen zum Land, zur politischen und wirtschaftlichen Lage, zu den Gesprächspartnern und zu den Gesprächsinhalten. Die Details stimmen sie auf dem Hinflug ab.

Foto: Marco Urban

Hinter den verschlossenen Türen bei Treffen mit anderen Staats- und Regierungschefs sitzt der außenpolitische Berater immer dabei. Auf diesen Reisen bekommt die Regierungsdelegation wenig Schlaf und muss permanent aufmerksam sein. Merkel ist diesbezüglich für ihre sagenhafte Kondition bekannt. Da trifft es sich gut, dass Heusgen als Hobby Marathonlaufen angibt.

Neben den fixen Daten im Terminkalender der Kanzlerin wie den G7- und G20-Gipfeln sowie regelmäßigen Regierungskonsultationen hat Heusgen im Blick, welche Länder für die deutschen Interessen wichtig sind. Er sorgt dafür, dass die Kanzlerin auch dorthin reist. So nutzte Merkel den lange geplanten Asiatisch-Europäischen-Gipfel im Juli in der Mongolei auch für einen Abstecher nach Kirgisistan. Damit setzte sie ein Zeichen für die Unterstützung des Landes, das eine parlamentarische Demokratie mit einer lebendigen Zivilgesellschaft inmitten von autoritär geführten Nationen ist.

Die Außen- und Sicherheitspolitischen Berater der Staats- und Regierungschefs auf der ganzen Welt sind Heusgens Ansprechpartner. Er schafft auch neue Kommunikationskanäle für die Kanzlerin. Stehen in wichtigen Partnerländern wie beispielsweise den USA Wahlen an, dann knüpft er auf Arbeitsebene schon Kontakte zum Umfeld der Kandidaten oder lässt sie über andere Kontakte einfädeln.

Bei Reisen in Länder, die gegen unsere Standards von Freiheit und Demokratie verstoßen, tariert er im Vorfeld aus, wie und in welcher Deutlichkeit Merkel die Menschrechtsfrage anspricht. In der deutschen Außenpolitik gehört es anders als bei den Briten oder den Franzosen zur festen Regel, das Thema jedenfalls nicht auszusparen. Heusgen muss auch die langfristigen Trends im Blick haben, die der Kanzlerin wichtig sind: Die Wettbewerbsfähigkeit und das Ansehen Europas sowie die Frage, wie unsere Demokratie gegen die wachsende Zahl totalitärer Staaten nicht in die Defensive gerät.

In diplomatisch schwierigen Fragen reist der 61-Jährige auch schon mal alleine – wie während der NSA-Affäre 2013. Die Amerikaner hatten das Mobiltelefon der Kanzlerin abgehört. Es war sein schwieriger Job, eine angemessene Reaktion der Bundesregierung auf diesen Vertrauensbruch zu organisieren. Erst bereitete er ein Telefonat zwischen Merkel und Obama vor, indem sich die Kanzlerin bei Obama beschweren konnte. Später flog er noch selbst in die USA, um die Folgen der Affäre zu besprechen. Sein großer Vorteil: Er agiert völlig geräuschlos. Auch in Afghanistan und bei den Saudis war Heusgen schon in heikler Mission. Anders als Merkel oder auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier bucht der Berater als Alleinreisender Linie. Jenseits öffentlicher Aufmerksamkeit kann er Missverständnisse ausräumen und schwierige Fragen klären. "Es ist eine intellektuelle Herausforderung, sich und seine eigenen Einschätzungen auch immer wieder zu hinterfragen", sagt Heusgen über seinen Job.

Illustration: Marcel Franke

Geräuschlos und diskret

Die Eigenschaften geräuschlos, unsichtbar und top verschwiegen gehören – jenseits des Regierungssprechers – zu einer Art Jobbeschreibung für den engsten Beraterstab um Merkel. Zu diesem Kreis zählen auch ihre Büroleiterin Beate Baumann, ihre Berater für Wirtschafts- und Finanzpolitik Lars-Hendrik Röller sowie für Europapolitik Uwe Corsepius, nicht zuletzt Medienberaterin Eva Chris­tiansen. Merkel hasst Indiskretion. Ihre Leute respektieren das zu 100 Prozent. Selbstverständlich reden ihre Berater auch mit Journalisten, informieren zu Sachthemen und erklären die Sicht der Kanzlerin. Sie vermeiden es aber penibel, öffentlich in Erscheinung zu treten oder gar heiße Nachrichten zu streuen.

Bevor CDU-Mitglied Heusgen 2005 ins Kanzleramt wechselte, war er zunächst stellvertretender Büroleiter des früheren Außenministers Klaus Kinkel (FDP) und ab 1999 im Generalsekretariat des Rats der Europäischen Union in Brüssel der Büroleiter von Javier Solana, damals der Hohe Repräsentant der EU für Außen- und Sicherheitspolitik. „Merkel war zu Beginn ihrer Amtszeit eine emotio­nale Transatlantikerin. Es ist typisch Merkel, dass sie sich als außenpolitischen Berater einen so nüchternen Europa-Kenner ausgesucht hat“, sagt einer, der Merkel und Heusgen gut kennt und beide sehr schätzt. Merkel sei halt immer schon darauf bedacht gewesen, Gleichgewicht herzustellen.

