Alles Trump: Neues aus der US-Medienwelt

Medien

Spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum 45. Präsidenten der USA ist bekannt, wie gespalten die Medienlandschaft jenseits des Atlantiks ist – Trump hat die Fronten selbst betont und provoziert. Grob gesagt: Wer eine demokratische Sicht auf die Dinge hat, guckt CNN und MSNBC, wer Repu­blikaner ist, Fox News. „Trumping your life: How to be a better, stronger person“, heißt es beispielsweise beim Murdoch-Sender.

Eine Kampfansage gegen Trump ist der neue Slogan der „Washington Post“, die seit 2017 auf ihre Titelseite schreibt: „Democracy Dies in Darkness“. Und die „New York Times“ wirbt mit: „The truth is more important now than ever“. Die Digital-Abos von „Post“ und „NYT“ steigen seit der Wahl, nicht zuletzt dank des Interesses und der Leser weltweit. Und auch Fox News, von vornherein als ein Gegenentwurf zu CNN und vermeintlich linken Medien konzipiert, änderte 2017 seinen Slogan: statt „Fair and Balanced“ heißt es nun „Most Watched. Most Trusted“, 2018 legte der Sender mit „echten Nachrichten“ und „ehrlichen Meinungen“ nach. Der Dissens sei erwünscht. Doch der Konsens bleibt: Ein Demokrat wird niemals zu Fox News wechseln.

Die Auseinandersetzung mit Trump bestimmt die Schlagzeilen, im Netz sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Was auch bei den großen Häusern auffällt: In den USA folgen Medien Ideologien und Marktgesetzen. Der Kampf um Leser erzeugt immer wieder neue Formate. Reporter und Magazine sind in den sozialen Medien aktiv und werden als Personen präsent. Sie werfen einen Blick hinter die Kulissen und bieten einen persönlichen Blick auf die Dinge.

„Politico“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich ein neues Medium binnen weniger Jahre mit neuer Perspektive einen Namen machen kann. Gründe dafür sind nicht nur die Nachrichten, Hintergrundberichte und Querverbindungen, die „Politico“ seit 2007 liefert, sondern auch der Newsletter „Playbook“, ins Leben gerufen von Mike Allen, der das Erfolgsrezept jetzt bei seiner Neugründung Axios umsetzt.

Das Format Newsletter hat neue Relevanz erhalten: 94 Prozent der Führungskräfte weltweit geben es laut einer Studie von Quartz als wichtigste Nachrichtenquelle an. Auch in Deutschland setzen immer mehr Redaktionen auf die Informationen per E-Mail, vor allem am Morgen herrscht große Konkurrenz. Vorgemacht hat es hierzulande Gabor Steingart. Der will nach der Trennung vom „Handels­blatt“ seinen Newsletter „Morning-Briefing“ um eine „Morning-­Show“ erweitern – und liegt damit voll im neuen Trend: Podcasts.

Die Audioformate gibt es in den USA schon seit Jahren, doch ihre Beliebtheit steigt. Hörte 2008 jeder zehnte mindestens einmal im Monat einen Podcast, ist es 2018 jeder vierte. Die Auswahl ist riesig, das Angebot meist kostenlos. Auch die „Washington Post“ hat das Format für sich entdeckt. Einer ihrer Podcasts macht die Fronten klar: „Can he do that?“ reflektiert wöchentlich neue Ungewöhnlichkeiten aus dem Weißen Haus. An Trump führt in den US-Medien einfach kein Weg vorbei.

Zehn US-Medientipps

Wer sich für die USA, Politik und Medien interessiert, liegt bei diesen zehn Adressen genau richtig.

Medium
Politico

„Politico“ ist seit elf Jahren am US-Medienmarkt, seit 2015 mit einem Ableger in Brüssel. Schon nach einem Jahr hatte die Website drei Millionen Nutzer pro Monat und die Marke einen Fußabdruck im Nachrichten­geschäft hinterlassen. Der Mix aus Website, Zeitung und Newsletter geht auf, die Mischung aus kostenlosem Angebot und dem kostenpflichtigen „Politico ­Pro“ ist ein Erfolgs­rezept. Wie der Name verrät, dreht sich bei „Politico“ alles um Politik, ob harte Fakten oder Gerüchte. Es gibt keinen Sport und keine Kultur, außer es gibt einen politischen Bezug. Am bekanntesten ist der Morgen-­Newsletter „Playbook“, ins Leben gerufen von Mike Allen, und der Tages­bericht aus Washington schlechthin. Hierzulande hat sich der Newsletter von Brüssel-­Korrespondent Florian Eder etabliert, der in „Morgen Europa“ sehr ausführlich über die EU berichtete – seit März unter dem berühmten Label „Playbook“ und damit nur noch auf Englisch. Nachdem die noch immer recht junge Medienmarke bewiesen hat, dass der Erfolgszug auch jenseits von Washington möglich ist, geht die Expansion in Asien weiter: Seit Mai kooperiert „Politico“ mit der „South China Morning Post“, der englischsprachigen Tageszeitung mit Sitz in Hongkong.
www.politico.com

