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Foto: AP Photo/Charlie Neibergall; Dennis Van Tine/Geisler-Fotopress; [M] Laurin Schmid

Welche Persönlichkeit haben Clinton und Trump?

In Kürze entscheidet sich, wer im kommenden Jahr in das Weiße Haus einziehen wird. Die Persönlichkeit der Kandidaten Hillary Clinton und Donald Trump unterscheidet sich nach Ansicht der beiden Lager deutlich. Aber stimmt das wirklich? Eine psychologische Analyse anhand der Big-Five-Persönlichkeitsfaktoren zeigt überraschende Unterschiede – und Parallelen.

von Stefan Klemens

Hillary Clinton versus Donald Trump: Im Rennen um das Weiße Haus klaffen das Bild der früheren Rechtsanwältin und das des Unternehmers weit auseinander: Da die kühle, intellektuelle, energische Clinton. Dort der reizbare, unterhaltsame, grobe Trump. Liegen ihre Persönlichkeitseigenschaften tatsächlich so weit auseinander? Wie kann man das systematisch untersuchen?

Das Fünf-Faktoren-Modell der Persönlichkeit

Eine Lösung bietet das Fünf-Faktoren-Modell: Die sogenannten Big Five umfassen die in 50 Jahren empirischer Forschung und mathematisch-statistischer Analysen ermittelten Persönlichkeitsfaktoren Neurotizismus, Ex­­traversion, Offenheit für neue Erfahrung, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit, die zudem eine biologische Basis haben. Das Klassifikationsmodell ist hierarchisch aufgebaut: Der Faktor Neurotizismus umfasst beispielsweise den Unterfaktor Reizbarkeit, zu dem das Verhalten "ärgert sich häufig, wenn er kritisiert wird" gehört.

Die Big Five sind auch außerhalb der Persönlichkeitspsychologie weltweit zum Standard geworden. Daher wissen wir, dass ein hoher Neurotizismuswert ein Risikofaktor für die Gesundheit ist, ein hoher Extraversionswert das Wohlbefinden fördert, ein hoher Offenheitswert die Lernfähigkeit beeinflusst, ein hoher Verträglichkeitswert zu tieferen Beziehungen führt und ein hoher Gewissenhaftigkeitswert die Leistung in Schule und Arbeit vorhersagt. Auch die Politikforschung nutzt das Fünf-Faktoren-Modell zur Untersuchung der Persönlichkeit von Politikern und Wählern. In der Praxis werden die Big Five zum Beispiel zur Auswahl und Entwicklung von Führungskräften und Mitarbeitern eingesetzt.

Für die vorliegende Analyse habe ich eine Literatur- und Medienrecherche durchgeführt, um persönlichkeitsbezogene Informationen über Clinton und Trump zu sammeln. Diese wurden aus Biografien, Artikeln, Videos, Webseiten und Fotos extrahiert. Anschließend habe ich beide Bewerber mittels eines Big-Five-­Persönlichkeitsfragebogens beurteilt (Ergebnisse siehe Abbildung). Dabei ist zu beachten, dass die Unterfaktoren bei jedem Faktor, d.h. Eigenschaften wie ängstlich, ärgerlich, traurig, bei einer Person unterschiedlich ausgeprägt sein können.

Neurotizismus

Der Faktor Neurotizismus bezieht sich auf den Unterschied in der Reaktion auf Belastungen. Personen mit hohen Werten sind emotional em­­pfindlicher, geraten leichter aus dem Gleichgewicht. Sie neigen dazu, ängstlich, ärgerlich, traurig, beschämt, triebhaft und verletzlich zu sein.

Clinton erscheint wenig ängstlich. Viele Herausforderungen in ihrer Karriere ging sie mutig an, in stressigen Situationen bleibt sie ruhig. Sie kann jedoch wütend werden, wenn etwas nicht so läuft, wie sie das will. Zudem erscheint sie nicht besonders sorgenvoll und wenig sozial gehemmt. Versuchungen kann sie offenbar sehr gut widerstehen, Niederlagen in ihrer Karriere ist sie robust begegnet. Daraus ergibt sich bei ihr ein niedriger Neurotizismuswert. Dieser zeigt sich darin, dass sie trotz der Niederlage gegen Obama 2008 noch einmal kandidierte. Gleiches gilt für ihre Entscheidung, Senatorin zu werden, nachdem sie als First Lady von ihrem Mann betrogen worden war.

Trump ist furchtlos und geht keinem Kampf aus dem Weg. Er wird leicht zornig, ist optimistisch und selbstsicher. Er raucht und trinkt nicht und kann meist seine Bedürfnisse kontrollieren. Er scheint unverwüstlich zu sein und mit schwierigen Situationen gut zurechtzukommen. Im Ergebnis hat er einen unterdurchschnittlichen Neurotizismuswert. Dieser drückt sich zum Beispiel darin aus, dass er als Außenseiter in den Vorwahlkampf der Republikaner zog, kontroverse Themen anspricht und trotz heftiger Kritik und Ablehnung fest daran glaubt, der nächste US-Präsident zu werden.

