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„Der präsidiale Stil von Merkel kommt gut an“

Jörg Abromeit, Gründer der „Redeakademie – Rhetorik für Wirtschaft und Politik“, im Gespräch.

Interview: Felix Fischaleck

p&k: Herr Abromeit, welche Rede eines Politikers hat Sie zuletzt begeistert?


Abromeit: Oh, das ist schon ein paar Jahre her. Das war Angela Merkels Rede vor dem US-Kongress 2009, in der sie über ihre Vergangenheit in der DDR gesprochen hat. In letzter Zeit hat mich ehrlich gesagt keine Politikerrede vom Stuhl gerissen.


Ist das Niveau der politischen Reden in Deutschland also eher bescheiden?


Es besteht mit Sicherheit noch viel Luft nach oben. Die meisten Politiker behandeln das Thema Rhetorik eher nachrangig, vor allem die, die in den Landesparlamenten sitzen. Aber auch im Bundestag gibt es wenige richtig gute Redner.


Welche fallen Ihnen spontan ein?


Gregor Gysi ist spitze. Jürgen Trittin ist jemand, der als Redner polarisiert, aber gut und erfahren ist. Ein aufgehender Stern am Rednerhimmel ist Christian Lindner. Er verkörpert eine moderne Art der Rhetorik, die non-direktiv ist und nicht aufgesetzt wirkt. Das passt sehr gut in die heutige Zeit. Dominante und extrovertierte Rednertypen wie Guido Westerwelle sind nicht mehr so gefragt. Sie wirken oft gekünstelt.


In Ihrer „Redeakademie“ bieten Sie spezielle Rhetorikschulungen für Politiker an. Wer kommt alles zu Ihnen?

Meistens Leute, die neu im Politikgeschäft sind. Die, die schon länger dabei sind, rennen uns nicht gerade die Bude ein. Wir hatten aber auch schon einen Ministerpräsidenten als Kunden.


Was versuchen Sie Politikern zu vermitteln, die sich an Sie wenden?

Wir bieten ein sogenanntes „Kompetenzpaket Politik“ an. Ein wichtiger Baustein ist das Tandem-Coaching, bei dem wir beispielsweise Minister und Referenten gemeinsam schulen. Der Referent lernt dabei, die Reden besser auf seinen Chef zuzuschneiden. Wir besprechen auch, wie sich unsere Kunden bei Podiumsdiskussionen und Medien-Auftritten verhalten sollen. Und mit Techniken zum Stressmanagement bereiten wir sie auf Krisensituationen vor.


„Wie Sie ein Bierzelt zum Kochen bringen“, lautet ein Programmpunkt Ihrer Schulung. Klingt wie eine Anleitung zum Populismus...


Nein, Populisten möchte ich nicht ausbilden, im Gegenteil. Ich habe mal ein Seminar für eine Fraktion gegeben und einem Teilnehmer gesagt, dass er rausfliegt, wenn er nicht aufhört mit seinen populistischen Sprüchen.  Eine Zeit lang wurde zum Beispiel immer die arme alleinerziehende Kinderkrankenschwester bemüht, das konnte irgendwann keiner mehr hören!


Wie bringt man denn Ihrer Meinung nach ein Bierzelt zum Kochen?


Mit Pathos, mit der Fähigkeit, Gefühle hervorzurufen. Daran fehlt es deutschen Rednern oft. Ich will Politikern beibringen, wie sie Menschen über Sprache erreichen. Rhythmus, Tempo und die Länge der Sätze spielen dabei eine wichtige Rolle. Jemand, der von der Uni kommt und nun auf einmal Reden schreiben soll, ist es gewohnt, wissenschaftlich zu denken und zu schreiben – genau so klingen dann oft die Reden. Die kann kein Mensch emotional rüberbringen.  


Auch dieses Jahr gibt es wieder ein TV-Duell vor der Wahl. Merkel oder Steinbrück – wer wird den verbalen Schlagabtausch für sich entscheiden?


Mit Sicherheit Frau Merkel. Steinbrück mag zwar der bessere Redner sein, aber seine direkte Art wird von den Bürgern nicht immer geschätzt. Der präsidiale und unverbindliche Stil von Merkel hingegen kommt gut an.