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„Alles ein einziges Desaster“

Walter Sittler ist das prominente Gesicht der „Stuttgart-21“-Proteste. Mit p&k sprach der Schauspieler über Deutschlands neue Lust am Widerstand, regierungstreue Berichterstattung – und beleidigende CDU-Politiker.

Interview: Johannes Altmeyer

Hamburg, an einem trüben Novembernachmittag. Das Interview mit Walter Sittler soll im Café des Hotels Maritim Reichshof stattfinden. Dort angekommen, ist es nicht schwer, ihn inmitten des wuseligen Hotelbetriebs zu entdecken. Mit fast zwei Meter Körpergröße ragt er über die anderen Hotelgäste hinaus. Sittler spielt im Altonaer Theater Erich Kästners „Vom Kleinmaleins des Seins“. Im Zentrum des Stücks steht Kästners Lebensgeschichte, und wie sich der Poet zum deutschen Vorzeigebürger entwickelte. Für Sittler eine maßgeschneiderte Rolle: Mit seinen Protesten gegen das Bahnhofsprojekt „Stuttgart 21“ wurde der Schauspieler zum prominenten Gesicht des zivilen Ungehorsams. Für Sitller ist „Stuttgart 21“ nicht nur ein überteuertes Bauprojekt, sondern auch ein Symbol für ein Demokratiedefizit in Deutschland. Dagegen anzukämpfen, ist für ihn vor allem eines: moralische Verpflichtung.

p&k: Herr Sittler, ist Deutschland in diesem Jahr zu einer Protest-Nation, zu einem Land der Aufmüpfigen geworden?
Walter Sittler: Aufmüpfig klingt ein bisschen nach: Schlechtgelaunte Halbstarke attackieren die gute Obrigkeit. Das sicher nicht. Ich denke, dass die Deutschen aufmerksamer geworden sind. Sie wollen das, was ihnen aufoktroyiert wird, nicht länger hinnehmen. Und das zeigt sich in einer neuen Form des Protests.

Wie zum Beispiel die Demonstrationen gegen den Umbau des Stuttgarter Bahnhofs?
Ja, denn diese sind von einer Friedlichkeit geprägt, die die Scharfmacher in der baden-württembergischen Landesregierung geradezu wahnsinnig macht. Die Politik hätte gern, dass die Protestierenden Gewalt anwenden. Das wird aber nicht passieren. Es ist neu, dass sich ganz normale Bürger im Stuttgarter Schlosspark von Wasserwerfern umpusten lassen. Nicht umsonst diskutiert zurzeit ein Untersuchungsausschuss des Landtags über die Frage, ob die Landesregierung bei den Protesten „Agents Provocateurs“ eingesetzt hat. Also vermummte Polizisten, die sich unter die Demonstranten mischen, um die Proteste eskalieren zu lassen. Dazu ist es jedoch nicht gekommen. Warum? Die Protestierenden lassen sich von solchen Störfeuern nicht irritieren. Sie protestieren für eine Sache, nicht dagegen. Das hat sich verändert. Und ich denke, dass da noch mehr kommen wird.

Was meinen Sie damit?
Es geht um die repräsentative Demokratie, in der wir leben. Die Politiker sollen nicht immer sagen, was aus wirtschaftlichen Gründen nicht machbar ist. Die Bürger sind klug genug, viele Entscheidungen selbst zu durchdenken. Das bayerische Volksbegehren für ein strenges Rauchverbot ist dafür ein gutes Beispiel.
Sebastian Frankenberger, der Initiator des Volksbegehrens, sagt, dass die Proteste mit der schwarz-gelben Bundesregierung zu tun haben. Deren „Lobbypolitik“ habe die Deutschen verärgert. Stimmen Sie zu?
Das ist eine langfristige Entwicklung. Der Start von Schwarz-Gelb war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die FDP steht für einen bestimmten Politikstil: Scheitert die Partei mit einem Vorhaben, sagt sie, dass sie das medial nicht vermitteln konnte. Das wollen die Bürger nicht mehr hören. „Stuttgart 21“ ist ein ähnlicher Fall. Die Deutsche Bahn hat den Bürgern einen hochmodernen Bahnhof versprochen. Aber schauen Sie sich die Einzelheiten an. Tunnel, Grundwasser, Bahnsteigneigung: alles ein einziges Desaster. Ein Großteil der Erklärungen: Unsinn. Das ganze Projekt birgt lauter Risiken in sich – und ist wahnsinnig teuer: Es ist sicher, dass der Umbau deutlich mehr als die jetzt veranschlagten vier Milliarden kosten wird. Für mich ist das Politik nach dem Prinzip: Wir können alles. Das ist doch größenwahnsinnig.

All das klingt, als wäre der Bahnhof in Ihren Augen längst zu einem Symbol für ein Demokratiedefizit in Deutschland geworden.
Mittlerweile ist er das geworden. Doch es hätte nicht so weit kommen müssen. Es war unnötig, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel ihre Kanzlerschaft mit dem Umbau verbunden hat. Und warum hat sie gesagt, dass Deutschland keine zuverlässige Wirtschaftsnation mehr sei, wenn „Stuttgart 21“ nicht gebaut werde? Da frage ich mich schon: Wird da ein regionales Bauprojekt nicht zu sehr aufgewertet?

