Hier ist man unter sich

Politik

Junge Kolleginnen und Kollegen waren es damals, zu Beginn der Achtzigerjahre, die sich zusammengetan hatten, weil sie von den renommierten Journalistenkreisen nicht aufgenommen wurden. Erst war es der erste Kreis dieser Art, der „ohne Namen“ auskam, später hieß er wegen des Tagungsorts in einer Bonner Gaststätte „Wespennestkreis“. Diesen Namen behielten die Jungkorrespondenten lieber bei, als sie das Lokal wechselten und sich im „Spleen“ trafen.

Der erste Politiker, den der Neuling aus Frankfurt da erlebte, war Andreas von Schoeler. Groß war die Spannung vor einem Gespräch „unter drei“ – vertraulich, verschwiegen, geheimnisumwittert. Von Schoeler war nur unwesentlich älter, galt als einer der kommenden Leute in der FDP und war schon Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister des Innern. Doch was war das? Von Schoeler (heute SPD) erzählte Dinge, die schon in der Zeitung gestanden hatten. Über Querelen in der Frank­furter FDP, über deren Kandidaten, die bei dortigen Regionalwahlen auf der Liste standen, über Details des hessischen Kommunalwahlrechts. Alles „unter drei“. Spätere Erfahrungen: Ein Bundesminister monologisierte – und tags darauf stellte sich heraus, dass er eine Bundestagsrede geprobt hatte. Oder auch: Interessante Bemerkungen eines sogenannten Spitzenpolitikers, die wenig später als Interview in einer Zeitung nachzulesen waren. Der junge Korrespondent merkte sich seinen Teil.

Doch auch das gab es: Auftritt von Johannes Rau, NRW-Ministerpräsident und SPD-Kanzlerkandidat, im feinen Deutschen Presseclub, der Urmutter aller Journalistenkreise. Alles „unter drei“, wenn auch nur mäßig interessant. Zwei Tage später bekam der Neugierige vom Pressesprecher des CSU-Innenministers Friedrich Zimmermann in allen Details zu hören, was der Sozialdemokrat Rau alles so gesagt hatte. Auch Politiker merken sich ihren Teil und ziehen ihre Konsequenzen.

Angela Merkel zum Beispiel: Bei Auslandsreisen pflegt die Bundeskanzlerin auf dem Rückflug die mitreisenden Journalisten über deutsche Innen-, Partei- und Regierungspolitik zu unterrichten (auf dem Hinflug geht es um den Zweck der Reise selbst). Der Zufall wollte es, dass der Korrespondent nicht dabei sein konnte, aber zeitgleich mit einer der Vertrauten Merkels gesprochen hatte. Und siehe da: Merkel und die Merkel-Vertraute hatten – nahezu wortgleich – dasselbe gesagt. Einmal seitens der Bundeskanzlerin strikt „unter drei“, dem Verschwiegenheitsgebot unterworfen, einmal seitens der Vertrauten zur Verwendung gedacht. Lehre eins: Auch Hintergrundgespräche werden von Spitzenpolitikern mit ihren Beratern vorbereitet.

„Das können Sie alles senden“

Und auch das kam vor: Als Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine noch um die SPD-Kanzlerkandidatur rangelten, lästerte einer der Schröder-Vertrauten mit deftigen Worten über die Unfähigkeit Lafontaines. Ein anderer Neuling des journalistischen Gewerbes war verblüfft über die Offenheit des Schröder-Vertrauten. Ob er das alles schreiben dürfe? „Was glauben Sie, weshalb ich eine halbe Stunde mit Ihnen telefoniert habe“, wurde als Antwort kolportiert. Lehre zwei: Hintergrundgespräche werden gezielt eingesetzt.

Und schließlich der scheinbar sensationelle Fernseh­auftritt Horst Seehofers im ZDF im Mai 2012, nachdem der CDU-Spitzenkandidat bei der NRW-Landtagswahl Norbert Röttgen eigener Fehler wegen verloren hatte. Interview per Schalte für das Heute-Journal, geführt von Claus Kleber. Der CSU-Vorsitzende hielt sich mit seiner Kritik an Röttgen und an der CDU noch im Zaum. Nach dem eigentlichen Interview noch ein Zwiegespräch zwischen Mainz und München. Seehofer packte aus – dem Brauch nach „unter drei“. Deutliche Worte, Schuldzuweisungen diesmal in aller Klarheit. Kleber bemerkte, Marietta Slomka, seine Kollegin, habe einmal gesagt, die „Nachgespräche“ bei solchen Gelegenheiten seien meist interessanter als die Interviews selbst. Seehofers Reaktion: „Das können Sie alles senden.“ So kam es dann auch. 

