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„Intelligenz ist ein bürgerliches Phänomen“

Der Psychologe Heiner Rindermann ist Experte für den Zusammenhang zwischen Intelligenz und politischer Orientierung. Im April 2011 veröffentlichte der Chemnitzer Professor zusammen mit zwei südamerikanischen Forschern eine Studie, in der sie die Intelligenz von knapp 600 Testpersonen mit deren politischen Überzeugungen verglichen.

Interview: Christina Bauermeister

p&k: Herr Rindermann, wie lange beschäftigen Sie sich schon mit dem Zusammenhang zwischen Intelligenz und politischer Orientierung?
Rindermann: Ich habe 2006 mit der Arbeit an einem internationalen Vergleich begonnen, der untersucht, welchen Einfluss Bildung und Intelligenz auf die politische Entwicklung von Nationen haben. Das Ergebnis der Studie war, dass die Länder, in denen die Bevölkerung im Durchschnitt ein höheres Bildungsniveau aufweist, sich besser in Richtung Demokratie und Rechtsstaatlichkeit entwickelten. Die Resultate bestätigten die Unterschiede, die es zwischen den Industrieländern und den Dritte-Welt-Ländern ohnehin schon gibt. Bildung und Intelligenz sind also demokratieförderlich.
Kritiker halten diesen Zusammenhang zwischen IQ und politischer Einstellung für konstruiert.
Natürlich spielen auch andere Einflussfaktoren eine Rolle. Beispielsweise haben wir in der Brasilien-Studie auch das Familieneinkommen der befragten Personen mit erhoben. Warum? Weil politische Einstellung auch ein Nebeneffekt des sozioökonomischen Status sein kann.
Wie genau hängt das zusammen?
Nehmen wir an, jemand ist intelligent, hat dadurch Erfolg im Bildungssystem und erreicht einen höheren beruflichen Status. Dadurch wird diese Person automatisch zufriedener und neigt weniger zu revolutionären oder extremen politischen Positionen. In diesem Fall wäre der Zusammenhang zwischen Intelligenz und politischer Überzeugung eher indirekt.
Wer ist denn nun intelligenter, die Menschen mit progressiven oder mit konservativen Einstellungen?
Wir sind in der Brasilien-Studie zu dem Schluss gekommen, dass die intelligenteren Personen eher zur bürgerlichen Mitte tendieren. Die niedrigsten Intelligenzwerte hatten die Anhänger der politischen Ränder, sowohl links als auch rechts. Intelligenz sehen wir hier eher als bürgerliches Phänomen. Menschen mit höherem IQ sind besser in der Lage, komplexe politische Prozesse zu verstehen. Zudem wird Intelligenz mit bürgerlichen Einstellungen assoziiert wie Fleiß. Übrigens kommt der Psychologe Ian Deary für Eng­land zu einem ähnlichen Ergebnis. Bei ihm schnitten die Anhänger der Liberaldemokraten am besten ab, am schlechtesten die der rechtsextremen British National Party.
Ihr britischer Kollege Satoshi Kanazawa kommt zu dem gegenteiligen Ergebnis.
Ja, das stimmt und ich erachte die These Kanazawas durchaus als wissenschaftlich fundiert. Seine Überlegung, dass intelligentere Menschen politisch progressiv sind, weil sie gewissermaßen in der Evolution einen neuen Weg einschlagen, ist durchaus plausibel. Gleichzeitig muss man aber beachten, dass der Zusammenhang zwischen Intelligenz und politischer Überzeugung von Land zu Land unterschiedlich ist. Das Verhältnis ist kulturell-historisch mitbedingt und muss in Relation zum vorherrschenden politischen System betrachtet werden. Es ist also völlig normal, dass der Intelligenzeffekt nicht in allen Ländern in die gleiche politische Richtung geht. Ein Beispiel: Während der Zeit des Nationalsozialismus war es ein Zeichen von Intelligenz, wenn sich jemand gegen das System stellte, also links von der Macht war.
Kann man denn den formalen Bildungsabschluss so einfach mit der Intelligenz gleichsetzen?
Es gibt zwischen Intelligenz und dem Bildungsabschluss einer Person bewiesenermaßen einen Zusammenhang, auch wenn dieser nicht perfekt ist. Als Forscher sind wir gezwungen, auf diesen abgeleiteten Indikator zurückzugreifen, wenn uns keine besseren Daten zur Verfügung stehen.
Wo würden Sie sich denn selbst politisch verorten?
Ich sehe mich als Wissenschaftler als überparteiliche Person. Privat unterstütze ich jedoch das Bündnis Bürgerwille, das sich unter anderem für geordnete Staatsinsolvenzen und ein Austrittsrecht aus dem Euro einsetzt.
In der Brasilien-Studie erläutern Sie, dass auch die politische Beteiligung intelligenzabhängig sei. Die Wahlbeteiligung bei Bundestagswahlen sinkt. Sind die Deutschen etwa zu dumm zum Wählen?
In Brasilien war es tatsächlich so, dass sich die intelligenteren Befragten eher an Wahlen beteiligten. Allerdings kann man mit diesen Daten keine historischen Trends erklären. Auf jeden Fall gibt es im 20. Jahrhundert weltweit einen Trend zum Bildungsanstieg. Warum die Deutschen weniger zur Wahl gehen, hat andere Gründe. Vielleicht sind die Wähler heute einfach zufriedener mit dem politischen System und gehen deshalb weniger wählen. Oder sie sehen keine wählbaren Alternativen.
Wie ist Ihrer Meinung nach in ­Deutschland die Intelligenz zwischen den politischen Überzeugungen verteilt?
Das kann ich leider nicht beurteilen, dazu fehlen mir Daten zu Intelligenz und Bildung der Parteianhänger. Die Ergebnisse der Pisa-Studie, in denen die unionsgeführten Länder im Durchschnitt besser abgeschnitten haben als die sozialdemokratisch geführten, lassen aber den Rückschluss zu, dass es in Deutschland einen ähnlichen Effekt gibt wie in Brasilien. Intelligenz scheint auch hierzulande eher ein bürgerliches Phänomen zu sein.