Wie erklären Sie sich dann, dass die Proteste gegen „Stuttgart 21“ eine so große Resonanz in den Medien fanden?
Deutschland hat die Stuttgarter bislang nicht mit Protest verbunden. Das war zunächst einmal überraschend. Auch die friedliche Art des Protests war neu. Das änderte sich am 30. September, als der Konflikt in Gewalt umschlug. Spätestens seit diesem Tag hatten die Protestierenden einen festen Platz in den Medien. Zumindest überregional.

Und in Baden-Württemberg?
Es ist schon so, dass die Medien dort relativ regierungstreu sind. Die Zeitungen, aber auch der SWR, haben in der Vergangenheit eher aus Erklärungen der Staatskanzlei zitiert als aus denen der Protestierenden.
Wie haben es die Initiatoren des Protests geschafft, ihre Botschaften dennoch mitzuteilen?
Durch das Internet – und die pure Information. So konnten die Initiatoren am besten klarmachen, wie unsinnig das ganze Projekt ist. Die Augenwischerei der Befürworter ist recht schnell zu durchschauen.

Anfang November hat Sie der baden-württembergische CDU-Generalsekretär Thomas Strobl in eine Reihe mit Nazi-Propagandisten gestellt. Wie haben Sie reagiert?
Erst einmal habe ich mich geärgert. Schließlich hatte das überhaupt nichts mit „Stuttgart 21“ zu tun. In erster Linie sollte ich desavouiert werden. Thomas Strobl hat gehofft, damit Zwietracht unter den Protestierenden zu säen. Das ist allerdings daneben gegangen. Ärgerlich war auch, dass er falsch zitiert hat. Er sagte ja, dass mein Vater ein Nazi-Funktionär gewesen sei und für das Reichspropagandaministerium gearbeitet habe. Beides ist falsch. Richtig ist, dass mein Vater im Auswärtigen Amt gearbeitet hat und Mitglied der NSDAP war. Aber Herr Strobl ist mit solchen Äußerungen bereits häufiger aufgefallen. Mir war klar, dass er damit ein Eigentor geschossen hat. Worüber ich mich immer noch aufrege, ist, dass keiner aus der CDU aufgestanden ist und gesagt hat, dass das nicht der Stil ist, mit dem wir uns unterhalten wollen. Aber mittlerweile habe ich mich an so etwas gewöhnt.

Was mussten Sie sich noch anhören?
Ich wurde bereits als Nazi-Propagandist, Alt-Stalinist oder Hetzer bezeichnet. Auch „die fünfte Kolonne der DDR“ war schon einmal dabei. Das ist purer Dampf und Rauch und fällt auf die Leute zurück, die das gesagt haben.

Gab es ein persönliches Gespräch zwischen Ihnen und Herrn Strobl?
Nein. Er hat sich schriftlich bei mir entschuldigt, was ich auch angenommen habe. Über was sollen wir uns noch unterhalten? Er findet, dass ich ein Anti-Demokrat bin.

Viele Bürger – nicht nur in Baden-Württemberg – sagen mittlerweile, dass Sie einen guten Politiker abgeben würden.
Nein, das werde ich nicht machen. Ich bin einfach ein Bürger, der seine Meinung äußern möchte. Ich brauche das politische Engagement nicht unbedingt. Es ist wichtig, aber auch sehr anstrengend. Die Politik wäre nichts für mich. Ich habe einen anderen Beruf – und in dem bleibe ich auch. Trotzdem bin gerne bereit, mich bei Dingen, die falsch laufen, zu engagieren. Ich kann mich auch deshalb nicht in einer politischen Partei engagieren, weil ich mich dann möglicherweise Beschlüssen unterordnen müsste, die ich gar nicht unterstütze. Als Bürger kann ich meinen Mund aufmachen, wann ich will. Ich will weiter politisch tätig sein, nur eben nicht in einer Partei.

In den vergangenen Wochen musste der „Stuttgart-21“-Protest ohne Sie auskommen. Warum?
Ich kann aus beruflichen Gründen zurzeit nicht in Stuttgart sein. Im Dezember ändert sich das aber – und dann bin ich auch wieder bei den Montagsdemonstrationen dabei.

Müssen Politiker solche Proteste in Zukunft bei großen Bauprojekten einplanen?
Sie werden schon bemerkt haben, dass die Bürger mittlerweile ein anderes Bewusstsein haben. Dafür sind zu viele Dinge schief gegangen. Aber wenn es eine Lehre aus „Stuttgart 21“ gibt, dann doch die: Politiker dürfen sich nicht mehr nur kurz vor einer Wahl um die Bürger kümmern. Das müssen sie immer tun.

Walter Sittler

Der am 5. Dezember 1952 in Chicago geborene Schauspieler startete seine Karriere zunächst am Theater. Der Durchbruch gelang ihm jedoch im Fernsehen: mit den TV-Serien „Girlfriends“ und „Nikola“. Sittler konnte nicht nur durch seinen Protest gegen „Stuttgart 21“ politische Erfahrung sammeln: 2009 und 2010 nahm er auf Vorschlag der baden-württembergischen SPD an der Bundesversammlung teil. Mit seiner Frau und drei erwachsenen Kindern lebt Sittler seit vielen Jahren in Stuttgart.