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Alles hat seine Zeit

Köhler, Koch, von Beust: Deutschland erlebt eine Reihe spektakulärer Politikerrücktritte. Ihre Gründe sind unterschiedlich – trotzdem gab es bei den drei Männern eine Gemeinsamkeit: die Sehnsucht nach einer Alternative zum hektischen Politikbetrieb.

Von Johannes Altmeyer

Für die deutsche Politik könnte der August dieses Jahres eine Zeitenwende bedeuten. Denn die Rücktritte des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch und des Hamburger Bürgermeisters Ole von Beust stehen für einen Trend, der bei führenden politischen Akteuren immer öfter erkennbar wird: der Rückzug aus freien Stücken. Koch und von Beust regierten in ihren Ländern als „Landesfürsten“: souverän und mit breiten Mehrheiten im Parlament. Innerhalb der CDU galten beide als Ausnahmetalente, die durch den legendären Andenpakt bestens vernetzt waren und oft mit noch höheren Ämtern in Verbindung gebracht wurden. Umso größer war die Überraschung, als Koch Ende Mai und von Beust rund acht Wochen später bekanntgaben, dass sie ihre Ämter vorzeitig abgeben würden. Welchen Grund hatten die Politiker, mit Mitte 50 so plötzlich zurückzutreten?
Als von Beust Mitte Juli im Hamburger Rathaus vor die Presse trat, um die Öffentlichkeit über seinen Entschluss zu informieren, sagte er: „Die biblische Erkenntnis „Alles hat seine Zeit“ gilt auch für Politiker.“ Der Mann aus der Hansestadt, der nun in der freien Wirtschaft sein Geld verdienen möchte, meinte damit seine 32 Jahre in der aktiven Politik; gleichzeitig hätte dieser Satz auch in Roland Kochs Rücktrittsankündigung auftauchen können. Der hessische Ministerpräsident sagte bei seinem Rücktritt: „Politik ist ein faszinierender Teil meines Lebens, aber Politik ist nicht mein Leben.“ Steckte hinter diesen Erkenntnissen wirklich nur Frust wegen des ausbleibenden Rufs von Bundeskanzlerin Angela Merkel an den Berliner Kabinettstisch? In diesem Zusammenhang darf ein weiterer Rücktritt nicht vergessen werden, der die Deutschen Ende Mai so überraschte, dass viele erst einmal im Grundgesetz nachlesen mussten, ob es überhaupt möglich sei: der des damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler. Fakt ist, dass bei den drei Männern unterschiedliche Faktoren dazu geführt haben, ein neues Lebenskapitel aufschlagen zu wollen. Vor dem Hintergrund jedoch, dass Mitte Juli auch der neue baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus angekündigt hat, sein Amt aufgrund des erhöhten Tempos und der gestiegenen Komplexität nicht länger als zehn Jahre ausüben zu wollen, scheint der Entschluss, sich nur noch befristet in der Politik zu engagieren, alltäglich geworden zu sein. Deutschland im Jahr 2010: eine Republik der Aussteiger?
Ein Blick zurück zeigt, dass sich deutsche Politiker mittlerweile auch ein Leben außerhalb des Parlaments, von Ministerien und Staatskanzleien vorstellen können. Bei Männern wie Helmut Schmidt, Herbert Wehner und Franz-Josef Strauß war die Politik weniger Beruf, vielmehr Berufung. Ein Rücktritt erschien unmöglich – er wäre einer Lebensniederlage gleich gekommen. Und heute? „Das Berufsbild des Politikers ändert sich“, sagt Pascal Beucker. Der Journalist arbeitet für die „taz“ als landespolitischer Korrespondent in Düsseldorf und hat 2006 das Buch „Endstation Rücktritt – Warum deutsche Politiker einpacken“ geschrieben. „Für Politiker war es früher selbstverständlich, bis zur Rente im Parlament aktiv zu sein.“ Die ehemaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl zeigten, dass sie selbst nach der Abwahl nicht ganz loslassen konnten. Und auch Helmut Schmidt, obwohl parteipolitisch nicht mehr aktiv, meldet sich mit 91 Jahren regelmäßig zu Wort und gibt seiner Partei Ratschläge. Wie sehr sich der Sozialdemokrat damit von anderen ehemaligen Spitzenpolitikern unterscheidet, zeigt sich bei einem Anruf in Bremen.

