Kanzlerinnen-Selfie mit Asylbewerber (c) picture alliance/dpa
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Politik

Psychogramm einer Kanzlerin

Angela Merkel galt als Prototyp der emotionslosen Politikerin. Doch die Flüchtlingskrise hat sie verändert. Merkel zeigt plötzlich Gefühle. Das hat sie sich, zumindest auf der politischen Bühne, seit 20 Jahren so nicht mehr geleistet.

von Thorsten Denkler

Ein Mittwoch im Mai 1995. Kabinettssitzung im Bonner Kanzleramt. Helmut Kohl ist sauer. Angela Merkel hat einen Plan mitgebracht. Sie will dem alljährlichen Sommersmog in jenen Jahren mit Fahrverboten begegnen. Die Pläne sind nicht abgestimmt. Kohl wird unwirsch, faltet Merkel zusammen. Andere Kabinettsmitglieder legen nach. Merkel kommen die Tränen, wird verstockt, will unbedingt Recht behalten, unbedingt das Richtige tun. Die Gefühle gehen mit Merkel durch. Kohl bremst sie aus. Es ist die erste heftige Niederlage von Kohls ­Mädchen.

Berlin im Jahr 2016. Die Flüchtlingskrise dominiert die Medien, die gesamte öffentliche Debatte. Mittendrin Merkel. Ihr Kurs ist klar: "Wir schaffen das". Es ist eine neue Merkel, die das sagt. Eine Merkel, die plötzlich wieder Gefühle zeigt. Mitgefühl mit den hunderttausenden Flüchtlingen in diesem Fall.

Gefühle hat sie sich seit ihren Tränen in der Kabinettssitzung 1995 nicht mehr geleistet. Zumindest in der Politik nicht, weder öffentlich noch hinter verschlossenen Türen. Über ihr Privatleben ist kaum etwas bekannt. Das hat sie immer unter Verschluss gehalten. Merkel erscheint vielen als geheimnisvolle Sphinx, als ein politisches Wesen anderer Art. Keine Eitelkeit treibt sie, keine erkennbare Leidenschaft für irgendetwas. Sie scheint nur interessiert an kalter Macht.

Der Kurs der Kanzlerin ist klar, wie es aber  in ihrem Inneren aussieht, bleibt rätselhaft. Foto: picture alliance/dpa

Ihrem Machtkalkül ordnet sie einiges unter. Ihre Partei, die CDU, positioniert sie inhaltlich und personell von Grund auf neu. Politische Gegner stellt sie einen nach dem anderen kalt. Friedrich Merz, Roland Koch, Norbert Röttgen und einige mehr dürfen sich zu ihren Opfern zählen. Alte Ideale der CDU bietet sie feil für bessere Umfragewerte und Wahlergebnisse auf Bundesebene. Ihr ist einfach klar, dass die CDU nicht mehrheitsfähig bleiben würde, wenn sie an überholten Familien- und Rollenbildern festhält, die Wehrpflicht nicht reformiert, nach Fukushima weiter zur Atomkraft steht. Der Veränderungsprozess schmerzt die Partei. Aber er hat der CDU 2013 ein nicht mehr für möglich gehaltenes Wahlergebnis von knapp mehr als 40 Prozent beschert. Wer siegt, hat Recht in der CDU. Und Merkel hat gesiegt.

Die Menschen mögen sie. Sie wirkt entspannt, kokettiert mit ihren kleinen Schwächen, wirkt nicht machtversessen wie manche ihrer Kontrahenten. Viele Menschen schätzen ihre nüchterne, unprätentiöse Art. Merkel einmal auf eine Schüssel Kartoffelsuppe in der eigenen Küche sitzen zu haben – ein gar nicht so abwegiger Gedanke. Anderen ist gerade die augenscheinliche Abstinenz von Leidenschaft suspekt. Politik ohne Leidenschaft, geht das? Und ist das Angela Merkel wirk­lich? Ist sie so berechnend, so gefühlsarm, wie sie lange vorgab zu sein?

Der Soziologe Max Weber hat 1919 in seinem Vortrag über "Politik als Beruf" die Eigenschaften benannt, die einen Politiker ausmachen: "Man kann sagen, daß drei Qualitäten vornehmlich entscheidend sind für den Politiker: Leidenschaft – Verantwortungsgefühl – Augenmaß." Leidenschaft steht an erster Stelle. Die Hingabe an Politik kann "nur aus Leidenschaft geboren und gespeist werden". Aber Weber schränkt auch ein: "Mit der bloßen, als noch so echt empfundenen Leidenschaft" sei es nicht getan. Sie mache einen nicht zum Politiker, wenn sie nicht "als Dienst in einer 'Sache’, auch die Verantwortlichkeit gegenüber ebendieser Sache zum entscheidenden Leitstern des Handelns macht". Leidenschaft aber bleibt die Triebfeder für politisches Handeln. Verantwortlichkeit und Augenmaß sind die Kräfte, die die Leidenschaft in geordnete Bahnen lenken.