Unterschiedliche Verhaltensweisen gibt es auch. Im März 2018 im Bundestag, während der Wiederwahl Merkels zur Bundeskanzlerin, plauderte Seehofer mit einer Handvoll Korrespondenten – wahrscheinlich „unter drei“. Um die Gruppe herum kreiste ein junger Mann mit Leichtkamera, machte Film- und Tonaufnahmen. Niemand kannte ihn, die Korrespondenten nicht, Seehofers Sprecher nicht und Seehofer auch nicht. Den künftigen Bundesinnenminister kümmerte es nicht. Merkel hätte den Unbekannten wegschicken lassen – oder wenigstens ein „Kamera aus“ angeordnet. Gleichwie – Lehre drei:  Politiker reden mit Journalisten, damit ihre Sicht der Dinge an die Öffentlichkeit kommt, und nicht mit dem Ziel, dass das Gesagte nicht in die Öffentlichkeit gelangt.

Plaudern ist unprofessionell

Wirkliche (wenn auch nur vorübergehende) Geheimnisse aber pflegen Spitzenpolitiker, zumal wenn es um Personalangelegenheiten geht, nicht vorab auszuplaudern. Schröder nicht, Merkel schon gar nicht. Auch untereinander verhalten sich Politiker so. Franz Müntefering (SPD), der sich noch verschwiegener als Merkel gab, pflegte mit Verweis auf das Skatspielen zu sagen, er halte das Blatt stets dicht an der Brust. Als Schröder zu Beginn des Jahres 2004 entschlossen war, den SPD-Vorsitz niederzulegen und an Müntefering weiterzureichen, hatte er ein langes Abendessen mit passenden Getränken mit Wolfgang Clement, seinem wichtigsten Mann im Bundeskabinett, der zudem noch stellvertretender SPD-Vorsitzender und sein Bündnispartner war. Am Morgen danach veröffentlichte Schröder seinen Plan. Kein Wort aber hatte er an dem langen Abend Clement gegenüber verloren. Clement war empört (beruhigte sich aber wieder). Im Zweifelsfall hätte er sich genauso verhalten. Merkel natürlich auch. Beispiel: Der Rücktritt des CSU-Ministers Hans-Peter Friedrich aus dem Bundeskabinett im Februar 2014, mit dem er einer Entlassung zuvorkam. Am Vorabend hatte Merkel die Büroleiter der wichtigsten Medien in Berlin zum Hintergrundgespräch ins Bundeskanzleramt eingeladen. Der bevorstehende Wechsel im Bundeskabinett spielte keine Rolle. Lehre vier: Plaudern ist unprofessionell. 

Das Gegenüber steht unter Beobachtung

Andererseits ist an den sogenannten Hintergrundgesprächen in den Hintergrundkreisen auch interessant und der Erwähnung wert: Auch das nicht Gesagte kann bemerkenswert sein. Es führt zu Einschätzungen des Gegenübers. Wie verhält er sich? Werden erkennbare Unterschiede zwischen jüngeren und älteren Journalisten gemacht, zwischen männlichen und weiblichen? Wie reagiert er in vielleicht ungewohnter Umgebung? Ist er arrogant und überheblich? Wie begegnet er überflüssigen Fragen oder falschen Behauptungen? Ist seine Argumentation schlüssig oder fahrig? Sagt er Hämisches (wenn auch Bekanntes) über Parteifreunde? Ist er eine Plaudertasche? Ist er umfassend in seinem Stoff? Wie ist es mit der Neugier auf ungewöhnliche Fragen? Ist er pünktlich? Und auch: Wie ist es mit der Höflichkeit, Gastgebern gegenüber etwa? Jenseits der Verschwiegenheitsgebote des Gesagten steht das Gegenüber aus der Politik bei solchen Gelegenheiten unter Beobachtung. Es weiß das natürlich.

