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Screenshot: ZDF
Mimik-Check

Spagat zwischen Ratio und Empathie

Der Bundestag stimmt über das dritte Hilfspaket für Griechenland ab. Im Vorfeld versuchte Angela Merkel im ZDF-Sommerinterview, die durch Äußerungen von Fraktionschef Volker Kauder verursachte Debatte über Fraktionszwang in der Unionsfraktion zu beruhigen. Ist ihr das gelungen? Die Kanzlerin im Mimik-Check.

von Dirk W. Eilert

An diesem Mittwoch heißt es für die Parlamentarier und insbesondere für die Abgeordneten der Unionsfraktion: Farbe bekennen. Der Bundestag stimmt über das dritte Hilfspaket für Griechenland in Höhe von 86 Milliarden Euro ab. Vor allem in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion ist die Stimmung aufgeheizt. Schon bei der Abstimmung im Juli gab es 60 Abweichler in den Reihen der Union. Doch nun sind die Gefühle noch mehr in Wallung gekommen, nachdem Fraktionschef Volker Kauder in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" sagte: "Aber diejenigen, die mit Nein gestimmt haben, können nicht in Ausschüssen bleiben, in denen es darauf ankommt, die Mehrheit zu behalten: etwa im Haushalts- oder Europaausschuss. Die Fraktion entsendet die Kollegen in Ausschüsse, damit sie dort die Position der Fraktion vertreten." Einige empfanden diese Worte als Drohung und reagierten verärgert.

Im ZDF-Sommerinterview stellte sich Merkel nun vor Fraktionschef Kauder und verteidigte seine Argumentation. Auf die Frage "Ist es so gewesen: Kauder droht in Merkels Sinne?" antwortete sie: "Wer Volker Kauder kennt, der weiß, dass er sich wirklich um das, was Abgeordnete denken, was sie meinen, was sie ausdrücken wollen, unendlich viele Gedanken macht und Volker Kauder weiß wie ich, dass wir keinen Fraktionszwang haben und dass jeder frei ist in seinem Abstimmungsverhalten."

Was verrät Merkels Mimik in dieser Situation über ihre Gefühlslage? Auffällig ist, dass die Bundeskanzlerin während ihrer Aussage mehrmals schnell hintereinander blinzelt. Dies ist ein Hinweis darauf, dass ihr Stressempfinden erhöht ist. Unterstützt wird diese Wirkung durch einen weiteren Hinweis. Die Kanzlerin fährt fort: "Jetzt will ich auf einen anderen Sachverhalt hinweisen", sagt sie, macht eine Sprechpause und zieht kurz die Lippen seitlich auseinander – eine typischer Gesichtsausdruck, den wir machen, wenn uns etwas unangenehm ist und wir unsicher sind. Anschließend erklärt Merkel den sachlichen Hintergrund von Kauders Aussage: Die Geschäftsordnung des Deutschen Bundestags regele, dass die Stärke einer Fraktion und ihre Meinungsbildung sich auch im Ausschuss widerspiegeln müsse. Darauf habe Kauder mit seiner Aussage hinweisen wollen, so die Kanzlerin.

Merkel reagiert rational

An dieser Stelle wird einmal mehr deutlich: Angela Merkel neigt dazu, auf Emotionen mit sachlichen Argumenten zu reagieren – in diesem Fall auf den Ärger innerhalb der Fraktion. Diese Art von Reaktion sorgte schon im Juli in den sozialen Netzen unter #Merkelstreichelt für harte Kritik, nachdem Merkel auf die Trauer eines Flüchtlingsmädchens mit rationalen Argumenten reagiert hatte. Auch wenn sie damals in ihrer Körpersprache und Mimik Mitgefühl ausdrückte, kam dies in ihren Worten bei den Menschen nicht an und führte zu einer Welle der Entrüstung.

In kritischen Entscheidungssituationen mag es wichtig sein, einen kühlen Kopf zu bewahren und nach sachlichen Argumenten zu beurteilen. Gleichzeitig ist es hilfreich, im Blick zu behalten, dass wir Menschen emotionale Wesen sind und uns Gefühle stärker steuern als der Verstand, vor allem wenn es um Emotionen wie Ärger und Angst geht, die der archaischen Angriffs- und Fluchtreaktion entsprechen. Um einen Konflikt zu beruhigen und einen Konsens zu finden, braucht es neben rationalen Argumenten auch ein erkennbares Eingehen auf die Emotionen des Gegenübers.

Die nonverbalen Stresssignale Merkels im Sommerinterview weisen darauf hin, dass sie die Emotionen in der Unionsfraktion durchaus nachempfinden kann. Nur drückt die Kanzlerin dies eben nicht in Worten aus, wie beispielsweise durch einen Satz wie "Ich verstehe, dass die Aussage Volker Kauders einige verärgert hat". Auch wenn man auf sachlicher Ebene nicht immer eine Meinung ist, bleibt so die gemeinsame emotionale Basis, das Vertrauen und der gegenseitige Respekt in einer Beziehung erhalten. Dies setzt natürlich voraus, dass der Ausdruck von Empathie nicht nur strategisch eingesetzt wird, sondern auf echtem und nachempfundenem Verständnis der Gefühle des Gegenübers beruht.