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Politik

Have no fear, German!

Statt vorzudenken und neue Ideen mutig voranzutreiben, werden in Deutschland immer erst Probleme gewälzt: Wir laufen Gefahr, uns von den technischen Entwicklungen des 21. Jahrhunderts abzukoppeln und zu einem Land der Industrie-Dinosaurier zu werden.

von Christoph Keese

Schon bald wird es mehr Drohnen als Autos geben, hat Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) kürzlich gesagt – und gleich hinzugefügt, dass Deutschland als erstes Industrieland die regulativen Voraussetzungen für kommerzielle Transportdrohnen schaffen sollte. Nicht nur das: Auch bei selbstfahrenden Autos solle die Bundesrepublik Pionier sein und notwendige Gesetze schaffen. Was ist von solchen Vorschlägen zu halten? Sehr viel.
Altmaiers Vorschlag repräsentiert genau jene Art von Politik, die wir brauchen, um den Anschluss an die Digitalisierung wieder zu finden, den wir im vergangenen Jahrzehnt verloren haben. Nach vorne denken, gestalten wollen, Chancen ergreifen, nicht nur die Risiken sehen – diese Tugenden spielen in der gegenwärtigen politischen Debatte eine zu geringe Rolle. Wir laufen Gefahr, uns von den treibenden technischen Entwicklungen des 21. Jahrhunderts abzukoppeln und zu einem Land der Industrie-Dinosaurier zu werden, das nicht verstehen will, was die Digitalisierung für eine Volkswirtschaft bedeuten kann. Wir brauchen mehr kühne Vorschläge wie den von Peter Altmaier.

Schauen wir die Zahlen an, die illustrieren, wie weit Deutschland bei der Digitalisierung und der Entwicklung disruptiver Geschäftsmodelle bereits zurückgefallen ist. Als ich 2013 im Silicon Valley gelebt habe, flossen rund 15 Milliarden US-Dollar Wagniskapital in kalifornische Startups. In den USA insgesamt waren es rund 30 Milliarden Dollar. Der Vergleichswert für Deutschland lag bei rund 700 Millionen Euro, davon etwa 100 Millionen aus staatlichen Förderprogrammen. Nur ein Jahr später, also 2014, ist die Summe in den USA um mehr als die Hälfte gestiegen. Nach den Daten des US-Venture-Capital-Verbands NVCA wurden in den USA 2014 mehr als 48 Milliarden Dollar Wagniskapital investiert. Etwa die Hälfte der Summe ist dem Silicon Valley zuzurechnen. Die "Financial Times" geht sogar von rund 66 Milliarden Dollar für 2014 aus. Deutschland hingegen ist keinen Schritt vorwärts gekommen. Die Vereinigten Staaten investieren rund 50 bis 60 mal mehr Wagniskapital, obwohl das Land nur knapp viermal so viele Einwohner hat.

Natürlich stellt Wagniskapital nur einen Teil der wirtschaftlichen Aktivität dar. In einer Hinsicht aber ist es ein ausgezeichneter Indikator: bei disruptiven Innovationen. Das sind nach der gängigen Klassifikation des Harvard-Wissenschaftlers Clayton Christensen solche Innovationen, die herkömmliche Märkte vollständig zerstören und neue an ihre Stelle setzen. Der Übergang von der CD zu Spotify zum Beispiel verläuft disruptiv, weil Spotify weder Presswerke noch Plattenläden benötigt. Von den traditionellen Marktstrukturen der Musikbranche bleibt wenig übrig, wenn sich der Online-Strea­mingdienst weiter durchsetzt. Das Gegenteil von disruptiver Innovation ist nach Christensen erhaltende Innovation. Der Übergang von der Vinyl-Platte zur CD ist ein gutes Beispiel: Bestehende Marktstrukturen werden bewahrt.

Disruptive Innovationen werden fast ausschließlich durch Wagniskapital finanziert. Für Finanzierungsformen wie den klassischen Firmenkredit oder Anleihen sind sie zu riskant. Daher ist die Höhe des in den USA investierten Wagniskapitals ein guter Anzeiger für das Ausmaß der disruptiven Innovation, die dort gerade auf den Weg gebracht wird.

Uns in Deutschland kann das nicht gleichgültig sein, sind es doch vor allem unsere Kernbranchen, die aus dem Silicon Valley angegriffen werden: Automobilbau, Banken, Logistik, Medizin, Gesundheitswesen, Handel, verarbeitendes Gewerbe. Die Angriffe sind immer intensiver geworden. Bei Banken zum Beispiel gibt es fast kein Element der Wertschöpfung mehr, das nicht disruptiv unterwandert wird. Lending Club revolutioniert den ungesicherten Privatkredit, WealthFront und Motif lassen Anlageberater alt aussehen, und PayPal drängt sich jedem als Alternative auf, der IBAN-Nummern hasst. Inzwischen können Banken nicht einmal mehr sicher sein, dass ihre Königsdisziplin – Investmentbanking – von disruptiven Angriffen verschont bleibt.