Sog der Wichtigkeit

Henning Scherf, der frühere Bürgermeister der Hansestadt, entschied 2005, nur noch Privatier sein zu wollen. Damals sagte er, dass er auch ein Leben nach der Arbeit führen und nicht „mit den Füßen zuerst aus dem Rathaus“ getragen werden wolle. Auf die Frage, was für ihn heute anders sei, antwortet Scherf: „Ich habe ein ganz neues Leben angefangen. Es gibt keine Termine mehr, die mir andere Menschen vorschreiben. Ich muss mich nicht nach fremden Fahrplänen richten, sondern kann meinen Tag selbst gestalten.“ Spricht der 71-Jährige heute über seine Zeit als Politiker, klingt er ernüchtert. „Es war eine große Belastung. Es gibt wenig Vergleichbares in der Gesellschaft.“ Vor allem der zeitliche Aufwand sorge für einen hohen Stressfaktor. „Einen Feierabend gibt es nicht. Passt man nicht auf, kann einen das auffressen“, sagt Scherf. Dazu komme, dass es im Politikbetrieb praktisch keine Selbstständigkeit mehr gebe, die Volksvertreter ständig unter Kontrolle seien. „Manchmal habe ich gedacht, das ist wie bei einem Freigänger aus dem Knast, der nie allein gelassen werden kann. Der immer begleitet werden muss, damit er keinen Unsinn macht.“ Auch deswegen hat Scherf während seiner Zeit als Bremer Bürgermeister immer versucht, sich Aus- und Reflexionszeiten zu schaffen. „Lebensnotwendig“ sei es gewesen, so den Stress des Politikeralltags auszugleichen, eine Balance zu finden. Für den Sozialdemokraten waren das seine „informellen Strukturen“. Scherf: „Für mich waren das Menschen aus dem privaten Umfeld – aber auch darüber hinaus. Die ganz normale und alltägliche Vertrautheit geben und einen auch leben lassen, so wie man ist.“
Für den ehemaligen „Spiegel“-Autor Jürgen Leinemann ist Scherfs Strategie, den Regierungsalltag mit der Nähe zu seinen Mitmenschen auszugleichen, ein gelungenes Mittel, den Verschleiß im Amt zu bekämpfen. 2004 schrieb Leinemann in seinem Buch „Höhenrausch – Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker“: „Lebendige, offene Kontakte zu Menschen außerhalb der politischen Szene sind Barrieren gegen den süchtig machenden Sog der Wichtigkeit im täglichen Betrieb der Politik. Kaum jemand bemerkt selbst, wann die Deformation beginnt, […] das eigene Leben zur Fassade wird.“
Wie alltägliche Belastungen und Stress den Politiker verändern, untersucht Thomas Kliche an der Universität Hamburg. Der Politikpsychologe zögert nicht lange, wenn es um die Frage geht, ob die deutschen Parlamentarier zur Aussteigergeneration geworden sind. „Nein, das ist Quatsch“, sagt er. Die meisten parlamentarischen Karrieren hätten früher lange gedauert, „und tun das auch heute noch“. Für Kliche hat das vor allem einen Grund: „Wer sich für den Beruf des Politikers entscheidet, nimmt einen tiefen biografischen Einschnitt in Kauf.“ Je länger die Abgeordneten im Amt seien, desto mehr werde das Berufs- zum Privatleben. Kliche: „Der Mensch verschwindet hinter dem Mandat, eine Rückkehr in den Alltag ist schwierig.“ Auch deshalb versuchten viele Abgeordnete, so lange wie möglich im Parlament zu bleiben. Die Rücktrittswelle in der CDU ist für den Hamburger Psychologen daher kein Ausdruck eines allgemeinen Politikerprotests. Und auch der These der Grünen-Chefin Claudia Roth, die nach dem Rücktritt Ole von Beusts von einer „bürgerlichen Null-Bock-Generation“ sprach, stimmt er nicht zu.