Frauen haben es im Beruf oft nicht leicht. Frauen mit Einwanderungsgeschichte haben es besonders schwer, weil sie doppelt benachteiligt werden: als Frau und als Migrantin – von zusätzlichen Belastungen in Familie und Haushalt gar nicht zu reden. Um gesellschaftliche Anerkennung muss meist hart gekämpft werden.
Bei der Basisarbeit ist mir wichtig, Menschen verschiedener Herkunftsländer, Weltanschauungen und Religionen zusammenzubringen. Ich will nicht für sie, sondern mit ihnen sprechen und ihnen, wo immer möglich, eine Plattform geben, damit sie ihre Interessen selbst vertreten können. Selbstorganisation ist nicht nur für die Betroffenen wichtig, sondern für die ganze Gesellschaft. Nur so können alle Menschen, unabhängig von der sozialen Herkunft, wirklich am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Behandelt man stattdessen sozial benachteiligte Gruppen primär als Objekte der Fürsorge, um die man sich ‚kümmern‘ muss, ist dies immer ein Blick ‚von oben herab‘. Sie werden damit aus der Gesellschaft ausgeschlossen.
[…] Ich bezeichne mich als Integrationsverweigerin, weil ich mich ungern auf eine bestimmte Rolle festnageln lassen möchte. Migrationserfahrung ist ein so weites und facettenreiches Feld, Integration eine so vielfältige Angelegenheit, dass sie sich nicht pauschal auf einen Nenner bringen lassen. Auch die gelegentlich aufkommende Ansicht, dass ‚die Migranten‘ sich doch im Grunde gar nicht in die deutsche Gesellschaft integrieren wollten, ist mir vor diesem Hintergrund viel zu allgemein. Ich bin Integrationsverweigerin, weil ich möchte, dass die Menschen mich so wahrnehmen, wie ich bin. Darin unterscheide ich mich nicht von Frau Müller oder Frau Schmidt, die ebenfalls einen Anspruch auf Persönlichkeit und Eigenständigkeit haben, der zu akzeptieren ist. Ich selbst gehe doch auch offen auf andere zu und denke nicht als erstes: Oh, ein weißer deutscher Mann oder eine deutsche Frau – mit denen werde ich wohl kaum etwas gemein haben! Wenn jemand eine positive Ausstrahlung und ein offenes Gesicht hat, ist es mir erstmal unwichtig, woher diese Person kommt.In diesem Sinne empfinde ich mich selbst nicht als Deutsche mit Migrationshintergrund oder als Frau aus der Türkei, sondern als Mensch mit einem reichen kosmopolitischen Hintergrund. Damit auch Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, dieses Glück erfahren können, bedarf es struktureller gesellschaftlicher Änderungen. Dies gilt auch für den Bundestag. Die Volksvertretung muss ein Abbild der Gesellschaft sein. Deshalb brauchen wir Migrantinnen- und Migranten-Quoten innerhalb der Parteien. Wenn im deutschen Parlament die Vielfalt zu einer Selbstverständlichkeit wird, dann war mein Weg von der Tellermacherin aus der Türkei zur Abgeordneten des Deutschen Bundestags nicht umsonst.
Die Auszüge stammen aus dem Kapitel „Von der Tellermacherin zur Bundestagsabgeordneten“ von Azize Tank. Der Sammelband „Politik ohne Grenzen. Migrationsgeschichten aus dem Deutschen Bundestag“ ist Ende Oktober im B&S Siebenhaar Verlag erschienen. Autorinnen und Autoren wie Katarina Barley, Aydan Özoğuz, Cem Özdemir, Alexander Radwan, Gitta Connemann und Herausgeber Özcan Mutlu erzählen darin von ihren persönlichen Lebenswegen und Erfahrungen als Abgeordnete.