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Torsten Albig mit Award, Foto: Stephan Baumann

Der Mann zwischen den Leitplanken

Er machte unter Hans Eichel das Sparen populär, ertrug das Ego von Peer Steinbrück und legte in Kiel eine steile Karriere hin: Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig.
Die – hier leicht gekürzte – Laudatio auf den Aufsteiger des Jahres hielt sein Weggefährte Klaus-Peter Schmidt-Deguelle.

von Klaus-Peter Schmidt-Deguelle

Aufsteiger des Jahres! Einen Award in dieser Kategorie vergibt die Jury des Politik-Awards nicht oft, denn es gibt sie selten: Politiker, die quasi im Laufschritt die Karriereleiter nehmen.
Auch Torsten Albig hätte das zu Beginn seiner politischen Arbeit in der damals noch unter „Baracke“ firmierenden SPD-Zentrale in Bonn wohl kaum gedacht. In Bremen geboren, in Ostholstein und Bielefeld aufgewachsen, in Bonn, Berlin, Frankfurt erfolgreich, war Kiel nicht unbedingt der Ort seiner Träume. Aber nun ist er angekommen, Ordnungsdezernent, Stadtkämmerer, Oberbürgermeister, Ministerpräsident. Eine Kieler Karriere in zehn Jahren, die letzten drei im Rekordtempo.
Ich kenne Torsten Albig seit April 1999, als ich als Berater des frisch vereidigten Finanzministers Hans Eichel zum ersten Mal das Ministerium in Bonn betrat und auf einen zerknirschten und griesgrämig dreinschauenden Pressesprecher namens Torsten Albig traf. Zerknirscht und auch traurig ob der „Flucht“ seines Ministers und der Tatsache, dass sich Oskar Lafontaine mit keinem Wort von seinen Mitarbeitern verabschiedet hatte.
Lafo – wie er genannt wurde – hatte aber auch schon unmittelbar nach der Bundestagswahl 1998 seinen Mitarbeiter enttäuscht. Denn Albig wäre gerne Steuerabteilungsleiter geworden und nicht Pressesprecher, hatte er doch ganz wesentlich das Gesetz für die „ökologische Steuerreform“ entworfen, dass im April 1999 in Kraft trat, ohne dass es im Ministerium wesentlich verändert worden wäre. Dies war ein Novum in der Geschichte des Finanzministeriums.
Pressesprecher wollte Albig nicht bleiben, vom Ministerium hatte er eigentlich die Nase voll. Doch er ließ sich von Eichel und mir überreden, weiterzumachen. In der Rückschau, so sieht er es selbst, war dies eine richtige Entscheidung, sonst wäre er möglicherweise nicht in der Politik geblieben.
Von Anfang an ging es unter dem Minister Eichel darum, Finanzpolitik verständlicher zu machen und dafür auch Zustimmung zu finden. Der Vertrag von Maastricht schrieb auch Deutschland vor, sein viel zu hohes Staatsdefizit drastisch auf unter drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu senken. Sparen war nicht wirklich populär zu dieser Zeit, aber der Finanzminister musste es durchsetzen und dafür brauchte er die Öffentlichkeit. Torsten Albig hat große Phantasie und persönliches Geschick entwickelt, um mit der Botschaft „Sparen muss sein“ bei den Journalisten zu punkten. Das hat funktioniert.
Ein Beispiel: Das Bild von den „zwei Leitplanken der Finanzpolitik“, das Eichel im Sommer 2000 als Motto über seine Politik wölbte – nämlich Wachstumsförderung durch Steuer- und Abgabensenkung auf der einen und Schuldenabbau zur Haushaltskonsolidierung auf der anderen Seite. Dieses Bild stammt von Torsten Albig und es ist nur ein Beleg dafür, dass er seine Rolle gefunden hatte. Die Journalisten jedenfalls waren begeistert und zwei von ihnen scheuten weder Körpereinsatz noch eine mögliche Strafe und schenkten ihm zum Abschied aus dem Finanzministerium zwei reale Leitplanken, die sie wer weiß wo her hatten.