Website
FiveThirtyEight


538 ist die Anzahl der Wahlmänner und -frauen, die alle vier Jahre den Präsidenten der USA wählen. Wahlen und Politik in Zahlen: Das ist die Welt von Nate Silver und seinem Team. Der Statistiker hat eine Methode entwickelt, wie er aus Daten Entwicklungen vorhersagen kann, vornehmlich den Ausgang von Sportwettkämpfen und Wahlen. Und das mit einer erstaunlich hohen Trefferquote: Bei der US-Präsidentschaftswahl im Jahr 2008 lag Silver bei 49 von 50 Staaten richtig, 2012 sagte er alle Siege richtig vo­raus. 2009 kürte ihn das „Time Magazine“ zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Die Wahl von Donald Trump verhagelte ihm allerdings die Statistik, aber mit seiner Fehlprognose war er ja nicht allein. Der Besuch seiner Website lohnt sich allemal: Zusammen mit Datenjournalisten bietet er spannende Geschichten, News­letter und zwei Podcasts an – einen zu Sport- und einen zu Politikthemen.
www.fivethirtyeight.com

Website
Nieman Lab


Wer sich mit Journalismus beschäftigt, kommt an Nieman nicht vorbei: Die Nieman Foundation widmet sich seit Jahren der Branche und hat sich durch ihr Stipendium an der Harvard Universität einen Namen gemacht. 1939 gestartet, bietet es Medienschaffenden und -interessierten die Möglichkeit, an der Zukunft des Journalismus mitzuwirken – ob in Form neuer Inhalte, Formate, Techniken oder Finanzierungsmodelle. Zu den Fellows gehörten Pulitzer-Preisträger Paul Salopek, der in Harvard eine siebenjährige Reise für eine Reportage über die Spuren der Menschheit plante, und Chief Technology Officer Hong Qu, der auf dem Campus die Journalismus-App „Keepr“ entwickelte. 2008 startete das „Nieman Journalism Lab“ gleichzeitig Thinktank und Website. Mit einem „grundsätzlich optimistischen“ Ansatz geht es darum, wie sich Nachrichten im Internetzeitalter verändern. Der tägliche Newsletter „The Digest“ informiert über eigene Beiträge und Artikel in anderen Medien. Das macht das Nieman Lab zu einer soliden Quelle, um sich über die Entwicklungen des Journalismus zu informieren und aktuelle Trends und Debatten zu reflektieren.
www.niemanlab.org

Newsletter
Axios


Mit „Axios“ haben ehemalige „Politico“-­Redakteure eine Website geschaffen, die sich durch eine Informationsquelle regelmäßig ins Gedächtnis ruft: Newsletter. Das verwundert kaum, gehört zu den Gründern niemand Geringeres als Mike Allen, der frühere Starautor von „Politico“. Die aktuell 14 News­letter von Axios sind übersichtlich, was an der Auswahl und ihrer Gestaltung liegt. Spannend sind vor allem die Inhalte: Durch den Spiegelstrich „Why it matters“ kann man zum Beispiel schnell auch bei bekannten Nachrichten zur redaktionellen Einordnung springen. In „Axios Media Trends“ informiert Sara Fischer dienstags über Hintergründe und Trends aus Medien und Technik. Das ist sehr kurzweilig, informativ und hilfreich, auch für Kommunikatoren jenseits der USA. Mit „Axios AM“ hält Mike Allen an seiner Routine fest, frühmorgens über die Themen des Tages zu berichten und jene Top Ten zu listen, die niemand verpassen sollte. Die Auswahl passt zum Namen: Axios ist griechisch und bedeutet „würdig“. Und genau das ist der selbsterklärte Anspruch des neuen Mediums: nur das aufzunehmen, was Aufmerksamkeit und Vertrauen verdient.
www.axios.com/newsletters

Podcast
„New York Times“: The Daily


Was den Erfolg im Netz betrifft, bieten sich „New York Times“ und „Washington Post“ ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Beide haben auf Digitalformate gesetzt. Auch die „New York Times“ sucht ihre Leser im Netz, und das funktioniert ­– auch, weil viele Nutzer jenseits der USA sitzen. Zum digitalen Medien­mix gehören Podcasts. Am bekanntesten ist „The Daily“, in dem Politikjournalist Michael Barbaro fünfmal die Woche mit Kollegen über ihre Artikel spricht. Der Talk von rund 20 Minuten bietet einen guten Blick hinter die Schlagzeilen und hilft bei der Einordnung. Spannend sind die Interview­schnipsel, die Journalismus transparent und den Podcast lebendig machen. Nicht ohne Grund ist „The Daily“ der erfolgreichste Nachrichten-Podcast der USA. Daran anknüpfend hat die „NYT“ die Podcast-­Serie „The New Washington“ veröffentlicht, eine Ausgründung aus „The Daily“. Zu hören gibt es Interviews mit einer politischen Person der Woche, ergänzt durch Kommentare und Analysen der Redakteure. Ziel ist es, „die Charaktere“ des politischen Wa­shington darzustellen. Dazu gehört unter anderen Sarah Hucka­bee Sanders, Sprecherin des Weißen Hauses. Der Podcast beschreibt ihre Karriere, ihr Büro, ihren Arbeitsalltag, sie als Person – sehr interessant! Leider war die Serie zeitlich limitiert, die letzte Episode erschien im Dezember 2017.
www.nytimes.com/podcasts/the-daily