Merkel ist Physikerin. Eine Frau, die, wie oft beschrieben wurde, die Sache vom Ende her denkt. Es gehört zum Klischee des Physikers, eher spröde und den Menschen nicht sonderlich zugewandt zu sein. Aber Leidenschaft brauchen auch Physiker, um Großes zu erreichen

Merkels Reaktion auf das weinende Mädchen Reem wurde kontrovers diskutiert. Screenshot: Youtube/Kai Nietfeld

An Leidenschaft also dürfte es Merkel nie gemangelt haben. Aber sie zeigt im Umgang mit Menschen immer wieder leichte Unsicherheiten. Seltsam unbeholfen wirkt sie da. Oft garniert mit einer gehörigen Portion unfreiwilligen Humors. Etwa als sie 2008 das Porträt ihres Vorgängers Gerhard Schröder im Kanzleramt präsentiert. Sie sei erfreut, dass Schülergruppen, die das Kanzleramt besuchten, jetzt nicht mehr die Frage stellen könnten: "Warum wird der Schröder nicht aufgehängt?" Schröder lacht damals lauthals los. Merkel lächelt verständnislos. Worüber lachen die alle?

Oder im Sommer 2015. In einer von der Bundesregierung organisierten Talkrunde begegnet sie dem paläs­tinensischen Mädchen Reem. Das erzählt Merkel seine Geschichte, ein minutenlanger Dialog entwickelt sich. Reem spricht tadellos Deutsch. Sie fürchtet sich davor, abgeschoben zu werden. Irgendwann löst sich Reems Spannung in Tränen auf. Merkel geht auf sie zu, streichelt ihr über die Schulter und erklärt ihr, dass Deutschland nicht jeden aufnehmen könne.

Ist das kalt? Oder ist es Leidenschaft für die Sache gepaart mit Verantwortungsgefühl und Augenmaß im besten Weberschen Sinne?

Ein seltsames Ding ist das mit den Gefühlen in der Politik. Gefühle sind nicht wohlgelitten. Einerseits. Aber eine kleine Träne im richtigen Augenblick kann Beliebtheitsskalen durcheinanderwirbeln. Wenn sich US-Präsident Barack Obama in dem Moment eine Träne aus dem Augenwinkel streicht, als  er strengere Waffengesetze fordert, verleiht ihm das neue Glaubwürdigkeit. Wenn er in Wut ausbricht, weil ihn ein politischer Gegner zu hart angeht, dann wird das als Zeichen der Schwäche interpretiert.

Jeder Politiker nimmt für sich in Anspruch, es gehe ihm selbstredend nur um die Sache, um Sachpolitik. Tagtäglich gibt es für einen Politiker Anlass dazu zu mahnen, doch zu ebendieser Sachpolitik zurückzukehren. Wären diese Politiker ehrlich mit sich selbst, sie würden sich eingestehen müssen: Sachpolitik gibt es nicht. In der Politik, zumal in demokratisch verfassten Staaten, geht es um Interessen. Und um deren Ausgleich.

Allen Störmanövern von CSU-Chef Horst Seehofer zum Trotz: Merkel behält die Oberhand. Foto: picture alliance/dpa

Gefühle sind meist Ausdruck dieser Interessen. Die Sorgen und Ängs­te der Menschen, etwa in der Flüchtlingskrise, entspringen oft dem Wunsch, sicher und in Wohlstand leben zu können. Diese Wünsche nicht ernst zu nehmen, wäre politisch fatal. Falsch wäre es aber, den Gefühlen eins zu eins Rechnung zu tragen. Der richtige Weg ist, den Gefühlen auf den Grund zu gehen und den Menschen die Sorgen, die sich von Fakten nicht decken lassen, durch gute Politik zu nehmen. Denn viele Sorgen und Ängste sind unbegründet. Sie spiegeln eine Furcht vor etwas Irrealem wieder. Viele derer, die aus Furcht vor den Flüchtlingen zur AfD rennen, werden einem Flüchtling im besten Fall auf der Straße begegnet sein – und das natürlich, ohne dass irgendetwas passiert wäre. Aber sie werden irgendwann mal irgendetwas gehört haben, dass sie weiter schwer atmen lässt in ihrem Angstkorsett.

Merkel macht das einzig Richtige: Sie hält stoisch an ihrem Kurs fest, justiert nur die Rahmenbedingungen hin und wieder. Weil sie ihren Weg für den richtigen hält. Darum keine Obergrenzen für den Zuzug von Flüchtlingen. Darum bleiben die Grenzen offen. Beides würde nichts lösen. Weder die Not der Flüch­tenden. Noch die Herausforderung, ihnen in Deutschland und damit dem Land selbst neue Chancen zu eröffnen. Merkel weiß das.

Es ist ihre Art, Leidenschaft zu zeigen. Heute braucht sie dafür weder Tränen, wie damals in der Kabinettssitzung mit Helmut Kohl, noch hat sie es nötig, mit der Faust auf den Tisch zu hauen, wie es von Schröder und Kohl überliefert ist.

Sie ist die Chefin. Eine Alternative zu ihr gibt es nicht. Das verleiht ihr vermutlich die nötige Kraft und Ruhe. Kraft und Ruhe. Auch zwei Gefühlszustände. Gut, dass es eine emotionslose Politik nicht geben kann.

Thorsten Denkler

ist seit 2007 Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" in Berlin. Nach seinem Volontariat bei der "taz" hat er als freier Korres­pondent u. a. für die "SZ", die "Financial Times Deutschland" und die "Frankfurter Rundschau" gearbeitet. (Foto: Privat)