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Lobbyisten für das Gute

Wer in Deutschland Verantwortung für Entscheidungen trägt, muss seit Jahren mit einem anhaltenden Vertrauensverlust leben – das gilt für alle: für Wirtschaft, Politik, und auch für Medien. Gleichzeitig gewinnen Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) stetig an Reputation, in vielen Umfragen führen sie die Liste der Institutionen an, denen der Bürger vertraut.
Seit Mitte der 90er Jahre wächst zwar der Respekt der Bürger vor der Kompetenz und Leistungsfähigkeit des Marktes und der Unternehmen; gleichzeitig verringert sich aber das Wissen und das Vertrauen der Bevölkerung in die Wirtschaft. Kritik und Misstrauen nehmen zu. Schon  vor der Finanzkrise war eine Mehrheit der Meinung, dass die gemeinsamen Interessen zwischen Wirtschaft und Gesellschaft dramatisch schwinden. Dies hat sich seitdem weiter verschärft. Zunehmend misstrauisch ist die öffentliche Meinung in Deutschland deshalb gegenüber unternehmerischen Entscheidungen. Gerade Entscheidungen von Unternehmen werden darauf abgeklopft, warum sie falsch sein könnten. Unternehmen wird gern ausschließlich reiner Egoismus unterstellt – und jede gesellschaftliche Verantwortung abgesprochen.

Eben diese Verantwortung wird bei den Nicht-Regierungsorganisationen meist gesehen. Ihnen wird Unabhängigkeit von Interessen und die Vertretung des Gemeinwohls zugesprochen. Dabei zeigen sich in den öffentlichen Erwartungen auch seltsame Paradoxien:

• „Leistung“ wird erwartet – „Leistung“, die zu qualitativ hochwertigen Produkten führt, „Leistung“ aber auch beim Service. Der individuelle Leistungsanspruch wächst – die „Arbeit“ aber wird kollektiv verunglimpft.
• Neue Technologien werden individuell gern in Anspruch genommen – kollektiv aber abgelehnt (wir wollen zurück zur Natur, aber nicht zu Fuß).
• Für jede Krankheit wird individuell ein Medikament gefordert und auch benutzt – kollektiv aber werden die dafür notwendigen Forschungen verdammt.
• In der Globalisierungsdebatte wird die Verbesserung der Chancen der entwickelten Länder individuell begrüßt – kollektiv jedoch geschmäht.
• Die besten Schulen werden individuell gefordert – aber der Beruf des Lehrers wird gering geachtet.

Der Philosoph Hermann Lübbe aus Zürich stellt fest, dass der in demokratischen Systemen unentbehrliche Common Sense zunehmend von einem Funktionsverlust bedroht ist: „Noch nie“, so schreibt Lübbe, „hat eine Zivilisationsgenossenschaft lebenserfahrungsgemäß ihre Lebensbedingungen weniger verstanden als unsere eigene“. Das Wissen unserer Gesellschaft war noch nie so umfangreich wie heute – und es wächst exponentiell. Der Einzelne aber versteht die Welt um uns herum immer weniger; auch wenn die Gesellschaft insgesamt immer mehr Wissen gesammelt hat.
Dieses Phänomen erklärt die bei demokratischen Sacheentscheidungen zunehmende Neigung, „Nein“ zu sagen. Nach Lübbe ist dieses „Nein“ keine begründete Ablehnung – solche Gründe hätte man ja mangels Erfahrung gar nicht zur Verfügung. Das „Nein“ wird vielmehr gesagt, weil man sich überfordert fühlt, man enthält sich gleichsam eines Urteils. Dieses „Nein – sicherheitshalber“ ist der Kern einer Krise der Akzeptanz.
Wie nie zuvor sind die Menschen in unserer Epoche andererseits aber auf Vertrauen angewiesen, auf das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Leistungen und das Urteilsvermögen des Fachmanns.
Dies nun ist die Stunde der NGOs: Sie geben dem unspezifischen „Nein“ oft die Argumentationen; sie geben der Ablehnung und der Skepsis eine Stimme. Sie genießen fast immer die höhere Glaubwürdigkeit – und dabei wird ihnen auch meist Kompetenz unterstellt.
Als Volkswirtschaft können wir uns jedoch eine solche Krise der Akzeptanz der Entscheidungsträger nicht leisten. Wenn wir weiter wettbewerbsfähig sein wollen, müssen wir für technischen Fortschritt einen breiten gesellschaftlichen Konsens erreichen. Der Weg dorthin führt nur über einen dramatischen Zuwachs an Transparenz – und damit an Kommunikation. Die Krise der Akzeptanz darf sich nicht weiter verschärfen, sie muss, im Gegenteil, aufgelöst werden.
Es hilft nun nichts, wenn Wirtschaft und Politik ihre eigenen Defizite beklagen und ständig den Vertrauensvorschuss der NGOs kritisieren – es ist die Aufgabe der Entscheider, diese Vertrauenslücke zu schließen. Wir müssen lernen, mit den Paradoxien zu leben. Die exponentiell steigende Komplexi­tät der Welt verlangt nach differenzierten Erläuterungen und Botschaften. Diese Kommunikation muss geleistet werden, in gesunder Konkurrenz zu den Nicht-Regierungsorganisationen, denen weiterhin die Aufgabe der Formulierung der „zweiten Meinung“ zu den kontrovers diskutierten Themen zukommt.
Es gilt dann, die „erste Meinung“ argumentativ selbstbewusst zu vertreten – und für beide Seiten gilt das Gebot der völligen Transparenz: Wirtschaft, Politik und NGOs müssen ihre Interessenlage gleichermaßen publik machen, ihre Finanzierung im Detail nachweisen und ihre Quellen nennen.

Richard Gaul

ist Kommunikationsberater in Berlin und Vorsitzender des Deutschen Rats für Public Relations. Er war über 20 Jahre Kommunikationschef von BMW, zuvor Journalist bei „Zeit“, „Manager Magazin“ und anderen.