Hochgezogene Augenbrauen im Kanzleramt

Sparen war populär, als Albig das Finanzministerium verließ, und Eichel rangierte viele, viele Wochen auf Platz zwei des ZDF-Politbarometers der zehn wichtigsten Politiker Deutschlands. Das löste auch in den eigenen Reihen nicht nur Begeisterung aus. Dass Eichel vor der Bundestagswahl 2002 angesichts der schlechten Umfragewerte der SPD von den Medien – ohne unser Zutun – mehrfach als potenzieller Vizekanzler einer großen Koalition gehandelt wurde, nahm man im Kanzleramt mit hochgezogenen Augenbrauen zur Kenntnis.
Letztlich hat es Torsten Albig nicht geschadet, im Gegenteil. Es hat auch die Wirtschaft auf ihn aufmerksam werden lassen. Die Dresdner Bank jedenfalls war stolz, dem Finanzminister den Sprecher „abspenstig“ gemacht zu haben. Ein beruflicher Wechsel in die Finanzwirtschaft, der nur kurz währte (2001 bis 2002), aber auch den hat er nicht bereut. Vor allem wohl deshalb, weil in dieser Zeit die Dresdner Bank in einem schwierigen sogenannten Merger von der Allianz übernommen wurde. In den 18 Monaten bei der Dresdner Bank hat Albig Erfahrungen gesammelt, die ihm heute, auf seiner wahrscheinlich kompliziertesten „Baustelle“, der HSH Nordbank, sicherlich helfen.
Seine Stationen als Ordnungsdezernent und dann Stadtkämmerer in Kiel von 2002 bis 2006 waren als Vorbereitung auf sein heutiges Amt genauso wenig schädlich wie seine Rückkehr ins Bundesfinanzministerium unter Peer Steinbrück im Februar 2006.
Die Wahl zum Kieler Oberbürgermeister gegen die durchaus nicht unbeliebte CDU-Amtsinhaberin Angelika Volquartz schon beim ersten Urnengang, im März 2009, wurde nicht nur von den Medien in Schleswig-Holstein als Sensation gewertet, sondern auch von der Landes- und Bundes-CDU mehr als ernst genommen. CDU-Ministerpräsident Carstensen, das weiß ich von ihm selbst, sah in Torsten Albig bereits damals eine Gefahr für seine Partei. Weit früher jedenfalls als ein gewisser Ralf Stegner, Torstens Quälgeist an der Förde.
Peer Steinbrück, dieser Name muss natürlich noch einmal fallen! Pat und Patachon wurden Steinbrück und Albig gelegentlich genannt, ein ziemlich schiefer Vergleich; „Leuchtturm“ und „Beiwagen“ bietet Wikipedia als Synonyme dafür an. Das passt schon besser, obwohl ich noch nie einen Leuchtturm mit Beiwagen gesehen habe. Aber sie waren ein sogenanntes Dream-team. So erfolgreich eben, dass der eine nun Ministerpräsident ist und der andere Bundeskanzler werden kann. Torsten Albig hat das Ego von Peer Steinbrück nicht nur ertragen, er hat es für den Rest der Mannschaft im Ministerium erträglich gemacht.

Kreatives Chaos und Wirbelsturm-Aktivitäten

„Vatermord“ haben ihm führende Parteigenossen vorgeworfen, als Albig Steinbrück im August dieses Jahres riet, sich die Kanzlerkandidatur nicht anzutun. „Weitsichtig“ würden es viele von ihnen möglicherweise heute nennen. Eigentlich müsste Torsten Albig in der Causa Steinbrück wieder ran, aber das geht nun nicht mehr. Selbst Bundesfinanzminister kann er vorerst kaum noch werden, denn Kiel wird ihn – glücklicherweise – so schnell nicht wieder ziehen lassen.
„Die Leute in seiner Umgebung sind bereit, für ihn alles zu geben. Er erobert sich in kurzer Zeit einen Platz im Herzen seiner Untergebenen – dafür verzeihen sie ihm sein kreatives Chaos, seine Wirbelsturm-Aktivitäten, seine Unzuverlässigkeiten. Seine Leute schützen ihn und er kann sich hundertprozentig auf sie verlassen.“ Das sagt eine ehemalige enge Mitarbeiterin aus dem Bundesfinanzministerium über ihn.
Manche Zeitungskollegen beschreiben Albig als zögerlich und unentschlossen, ich habe ihn immer als bedächtig und weitsichtig erlebt. Gerade diese Einstellung und Haltung ist für den Ministerpräsidenten im Kieler Landeshaus vielleicht ungewöhnlich, aber sie ist taktisch klug, zumal bei den knappen Mehrheitsverhältnissen der aktuellen Koalition.
An und mit seinen Ministern, von Lafontaine über Eichel bis zu Steinbrück, ist Torsten Albig auf unterschiedliche Art gewachsen. Mit seiner ruhigen Art, seinen strategischen Fähigkeiten und seiner Erfahrung ist Torsten Albig, davon bin ich fest überzeugt, gut gerüstet für das Amt und für die nächsten – gerade finanzpolitisch – schwierigen Jahre seines Bundeslandes.

Torsten Albig

ist seit Juni 2012 Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Zuvor war der Jurist drei Jahre lang Oberbürgermeister von Kiel. Vor seiner eigenen politischen Karriere hatte Albig mit Oskar Lafontaine, Hans Eichel und Peer Steinbrück drei Finanzministern als Sprecher gedient.

Klaus-Peter Schmidt-Deguelle

ist seit 2007 Vorstandsmitglied der WMP EuroCom. Der Journalist war von 1994 bis 1999 unter dem damaligen hessischen Ministerpräsidenten Hans Eichel Staatssekretär und war nach dessen Ernennung zum Bundesfinanzminister als sein persönlicher Berater tätig.