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Unter Brüdern

Studentenverbindungen haben einen schlechten Ruf, schuld daran sind vor allem rechtsextreme Umtriebe in Burschenschaften. Dagegen regt sich nun Widerstand, denn Korporationen dienen auch als Netzwerke für Politiker.

Von Felix Fischaleck und Benjamin Vorhölter

Hans-Peter Uhl hat sich sehr gefreut über diese Nachricht. „Ich bin erleichtert, dass die Arminia-Rhenania diesen Beschluss am Wochenende mit überwältigender Mehrheit gefasst hat. Es geht darum, der kollektiven Rufschädigung entgegenzutreten“, kommentierte der CSU-Politiker Ende Februar den Austritt seiner Verbindung aus der Deutschen Burschenschaft, dem Dachverband der Burschenschaften in Deutschland. Kurz zuvor war die Burschenschaft von Verkehrsminister Peter Ramsauer, ebenfalls CSU, aus dem Verband ausgetreten, davor 16 weitere Bünde. Seit Langem schon schwelt ein Machtkampf zwischen liberaleren und radikal-konservativen bis hin zu rechtsextremen Kräften innerhalb des Dachverbandes, dem derzeit noch etwa 90 Bünde angehören. Der Konflikt scheint nun entschieden – zugunsten der Hardliner. Dafür spricht auch die Wahl der Wiener Burschenschaft Teutonia zur vorsitzenden Verbindung auf dem Burschentag in Stuttgart Ende vergangenen Jahres. Für die Politologin Alexandra Kurth von der Universität Gießen, die ihre Dissertation über „Männerbünde im Zivilisationsprozess“ schrieb, steht fest: „Die extrem rechten Burschenschaften dominieren derzeit den Verband.“ Dies sei aber kein völlig neues Phänomen, sondern Ausdruck einer schleichenden Entwicklung, die mit der Aufnahme der österreichischen Burschenschaften 1971 an Fahrt gewonnen habe.


Kein Wunder also, dass sich Politiker wie Ramsauer und Uhl öffentlich von der Deutschen Burschenschaft distanzieren. Sorge um das Ansehen der Studentenverbindungen trägt derzeit auch Michael Schmidt von der Initiative Burschenschaftliche Zukunft (IBZ), ein Zusammenschluss von derzeit 26 Burschenschaften, die als liberal-national gelten. „Wir müssen wegkommen von der Neigung zum Separatismus in den Burschenschaften und Akzeptanz für unsere Themen in der Gesellschaft gewinnen.“ Seine Initiative will sich dem Wandel nicht verschließen und vor allem das Thema Europa in den Mittelpunkt der burschenschaftlichen Diskussion stellen. „Abstammungsdebatten“ wie auf dem Burschentag 2011 will Schmidt nicht mehr führen. Damals hatte die ultrarechte Verbindung „Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“ einen Antrag auf Ausschluss der Verbindung Hansea Mannheim gestellt, weil sie einen chinesischstämmigen Studenten aufgenommen hatte. Die öffentliche Empörung war groß. Die Bildung eines eigenen, liberalen Dachverbands hält Michael Schmidt für möglich, allerdings sei es nicht einfach, alle ausgetretenen Burschenschaften an einen Tisch zu bekommen.


Wenn man die jüngsten Debatten innerhalb der deutschen Burschenschaften verfolgt, muss man zu dem Schluss gelangen, dass es für Politiker nicht von Vorteil ist, Mitglied einer Verbindung zu sein. Der Fall des Berliner Sozial-Staatssekretärs Michael Büge scheint dies zu belegen. Nachdem die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus öffentlich kritisierte, dass der CDU-Politiker Mitglied in der umstrittenen Berliner Burschenschaft Gothia ist, steht seine Verbeamtung auf Lebenszeit auf der Kippe. Rücktrittsforderungen werden lauter. Die Causa Büge zeigt, dass in Deutschland die Mitgliedschaft in einer rechten Burschenschaft zum Stolperstein für eine politische Karriere werden kann. Anders ist dies bei politisch gemäßigteren Studentenverbindungen, diese können durchaus karrierefördernd wirken. Angeblich soll Theodor Heuss einmal gesagt haben, dass in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn das Wort ‚Zufall‘ „mit CV geschrieben“ werde. CV ist das Kürzel für den Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen.


Wie der Elitenforscher Stephan Peters im p&k-Interview bestätigt, pflegt der CV karrierefördernde Netzwerke am effektivsten – und das nicht nur in der Politik. Prominente Mitglieder in katholischen Studentenverbindungen sind etwa Joseph Ratzinger und Gerhard Cromme.


Für eine Politikerkarriere erscheinen neben den Kontakten, die man in einer Verbindung knüpft, vor allem das frühe Erlernen von wichtigen Soft Skills wie etwa Teamfähigkeit und Verhandlungskompetenz entscheidend. In den Conventen, den Mitgliederversammlungen der Verbindungen, lernen die Studenten, wie sie Mehrheiten organisieren und sich durchsetzen – mit anderen Worten: das demokratische Handwerkszeug. Norbert Herr, Landtagsabgeordneter der CDU in Hessen und Mitglied in der katholischen Studentenverbindung Adolphiana zu Fulda, hält viel vom Verbindungswesen. Der 68-Jährige, der sich auf seiner Webseite als „bodenständig und kompetent“ charakterisiert, schätzt daran insbesondere das Leistungsprinzip – sich öffentlich darzustellen und zu engagieren – sowie die Vermittlung konservativer Werte. „Studentenverbindungen sind ein Spiegelbild der Gesellschaft und ein tragendes Band für die Demokratie“, so Herr.


Der Netzwerk-Charakter von Verbindungen wiederum wird betont durch das Lebensbundprinzip, ein gemeinsames Merkmal fast aller Korporationen. Dieses besagt, dass man in der Regel ein ganzes Leben lang einer Verbindung angehört. Den „Alten Herren“, so heißen die Mitglieder einer Vereinigung nach deren Studienzeit, kommt dabei die Aufgabe zu, die Verbindung finanziell zu unterstützen und jüngere Brüder zu fördern. Auch Norbert Herr lebt dieses Prinzip: Er habe öfters Praktikanten in seinem Abgeordnetenbüro, die Mitglied im CV sind. Der Vorteil sei, dass man in der Regel eine gemeinsame Sprache spreche: „Bei CV-Mitgliedern kann man davon ausgehen, dass eine gewisse Grundrichtung vorhanden ist“, so der CDU-Politiker.
Doch nicht nur in den konservativen Parteien und der FDP sind Korporierte gut vernetzt, sondern auch in der SPD. Dort gibt es seit 2006 den sogenannten Lassalle-Kreis, ein Zusammenschluss von Männern und Frauen, die zugleich einer Studentenverbindung angehören. Bekannteste Mitglieder­ sind der Sprecher des Seeheimer Kreises, Johannes Kahrs, und Klaus Hänsch, der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments. Der Kreis ist benannt nach Ferdi­nand Lassalle, einem der Gründerväter der SPD und Mitglied der Alten Breslauer Burschenschaft der Raczeks, die heute als stramm rechts gilt. Der Gründung vorausgegangen war eine SPD-interne Diskussion darüber, ob ein Verbindungsstudent in einer Burschenschaft oder einem Corps gleichzeitig Mitglied bei den Sozialdemokraten sein kann. Vor allem die Jusos machten damals Druck. Letztlich vereinbarten Präsidium und Vorstand der SPD, dass lediglich Mitglieder einer Burschenschaft, die der Burschenschaftlichen Gemeinschaft angehören, einer rechtslastigen und derzeit Ton angebenden Gruppierung innerhalb der Deutschen Burschenschaft, nicht gleichzeitig SPD-Mitglied sein könnten. Die Kritiker fanden den Beschluss zu milde, die Verbindungsleute störten sich an der mangelnden Differenzierung zwischen den einzelnen Spielarten von Studentenverbindungen.


Florian Boenigk, Vorsitzender des Lassalle-Kreises, will diesen unzureichenden Informationen über Korporationen innerhalb der SPD entgegenwirken. Der 32-Jährige ist Alter Herr bei der Akademischen Verbindung Virtembergia zu Tübingen, einer liberalen, nichtfarbentragenden und nichtschlagenden Studentenverbindung. „Im rot-grünen Lager ist es mitunter nicht von Vorteil, in einer Korporation zu sein“, sagt Boenigk. Er selbst habe jedoch noch keine negativen Erfahrungen aufgrund seiner Mitgliedschaft in einer Verbindung gemacht.


Einen Netzwerk-Effekt bestreitet auch Florian Boenigk nicht, die Loipe für eine politische Karriere sei durch die Mitgliedschaft in einer Studentenverbindung gewissermaßen schon gespurt. Doch er merkt auch an, dass das Protegieren von Brüdern im Berufsleben – wie es früher vielleicht an der Tagesordnung war – nicht mehr möglich sei. Das Leistungsprinzip dominiere in einer globalisierten Welt.


Aktuell leiden die Studentenverbindungen an einem Nachwuchsproblem, die Mitgliederzahlen gehen seit Jahren zurück, gleichzeitig wird die Alterspyramide nach oben wesentlich breiter. Wollen Korporationen auch künftig Bestand haben und als politische Netzwerke relevant sein, müssen sie sich modernisieren. Getreu dem Motto: Das einzig Beständige ist der Wandel. Die Politologin Alexandra Kurth kritisiert, dass sich die Korporationen in den vergangen Jahren hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt hätten. Auf drängende Fragen unserer Zeit, die mit Integration, Ökologie und Gleichheit zu tun hätten, böten sie keine Antworten. Im Gegensatz zur Deutschen Burschenschaft scheinen zumindest einige Verbindungen, die Zeichen der Zeit erkannt zu haben. Auch Frauen sind dort mittlerweile willkommen. Ein No-Go ist dies für die Burschenschaft der Racezks, die auf ihrer Webseite den Ausschluss von Frauen wie folgt begründet: „Weil dann alle möglichen Liebschaften und Eifersuchtsdramen Unruhe in unseren Bund bringen würden und wir auch mal gerne in gepflegter Runde den einen oder anderen Herrenwitz erzählen.“ Na dann, viel Spaß.