Extraversion

Das Merkmal Extraversion erfasst den Unterschied in der Suche nach Belohnungen. Leute mit hohen Werten brauchen Menschenansammlungen und aufregende Situationen, um sich gut zu fühlen. Sie sind herzlich, gesellig, durchsetzungsfähig, aktiv, erlebnishungrig und fröhlich.

Clinton gilt als recht reserviert im Umgang mit Menschen und scheint sich in kleinen Gruppen wohler zu fühlen. Dort ist sie dominant und nimmt die Führungsposition ein. Für ihr tatkräftiges Handeln ist sie bekannt. Ihr Bedürfnis nach Nervenkitzel ist nicht sehr ausgeprägt, meist scheint sie außerdem nicht heiter zu sein. Ihre Ausprägung beim Faktor Extraversion liegt daher im mittleren Bereich. Dies zeigt sich zum Beispiel darin, dass sie auf Fragen von Reportern schon mal kühl reagiert, monatelang keine Pressekonferenz gab und generell gegenüber Fremden wenig Wärme ausstrahlt, sich aber andererseits unter Leute mischt, gegen ihren Mitbewerber Sanders durchgesetzt hat und als Außenministerin ganze 112 Länder besuchte.

Trump kann schnell Kontakt zu anderen Menschen aufbauen und freundlich sein. Er genießt die Gesellschaft großer Gruppen, ist sehr durchsetzungsstark und führt ein sehr geschäftiges Leben. Er ist risikobereit und scheint mehr positive Emotionen zu erleben als andere. Sein Extraversionswert ist daher recht hoch. Dieser wird zum Beispiel darin sichtbar, dass er als erster die vom Hochwasser Betroffenen in Louisiana besuchte, auf Wahlkampfveranstaltungen das Publikum begeistert, sichtlich Spaß bei seinen Auftritten hat, seine wenige Zeit mit Meetings, Anrufen, Twitter-Nachrichten und Interviews füllt und als "Nachrichten-Junkie" bezeichnet wird.

Offenheit für Erfahrung

Der Faktor Offenheit für Erfahrung beschreibt den Unterschied des Interesses an neuen Erlebnissen und Eindrücken. Personen mit hohen Ausprägungen sind fantasievoll, kunst­interessiert, gefühlsoffen, experimentierfreudig, wissbegierig und nonkonformistisch.

Clinton ist ein realistischer Mensch und teilweise interessiert an Kunst. Ihre Gefühle kontrolliert sie und ist für neue Handlungen offen, wenn sie damit ein Ziel verbindet. Intellektuelle Herausforderungen reizen sie. Sie neigt zu liberalen Positionen, hat jedoch auch traditionelle Wertvorstellungen. Daher findet sich bei ihr eine durchschnittliche Ausprägung beim Faktor Offenheit für Erfahrung. Dieser drückt sich zum Beispiel darin aus, dass sie Politik als die Umsetzung des Machbaren betrachtet und selten vor Freude in die Luft sprang, sich aber vom Modeopfer zur eleganten Powerfrau wandelte und vieles wissen will. Zudem hat sie einen festen Glauben, tritt für Minderheiten ein und beschreibt sich als dem Verstande nach konservativ und dem Herzen nach liberal.

Trump ist kein Tagträumer, sondern praktisch veranlagt. Er ist kaum kunstinteressiert. Einige Gefühle nimmt er deutlich wahr. An bewährtem Verhalten hält er meist fest, theo­retische Fragen langweilen ihn, er neigt zu konservativen Grundsätzen. Bei ihm ergibt sich somit ein geringer Wert beim Merkmal Offenheit für Erfahrung. Dieser zeigt sich zum Beispiel, wenn er Bauprojekte umsetzt, für die er Kunstwerke an einem Gebäude zerstören lässt, darin, dass er Selbstanalysen vermeidet, wissenschaftliche Erkenntnisse zum Klimawandel ignoriert und Werte wie "harte Arbeit" verinnerlicht hat.

Verträglichkeit

Die Dimension Verträglichkeit bezieht sich auf den Unterschied im Verhalten und der Einstellung zu anderen Menschen und in sozialen Beziehungen. Personen mit hohen Werten vertrauen anderen und sind aufrichtig, rücksichtsvoll, nachgiebig, bescheiden und gutherzig.

Clinton ist gegenüber anderen eher skeptisch, berechnend und bereit, die Wahrheit in ihrem Sinne auszulegen. Sie engagiert sich für das Wohl anderer und gibt in Konflikten selten nach. Sie hält sich für überlegen und berufen, auch wenn sie das selten öffentlich äußert. Einerseits wird sie von der Not anderer angesprochen, andererseits setzt sie auch auf Ratio­nalität und Logik in Beziehungen. Ihre Verträglichkeit ist daher unterdurchschnittlich ausgeprägt. Dies zeigte sich, als sie im Vorwahlkampf 2008 Freund-und-Feind-Listen erstellen ließ. Weitere Beispiele: Die dienstliche Nutzung ihres privaten E-Mail-Servers begründete sie mit Bequemlichkeit, sie kritisierte Obamas fehlende militärische Hilfe für die syrischen Rebellen und suchte die Schuld für die sexuellen Abenteuer ihres Mannes auch bei den Frauen.