Nicht viel anders ergeht es der Automobilindustrie, die schmerzhaft erkennen muss, dass der Bildschirm in der Mittelkonsole der wichtigste Teil des Autos sein wird, nicht der Motor oder die Bremse, und dass diesen Bildschirm beherrschen wird, wer das Betriebssystem und die Handelsplattformen liefert. In diesem Geschäft sind deutsche Autokonzerne nicht tätig, und sie werden den Rückstand nicht aufholen können, den sie in den vergangenen zehn Jahren haben entstehen lassen.

Was tun? Die Politik hat vier Aufgaben: Erstens die Wagniskapital-Lücke zu schließen, zweitens Schulen und Universitäten zu reformieren, drittens zu einem gesellschaftlichen Klima von Wagemut und Scheitertoleranz beizutragen und viertens geschützte Räume zu erzeugen, in denen Deutschland bei Innovationen eine Führungsposition aufbauen kann. Es ist unbegreiflich, warum die Bundesregierung das Problem ignoriert und in Untätigkeit verharrt, während das Kapital mit den Füßen abstimmt und vor allem in den USA und Israel eine grundlegende Erneuerung der Volkswirtschaft durch den Aufbau junger, erfolgreicher Firmen finanziert.

Geschütze Räume können auf jenem Weg entstehen, den Peter Altmaier skizziert hat. Dabei geht es nicht um Protektionismus. Wir wollen kein neues Alibaba schaffen, indem wir nach chinesischem Vorbild Facebook und Google ausgrenzen. Was aber möglich und wünschenswert ist, sind gesetzgeberische Reformprojekte, die Deutschland zum attraktivsten Land für Innovationen machen.

Stellen wir uns vor, Deutschland würde als erster Staat alle Regeln schaffen, die es Transportdrohnen erlauben, Waren von A nach B durch die Luft zu befördern. Die rechtlichen Probleme, die das mit sich bringt, sind so kompliziert, dass einem schwindelig werden kann. Nicht anders sieht es beim selbstfahrenden Auto aus. Wer haftet bei einem Unfall – der Halter oder der Hersteller der Software? Wen soll das Auto treffen, wenn es einem Hindernis ausweichen muss und beklagenswerterweise nur die Wahl zwischen der Kollision mit einem Schulkind und einem Rentner hat, zwischen einem Fahrradfahrer mit und einem ohne Helm? Doch gerade weil die Probleme so kompliziert sind, bietet sich Deutschland eine Chance, denn wir sind Weltmeister in der juristischen Durchdringung komplexer Materien. Unseren Hang zu Regulierung könnten wir bei diesen Themen produktiv einsetzen.

Wenn uns das gelänge, könnten wir den Herstellern von Drohnen und selbstfahrenden Autos einen großen, wohlhabenden, hoch entwickelten Markt anbieten, und mit großer Wahrscheinlichkeit werden sie sich diese Chance nicht entgehen lassen. Gelingt uns das aber nicht, werden diese Drohnen und Autos eben in Israel und den USA entwickelt, wo die Gesetzgebung in einzelnen Bundesstaaten schon jetzt erstaunlich weit vorangeschritten ist. Wir werden dann erleben, wie diese Drohnen nach Deutschland importiert werden und DHL disruptiv angreifen, ohne dass wir selbst an dem größten Teil der Wertschöpfung teilhaben können – die findet auf der Plattform statt, nicht beim Betrieb der Drohnen.

Eine ähnliche Entwicklung erleben wir auch in anderen Branchen:  Von den Taxifah­rern lassen wir uns die politische Agenda aufzwingen, anstatt die Chancen zu nutzen, die in der Sharing Economy liegen. Wir sollten innovative Firmen nicht aus dem Land halten wollen, sondern mit offenen Armen empfangen, indem wir Gesetze schaffen, die faire Bedingungen für alle konkurrierenden Anbieter schaffen. Wir werden die Sharing Economy nicht aufhalten können, und wir sollten es auch nicht wollen, denn sie sorgt für nachhaltigeren Umgang mit Ressourcen. Noch deutlicher: Wir sollten uns zum Musterland der Sharing Economy entwickeln. Im Silicon Valley soll man sich zuraunen, dass nach Deutschland gehen muss, wer es wirklich wissen will. Um das zu erreichen, müssen wir Innovation umarmen und kluge, faire Rahmenbedingungen schaffen.

Heute sind wir noch weit davon entfernt. Heute überwiegt die Angst vor Neuem. Doch diese Angst können wir überwinden.

Christoph Keese

ist Executive Vice President von Axel Springer. 2013 lebte er mit drei Kollegen, darunter "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann, für sechs Monate im kalifornischen Silicon Valley.