Foto: Marco Urban

Heusgens Einfluss auf die Kanzlerin muss man sich wie den eines Navigationsgeräts auf einen Autofahrer vorstellen. Der 61-Jährige kennt den Weg rund um die Welt und auch die diplomatischen Ausweichrouten. Nach rationalen Kriterien empfiehlt er einen Kurs, sie entscheidet und steuert, wo es am Ende langgeht. Im Arbeitsalltag stehen die beiden täglich im Kontakt – telefonisch und persönlich, wie es sich ergibt. Heusgen, der so lange wie kaum ein anderer Berater für Merkel arbeitet, schätzt an der Kanzlerin ihre rationale Art, die Welt zu betrachten. Auf internationalem Parkett schauen die Berater anderer Staatenlenker durchaus mal neidvoll zu den Deutschen herüber, deren Regierungschefin wenig Aufheben um die eigene Person macht, zuhören kann und sich gerne beraten lässt.

Ideelle Aufgabe gesucht

Anders als andere Merkel-Vertraute wie die frühere Staatsministerin Hildegard Müller und der einstige Kanzleramtschef Ronald Pofalla zieht Heusgen nichts zu einer neuen lu­krativen Aufgabe in der Wirtschaft. "Ich bin Ökonom, habe in St. Gallen studiert. Da ist man prädestiniert, einen gut dotierten Posten in der Wirtschaft anzunehmen. Ich wollte aber eher für etwas Ideelles arbeiten, und deswegen habe ich mich früh für den Auswärtigen Dienst begeistert und damit die Möglichkeit, für das Land, für die Interessen der deutschen Außenpolitik zu arbeiten", sagt er.

Überraschend bei Heusgen ist, dass er nicht nur dafür lebt, Kanzlerberater zu sein, was in seiner Position nichts Ungewöhnliches wäre. Bevor er morgens ins Kanzleramt kommt, hat er schon seine beiden kleinen Kinder in die Kita gebracht. Wetten kann man darauf abschließen, dass die Kanzlerin grundsätzlich am letzten Augustwochenende keine Auslandsreisen unternimmt. Denn dann startet im rheinischen Neuss das Schützenfest. Der Mann, der ihre Reisen organisiert, sagt über dieses Ereignis: "Das ist das wichtigste Datum im Jahr." In 35 Jahren Politikberatung auch auf Stationen in Chicago, Paris und Brüssel hat er es nicht ein einziges Mal versäumt.

Wenn er vom Neusser Schützenfest erzählt, gerät der nüchterne Beamte, der sich im Alltag allenfalls ein wenig Ironie als Gefühlsregung gönnt, regelrecht ins Schwärmen. Jedes Jahr gelingt es ihm, internatio­nale Präsenz für dieses Ereignis ins Rheinland zu locken. In diesem Jahr kam der amerikanische Botschafter John B. Emerson. Auch der französische, der britische und der chinesische Botschafter waren bei dem jährlichen Großereignis der Neusser schon dabei. Neuss ist Heusgens Heimat. Seine Eltern führten im Herzen der Stadt eine Apotheke, die heute seine Schwester betreibt. Beim Schützenfest trifft er alte Freunde aus Schultagen und vom Fußballspielen. Von ihnen hört er, was normale Bürger über Merkels Politik denken. Das empfindet er auch als hilfreich für ­s­­einen Job.

Wenn in Neuss das Schützenfest läuft, schrammt die Regierung nur knapp an der Handlungsunfähigkeit vorbei: Auch Gesundheitsminister Hermann Gröhe und Finanzstaatssekretär Johannes Geismann, der früher auch im Kanzleramt arbeitete, lassen in Berlin dafür alles stehen und liegen. Das Brauchtum in Neuss dürfte eines der wenigen Themen sein, bei denen sich Merkel und ihr Berater nicht blind verstehen: Diese Art der Leidenschaft ist der Kanzlerin fremd.

Biografische Daten:

1955 geboren in Düsseldorf

1973 Studium der Ökonomie in St. Gallen/Promotion 1980

1983 Generalkonsulat Chicago

1986 Deutsche Botschaft in Paris

1988 Auswärtiges Amt: Koordination der deutsch-französischen Zusammenarbeit

1990 EU-Grundsatzreferat/Mitwirkung Maastricht-Vertrag

1993 Stellvertretender Büroleiter von Außenminister Kinkel (FDP)

1999 Leiter des Politischen Stabs von Javier Solana, Hoher Repräsentant der EU für Außen- und Sicherheitspolitik

Seit 2005 Außenpolitischer Berater für Kanzlerin Merkel

2015 Verleihung Ehrenkreuz der Bundeswehr in Gold für langjährige herausragende Arbeit im Dienste der Außen- und Sicherheitspolitik

Eva Quadbeck

berichtet seit 2002 aus dem Regierungsviertel. Seit 2014 leitet sie die Parlamentsredaktion der "Rheinischen Post". (Foto: Andreas Krebs)