Trump ist sehr misstrauisch, gerissen und selbstbezogen. Zudem möchte er Auseinandersetzungen um jeden Preis gewinnen. Er prahlt mit seinen Erfolgen und hält sich selbst für den Größten. Situationen, in denen er Mitgefühl zeigt, sind die Ausnahme. Sein Wert beim Faktor Verträglichkeit liegt daher recht niedrig. Sichtbar wird dies zum Beispiel, wenn er sagt, dass man Menschen nicht vertrauen kann, wenn er damit droht, als Unabhängiger anzutreten, sollten die Republikanern ihn nicht unterstützen, wenn er Gegner herabsetzt, "nein" als Antwort nicht akzeptiert und sagt, er werde der großartigste Arbeitsplatzpräsident, den Gott je erschaffen habe.

Gewissenhaftigkeit

Der Faktor Gewissenhaftigkeit erfasst den Unterschied in der Impuls- und Selbstkontrolle, um Ziele zu erreichen. Menschen mit hohen Werten sind von ihrer Kompetenz überzeugt, ordentlich, pflichtbewusst, fleißig und selbstdiszipliniert und handeln besonnen.

Clinton hält sich für sehr fähig, das Leben zu meistern, sie ist ein stets organisierter und systematischer Mensch. Religiöse und ethische Prinzipien sind ihr sehr wichtig. Sie arbeitet hart, um ihre Ziele zu erreichen und verfolgt diese beharrlich. Aufgaben erledigt sie ohne zu zögern. Dabei überlegt sie sorgfältig, bevor sie etwas tut. Bei ihr findet sich daher ein recht hoher Gewissenhaftigkeitswert. Dieser kommt zum Beispiel darin zum Ausdruck, dass sie glaubt, für das Präsidentenamt sehr gut befähigt zu sein, als Senatorin sehr ehrgeizig war und sich den Grundsätzen ihres methodistischen Glaubens verpflichtet fühlt.

Trump ist von seiner sehr hohen Kompetenz überzeugt. Ordnung und Sauberkeit sind ihm sehr wichtig, moralische Regeln dagegen nur teilweise. Er ist sehr ehrgeizig und willensstark. In der Regel denkt er nach, bevor er handelt, doch kann er auch spontan entscheiden. Somit ergibt sich für ihn beim Faktor Gewissenhaftigkeit eine hohe Ausprägung. Diese äußert sich zum Beispiel darin, dass er meint, mit seinen besonderen Fähigkeiten, alles erreichen zu können, dass er stets wie "aus dem Ei gepellt" auftritt und eine Keimphobie hat.

Die Big-Five-Werte von Hillary Clinton und Donald Trump

Abbildung 1: Die Ausprägungen der Big-Five-Persönlichkeitsfaktoren von Hillary Clinton und Donald Trump nach der Beurteilung des Autors mit dem Messinstrument NEO-Persönlichkeitsinventar nach Costa und McCrae.­ ­Mittelwerte auf einer Skala von 0 = sehr niedrig bis 4 = sehr hoch. Zum Vergleich sind auch die Ergebnisse einer repräsentativen deutschen Stichprobe von 871 Personen angegeben (nach Ostendorf & Angleitner, 2004).

Angaben zu Quellen und Literaturhinweise finden Sie hier.

Fazit

Die Analyse zeigt deutliche Unterschiede zwischen Clinton und Trump bei den Faktoren Extraversion und Offenheit für neue Erfahrungen. Geringer sind die Unterschiede bei den Faktoren Neurotizismus, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Beide verfügen mit ihren sehr hohen Werten bei den Unterfaktoren Durchsetzungsfähigkeit (Extraversion) und Leistungsstreben (Gewissenhaftigkeit) über erfolgskritische Ausprägungen. Ob Hillary als Machiavelli oder "The Donald" als Prophet ("Time Magazin") ins Weiße Haus einziehen wird, hängt aber auch von der Persönlichkeit der Wähler ab – und von Ereignissen vor der Wahl, auf die einer von beiden aufgrund seiner Persönlichkeit besser reagieren kann.

Stefan Klemens

ist Diplom-Psychologe und unterstützt als HR Data Specialist Unternehmen und Verwaltungen bei der Auswahl und Entwicklung von Führungskräften und Mitarbeitern. Die Themen von Klemens Consulting sind Persönlichkeit, Führung und Gesundheit. 2013 hat er im Rahmen einer Online-Studie die Big Five von Angela Merkel und Peer Steinbrück analysiert.