Newsletter
„Washington Post“: The Post Most


Als Amazon-Gründer Jeff Bezos 2013 die „Washington Post“ übernahm und von der Digitalisierung der Nachrichten schwärmte, war die Begeisterung gering. Doch tatsächlich ist es gelungen, die Zeitung auszubauen – mehr Bedeutung, mehr Redakteure und seit Kurzem auch bessere Büros. Die Zugriffe auf die Website und die Zahl der Digital-­Abos steigen. Aktuell gibt es 66 Newsletter und Alerts, darunter einen zum Thema Glauben und einen für Eltern. Der Klassiker ist „The Post Most“ mit den wichtigsten Schlagzeilen des Tages. Sie geben einen guten Überblick, was für die Leser wichtig ist, und zeigen, wie ein Leitmedium die Ereignisse reflektiert. Für „Entscheider“ gibt es das tägliche Morning-Briefing „The Daily 202“, praktischerweise auch als Pod­cast zum Hören. Apropos Podcasts: Ein Blick auf die Audioformate lohnt sich! Die „Post“ wäre nicht die „Post“, gäbe es nicht einen eigenen Podcast, der sich nur mit Trump, seiner „historischen Präsidentschaft“ und der drängenden Frage auseinander­setzt: „Can he do that?“ Neue Episoden erscheinen wöchentlich.
www.subscribe.washingtonpost.com/newsletters

Social Media
Ana Navarro


Ana Violeta Navarro Flores ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert: Sie ist in Nicaragua geboren, Wahl-Amerikanerin, Republikanerin, politische Strategin, Beraterin der Republikaner (2016 für Präsidentschafts­kandidat Jeb Bush) und eine der größten Gegnerinnen Donald Trumps. Das hat sie sogar dazu gebracht, 2016 Hillary Clinton zu wählen und damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie kommentiert scharfzüngig für ABC News, CNN und Telemundo. Mittlerweile folgen ihr mehr als 900.000 Personen auf Twitter. Das hat einen Grund: Die Zerrissenheit der amerikanischen Politik spiegelt sich in kaum einem anderen Account so gut wider wie in ihrem.
www.twitter.com/ananavarro

Podcast
NPR Politics


Das National Public Radio (NPR) wird gerne mit den Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland verglichen und ist ein Zusammenschluss verschiedener, lokaler und nichtkommerzieller Radios. Sie leben von Spenden und Sponsoring, sind weniger ideologisch als beispielsweise TV und Printmedien und werden quer durch das Land und über die politischen Lager hinweg gehört. Die beiden Sendungen „Morning Edition“ und „All Things Considered“ sind die erfolgreichsten Radiosendungen der USA – mit mehr als 14 Millionen Zuhörern pro Woche. Der Politik-Podcast „NPR Politics“ sortiert im Talkformat die Themen und Ereignisse der Woche. Laut Sender ermöglicht er seinen Hörern, politisch auf dem Laufenden zu bleiben, ohne selbst die Nachrichten zu verfolgen. Aber wer sich nicht für Nachrichten interessiert, wird keine Freude an dem Pod­cast haben. Der Talk ist locker und unterhaltsam, ein bisschen wie die jüngere Version des Presseclubs der ARD mit Original-­Audioschnipseln und frei von persönlichen Eitelkeiten. Das „Weekly Roundup“ ist 45 Minuten lang, tages­aktuelle Updates sind kürzer. Der Podcast ist wie die Sendungen der „New York Times“ und „Washington Post“ kostenlos.
www.npr.org/podcasts

Social Media
Jerry Saltz


Jerry Saltz ist Kunstkritiker des „New York Magazine“ und damit eher der Exot in der Liste der politisch relevanten Accounts. 2018 hat er den „Pulitzer Prize for Criticism“ bekommen. Ausgezeichnet wurde er für sein Lebenswerk und für seine Art, eine „raffinierte und oft gewagte Perspektive auf die visuelle Kunst in Amerika“ zu vermitteln, „die das Persönliche, das Politische, das Reine und das Profane umfasst“. Wunderbar kann man das in seinem Instagram-Account (280.000 Follower) sehen: Er teilt eigene und fremde Kunst, beides oft politisch – und vor allem gegen Donald Trump gerichtet. Garantiert unterhaltsam!
www.instagram.com/jerrysaltz

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe N° 123 – Thema: Der neue Regierungsapparat. Das Heft können Sie hier bestellen.