Rhetorikcheck: Thomas de Maizière

Praxis

Thomas de Maizière, Bundesminister des Innern, betritt das Rednerpult, um einen Gesetzentwurf vorzustellen, der Algerien, Marokko und Tunesien als sichere Herkunftsstaaten bestimmt. Einige Abgeordnete stehen noch, die Reihen sind spärlich besetzt und auch die Bundestagsvizepräsidentin Edelgard Bulmahn hat noch mit der richtigen Aussprache zu kämpfen und kündigt „Dr. Thomas de Mesee“, statt de Maizière [də mɛˈzjɛʁ] an, so als handele es sich hier um einen Neuling im Deutschen Bundestag. Von alledem zeigt sich der Innenminister unbeeindruckt und beginnt mit fester Stimme: „Jeder Mann und jede Frau bekommt in Deutschland ein faires Asylverfahren.“ Die Technik: Einstieg über einen allgemein anerkannten Grundsatz. Und so erklärt uns der Innenminister zunächst das, was sich durch die Gesetzesänderung nicht ändert: „Auch Antragssteller aus sicheren Herkunftsstaaten erhalten, wie alle anderen auch ein Asylrecht, wenn sie einen Asylgrund geltend machen können. Daran soll und wird der vorliegende Gesetzentwurf nichts ändern.“ Die Wirkung: Das eigentliche Thema wird versachlicht und nervöse Gemüter lassen sich beruhigen.

Asylrecht ist kein Einwanderungsrecht – Mission: Sachlichkeit

Der Innenminister hat als Redeprofi natürlich die Grundlagen einer wirkungsvollen Sprech- und Pausentechnik verinnerlicht. Umso mehr erstaunt es da, wie langsam und monoton der Minister nun erklärt, was das neue Gesetz verändern soll: „Im letzten Jahr / wurden etwa 26.000 Asylbewerber / aus diesen drei Staaten / in Deutschland // registriert. Die Anerkennungsquoten // lagen bei Tunesien / bei 0,01 Prozent. Sie lagen bei Algerien // bei unter einem Prozent. Und sie lagen bei Marroko / bei unter 2,6 Prozent … Asylanträge aus Algerien, / Marokko / und Tunesien / haben also in der Regel // keine / Aussicht // auf / Erfolg. Menschen aus diesen Ländern / kommen ja auch überwiegend / aus asylfremden Gründen / nach Deutschland. Sie wollen Arbeit, / ein besseres Leben / und leider kommen auch manche / aus diesen Ländern nach Deutschland, / um hier // Straftaten zu begehen. Das Asylrecht / ist aber nicht das richtige Instrument, / um die vielen wirtschaftlichen / und sozialen Probleme / in den Herkunftsländern aufzufangen. Asylrecht // ist / kein // Einwanderungsrecht!“ Applaus von den Abgeordneten im Saal. Die vielen langen Pausen ermöglichen zwar ein konzentriertes Zuhören. Auf der anderen Seite fehlen die Betonungen und das macht das Zuhören wieder anstrengend.

Der Schluss: Wir haben es uns nicht leicht gemacht

Doch weiter im Text: „Die Bundesregierung hat sich die Einstufung von Algerien, Marroko und Tunesien als sichere Herkunftsstaaten nicht leicht gemacht… So verschließen wir dennoch nicht die Augen vor bestehenden Defiziten, die es auch in diesen Staaten im Hinblick auf die Menschenrechte gibt. Aber alles in allem, kann man mit guten Gründen sagen, dass diese drei Staaten, wie viele andere in der Welt auch, sichere Herkunftsstaaten sind. Sie selbst wollen es auch. Sie wollen als sichere Herkunftsstaaten bestimmt werden. Und aus allen diesen Gründen bringe ich diesen Gesetzentwurf ein… und bitte um Zustimmung…“ Applaus im Saal. Doch „kann man“ wirkt seltsam unentschieden; „kann man“ verunsichert sogar ein wenig.

Fazit

Bei allen Bemühungen um klare Argumente und um einen sachlichen Vortragsstil, Thomas de Maizière stanzt die Sprache. Oft fehlt die Natürlichkeit. Die Stimme des Innenministers wirkt gedrückt aus der Tiefe der nüchternen Sachlichkeit. Und gerade das macht ein wenig Angst. Denn Zuhörer lassen sich nicht nur durch Argumente überzeugen – sie brauchen auch Emotionen, Beispiele und eine positive Ausstrahlung, die aus eigenen Überzeugungen gespeist wird. Bitte mehr Dynamik, Anschaulichkeit und zupackende Leidenschaft, Herr de Maizière!

Mimik, Gestik, Körpersprache:

Lebendiger Ausdruck:

Redeaufbau: