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Merkels Follower

Steffen Seibert ist der 24. Sprecher einer Bundesregierung.
Die Erwartungen an den Ex-ZDF-Moderator waren groß. Der Druck sowieso.
Eine Zwischenbilanz.

von Christina Bauermeister

Irgendwann am Pfingstsonntag muss es passiert sein. Zwei Jahre, nachdem Steffen Seibert unter großem Erstaunen der Hauptstadtpresse mit dem Twittern begann, folgt seinen Was-macht-Merkel-Tweets der hunderttausendste User. Seibert bemerkt das erst einen Tag später. Pfingsten hat selbst er mal frei.
Der 53-Jährige ist im Polit-Kosmos längst einer der erfolgreichsten Twitterer. Dabei missachtet er ganz konsequent eine Grundregel des Erfolges: Er verzichtet auf private Nachrichten; ganz anders als Bundesumweltminister Peter Altmaier (42.765 Follower), der etwa bereitwillig mitteilt, wie gern er die „heute show“ guckt. Seiberts Tweets lesen sich dagegen wie ein steifes Protokoll der Termine der Kanzlerin. Kaum zu glauben, dass diese Langeweile so viele Fans hat.

Seibert selbst würde das mit dem Led-Zeppelin-Klassiker „Stairway to heaven“ erklären, der auf seinen Fall übertragen so viel bedeutet wie „Treppe zur Macht“. Seibert ist diese Treppe zur Macht. Er twittert für die Kanzlerin, und deshalb würde Merkel auch nicht auf die Idee kommen, sich einen eigenen Account zuzulegen. Seibert, der Privatmann, hat übrigens auch keinen.
Wenn im Herbst der 18. Deutsche Bundestag gewählt wird, steht Merkels Regierungssprecher nicht zur Wahl.Doch Seibert will selbstverständlich dazu beitragen, „dass diese Bundesregierung ihre erfolgreiche Arbeit für Deutschland fortsetzen kann“. Irgendwie klingen solche Sätze noch immer seltsam aus seinem Mund. Dabei ist es schon knapp drei Jahre her, dass der smarte ZDF-Anchorman und Liebling aller Schwiegermütter den Mainzer Lerchenberg gegen den heißen Stuhl des Regierungssprechers eintauschte.


Schicksal des Nachgeborenen

Seibert sitzt Ende April zwischen zwei Terminen in seinem Büro auf der Zwischenebene 3.1 im Bundespresseamt. Er hat wenig Zeit, nur eine halbe Stunde, auf dem Tisch liegt noch sein Mittagessen, ein Salamibrötchen. Was fasziniert ihn an Merkel? Seibert kneift den Mund zusammen, überlegt, und antwortet dann: „Ich bewundere ihre Fähigkeit, blitzschnell Sachverhalte miteinander verknüpfen zu können.“ Er spricht von ihr in einer sehr bestimmten Tonlage, die man noch aus seinen Fernsehinterviews kennt. Ob Merkel und er sich duzen? Der gebürtige Münchner winkt sofort ab. Die Müdigkeit ist ihm an diesem Frühsommertag ein wenig anzusehen. Die Tage an der Seite der Kanzlerin beginnen früh, um sieben Uhr morgens, selten kommt er vor Mitternacht nach Hause. Seine drei Kinder bekommt er unter der Woche oft nur schlafend zu Gesicht.

Warum tut er sich das an? Nicht selten schreiben Journalisten an dieser Stelle von der Nähe zur Macht und ihrer Anziehungskraft. Seibert will das so nicht stehen lassen. Ihn fasziniere es, nah am politischen Prozess zu sein; mitzuerleben, wie Gesetze entstehen, anders als in Mainz, als er ganz am Ende der Futterkette war und Nachrichten moderierte. Die Erwartungen waren hoch an den Ex-ZDF-Moderator. Der Druck sowieso. Kann er aus dem Schatten seines geschätzten Vorgängers Ulrich Wilhelm treten? Wie ist sein Kommunikationsstil? Kann Seibert Vordenker sein oder doch nur Chef-Beschwichtiger? Um eine Antwort darauf zu bekommen, hilft ein Blick in die Geschichte des Amtes. Seibert ist der 24. Regierungssprecher in der Geschichte der Bundesrepublik. Für seine Zunft gilt Klaus Bölling, Regierungssprecher von Altkanzler Helmut Schmidt (SPD), als das Maß aller Dinge. Der gelernte Printjournalist Bölling war nicht nur Schmidts Stimme. Er war Interpret, Berater und Lotse und sogar so wichtig, dass Schmidt den zwischenzeitlich Abgewanderten wieder zurückholte.

Merkels Lotse ist Seibert nicht, eher ihr Follower. Ihn treffe das Schicksal des Nachgeborenen, schreibt der Journalist Stefan Kornelius in seinem neuen Buch „Die Kanzlerin und ihre Welt“. Merkel sei selbstständiger geworden, ihr Beraterfeld verliere an Bedeutung.
 Wie zuvor Ulrich Wilhelm hat natürlich auch Seibert Zugang zum innersten Zirkel der Macht – dem „Küchenkabinett“, dem Merkels Büroleiterin Beate Baumann, Kanzleramtschef Ronald Pofalla und Medienexpertin Eva Christiansen angehören. Auch Thomas Steg hat eine Zeit lang für Angela Merkel gesprochen. Der jetzige Cheflobbyist von Volkswagen stand 2005 vor der Herausforderung, als stellvertretender Regierungssprecher für eine Person zu arbeiten, die er kaum kannte. Steg las daraufhin erst mal eine Biografie über seine neue Chefin. Seibert hat das nicht getan. Stattdessen studierte er zur Vorbereitung die vergangenen zehn Protokolle der Bundespressekonferenzen, um zu analysieren, wie dort argumentiert wird und wie tiefgründig die Journalistenfragen sind.

Problem mit Parteigremien

Steg sagt: „Sprecher, die aus dem Journalismus kommen, werden in diesem Job immer ihre Probleme und Anpassungsschwierigkeiten haben, denn sie haben keine Erfahrungen in und mit Parteigremien.“ Und Florian Wastl, der für die Agentur MSL Public Affairs macht, drückt es so aus: „Seibert hat keinen Vertrauensbonus bei Leuten, die sich untereinander schon seit dem 14. Lebensjahr aus der Parteiarbeit kennen.“
Darauf angesprochen, reagiert der sonst so freundliche Sprecher merklich gereizt. Es nervt ihn spürbar, dass einige Beobachter ihm absprechen, Merkel auch in politischen Fragen eng zu beraten. Diese Kritik interessiere ihn nicht, deshalb möchte er nicht darauf antworten. So ganz nimmt man ihm das nicht ab.Von Ulrich Wilhelm ist bekannt, dass er einmal in der Bundespressekonferenz die Erwartung äußerte, Merkel möge bei ihrem Treffen mit Wladimir Putin auch die Lage der Menschenrechte in Russland ansprechen. Das war nicht abgesprochen. Wilhelm wurde dafür von der Presse gelobt.

Von Seibert fehlt bislang ein derartiger öffentlicher Beweis seiner Eigenständigkeit. Vielleicht ist er sich bewusst, dass das Echo der Presse auch ganz anders ausfallen könnte als damals bei Wilhelm In der Bewertung der Arbeit eines Regierungssprechers ist der Grat schmal, schon das kleinste Fettnäpfchen kann zum Problem werden. Im Mai 2011 schrieb Seibert in einem Tweet „Osama“ statt „Obama“ und machte damit den US-Präsidenten versehentlich für den Tod tausender Unschuldiger verantwortlich. Noch heute wird er ständig darauf angesprochen. Skeptisch war anfangs vor allem die Hauptstadtpresse. Dabei verlief seine Premiere im August 2010 vor der blauen Wand der Bundespressekonferenz ganz ordentlich. Damals sagte er: „Ich muss lernen, hier ohne dreieinhalb Kilo Papier auszukommen.“
Harald Baumer ist seit zwölf Jahren Berlin-Korrespondent der „Nürnberger Nachrichten“. Für den Franken reiht sich Seibert nahtlos ein in die Reihe seiner Vorgänger Béla Anda und Ulrich Wilhelm. Alle drei seien „freundlich, smart und verlässlich“ und gehörten ein und derselben Generation an, anders als der etwas knorrige Uwe-Karsten Heye, den Baumer auch noch kennengelernt hat. Der Nürnberger gibt dem aktuellen Regierungssprecher die Schulnote zwei für seine Arbeit.
Gute Noten bekam Seibert schon in der Schule. Mit einem Abitur von 1,4 verließ er Anfang der achtziger Jahre die Tellkampfschule in Hannover. Einer seiner Mitschüler war der heutige „Zeit“-Herausgeber Giovanni di Lorenzo, den Seibert damals wegen seiner klugen Eleganz bewunderte. Auf den ehemaligen Klassenkameraden stößt er heute nur noch selten.

Angenehme Chefin

Am Freitag vor Pfingsten kommt Seibert wieder mit zwei dicken gelben Mappen in die Bundespressekonferenz. Inzwischen hat er zugegeben, dass er die Akten vor allem zur eigenen Beruhigung braucht.
Diesmal sind die Ränge fast leer. Es geht um die EU-Spielzeugrichtlinie, den Besuch von Chinas Premierminister Li Keqiang, ums Champions-League-Finale – und vor allem um die Frage: Wird die Kanzlerin Bayern-Präsident und Steuersünder Uli Hoeneß begrüßen? Ganz zum Schluss der dreiviertelstündigen Pressekonferenz will ein japanischer Kollege noch etwas ganz anderes wissen. Es geht ihm um die Meldung, dass der Bürgermeister von Osaka die Zwangsprostitution von schätzungsweise 200.000 Frauen im Zweiten Weltkrieg rechtfertigt. Der japanische Journalist will eine Stellungnahme der Bundesregierung.
Seibert guckt verdutzt. Diese Meldung ist ihm nicht bekannt, obwohl er jeden Morgen gegen sieben Uhr auf dem iPad die Kanzlermappe mit den Presseberichten durchackert. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich als Sprecher der Bundesregierung überhaupt dazu äußern muss.“ Die Szene macht deutlich: Seibert hat in der Bundespressekonferenz seinen Stil gefunden und weiß, was er kommentieren muss und was nicht.
Dabei kommt ihm zugute, dass Angela Merkel in der letzten DDR-Regierung unter Ministerpräsident Lothar de Maizière stellvertretende Regierungssprecherin war. Aus dieser Erfahrung heraus denkt die Kanzlerin ganz automatisch kommunikativ mit. Das empfand schon Thomas Steg als sehr angenehm.