Politiker lassen sich in der Regel von ihren Pressereferenten „briefen“, was es mit dem besagten „Kreis“ der Journalisten so auf sich hat, in den sie eingeladen wurden. Im Prinzip nehmen sie Einladungen gern an – Ausnahmen bestätigen die Regel. Politiker, die sich am Anfang einer Karriere sehen, kommen besonders gern. Sie wollen sich (noch) bekannt machen und auch das Berliner Journalistenmilieu kennenlernen. Sie sind meist auch „offener“ in ihren Antworten, weil sie zwar viel zu erzählen, aber noch keinen wirklichen Einfluss in Partei und Fraktion haben und wenig Verantwortung tragen – außer für sich selbst und ihren Aufstieg. Je länger und je höher sie in Ämtern sind, desto mehr passen sich ihre Äußerungen „unter eins“ („das kann alles geschrieben/gesendet werden“) und „unter drei“ („das ist nur für Ihren Hintergrund“) an. Anderes wäre freilich auch unzuträglich. Ein Politiker, der in der Öffentlichkeit anders redet als vertraulich in kleinem Kreis, macht sich auf Dauer unglaubwürdig.

Früher wurde ordentlich geholzt

Längst üblich ist es, dass auch Kanzleramt, Bundesministerien und Parteien zu „Hintergrundgesprächen“ einladen. Kanzler luden und laden meist die Büroleiter der Medien ein – Adenauer zum Tee, spätere Nachfolger zum Essen mit Wein, noch spätere zur Suppe mit Kaffee. Bundesminister und Parteivorsitzende laden Journalisten ein, die für ihr Fachgebiet zuständig sind. Der berühmteste dieser Art ist der „Stammtisch“ der CSU-Landesgruppe, bei dem – den Erzählungen nach – ganz früher bei Weißwurst und Bier ordentlich geholzt wurde gegen alles, was links von Franz Josef Strauß stand. Auch der einstige SPD-Fraktionsvorsitzende Herbert Wehner hatte einen Journalistenkreis gegründet. Die beliebte Fragestellung dort lautete, ebenfalls den Erzählungen nach: „Herbert, gib uns Weisung.“ Sowohl bei der CSU als auch bei der SPD hat sich das gelegt. Tempi passati.

Dass es als Eigeninitiativen von Journalisten unterschiedliche Kreise gibt, liegt in der Natur der Dinge. Die einen interessieren sich für Außenpolitik, die anderen kaprizieren sich auf Finanzen, wieder andere vor allem auf die CDU. Oder es tun sich Neulinge zusammen, die später dann zu Büro-/Studioleitern werden. Oder es finden Kollegen zusammen, die für Regionalzeitungen arbeiten. Oder Kolleginnen bilden einen Kreis (der sich zuallerletzt um Frauenpolitik kümmert). Ein Brauch wie in den Siebzigerjahren in Bonn, als sich das Journalistencorps noch nach parteipolitischen Präferenzen sortierte, hat sich (auch schon in Bonn) verflüchtigt. Damals gab es einen strikt konservativen Kreis („Ruderclub“), gegen den dann die linksliberale „Gelbe Karte“ von zudem Jüngeren gebildet wurde. Im „Adlerkreis“ fanden sich (meist ältere) Kollegen und Kolleginnen zusammen, die sich auf intellektuelle Weise der Politik näherten.

Nur wenige Kreise haben den Umzug von Bonn nach Berlin überlebt und haben immer noch Bestand: die „Gelbe Karte“, die aber nicht mehr parteipolitisch zu verorten ist; der „Provinzkreis“, in dem die maßgeblichen Regionalzeitungen vertreten sind; der „Wohnzimmerkreis“, an dessen Gründung der Autor dieser Zeilen beteiligt war, der sich bei seinen Mitgliedern wechselweise zu Hause und nicht in einem Lokal trifft. Auch andere Kreise können mittlerweile auf eine längere Tradition zurückblicken; einer nennt sich „Factfinder“ und kümmert sich vor allem um die Unionsparteien. Der älteste ist natürlich der Deutsche Presseclub – eine Gründung aus den Anfängen der Bonner Bundesrepublik. Einst gab es dort strenge Rituale. Über die Aufnahme neuer Mitglieder wurde geheim abgestimmt. Selbst deutschlandweit berühmte Journalisten scheiterten – und mussten noch einmal einen Aufnahmeantrag stellen, was sie auch taten. Dieser Teil der Satzung wurde später abgeschafft, was zum Erhalt des Clubs beitrug.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe N° 127 – Thema: Vertraulichkeit. Das Heft können Sie hier bestellen.