Hauptsaison für Headhunter

Politik

Staatssekretäre, Abteilungs­leiter, Pressesprecher: Von einer neuen Hausleitung werden sie gerne ausgetauscht. Das ist im politischen Betrieb nicht anders als in der Privatwirtschaft. Doch die Unterschiede zwischen den beiden Bereichen sind gravierend – auch im Umgang mit Headhuntern.

Headhunter suchen für ihre Auftraggeber das beste Personal. In der Regel geht es ab dem mittleren Management los, darunter lohnen sich Aufwand und Kosten kaum. Sie beobachten den Markt, führen Gespräche und prüfen, ob die Kompetenzen der Kandidaten zur Stelle und ihre Persön­lichkeit zur Institution passen. Am Ende erhält der Auftrag­geber eine Bestenliste, aus der er wählt. 

Foto: Miriam May/Egon Zehnder

Jörg Ritter 
Partner Egon Zehnder

Egon Zehnder ist eine etablierte Branchengröße. Die Personalberatung sucht Führungskräfte im privaten und öffentlichen Raum ab einem Jahres­gehalt von 200.000 Euro.

Das Angebot an Headhuntern ist groß, viele sitzen nicht in Berlin, sondern in München, Stuttgart, Frankfurt oder Köln. Sie pendeln und nutzen Knotenpunkte in der Hauptstadt, um zu erfahren, wer geeignet und ansprechbar ist. „Gerade in Ministerien ist ein Zugang essenziell“, sagt Christine Arlt-Palmer, Partnerin der Personal­beratung Board Consultants International. Das bessere Gehalt sei nicht immer ausschlaggebend, viele schätzten die Sicherheit und Arbeitszeiten im Öffentlichen Dienst. Während in Wirtschaft und Wissenschaft der Wechselwille groß sei und viele von sich aus aktiv suchten, herrsche im politischen Raum Zurückhaltung: „Ich würde mir wünschen, dass auch politische Funktionsträger das Gespräch mit uns suchen. Viele warten einfach ab, was sich ergibt. Da werden Chancen vertan“, sagt Jörg Ritter, Partner bei einer der größten Personalberatungen am Markt: Egon Zehnder.

Foto: Nell Killius

Stephanie Schorp
Managing Partner Comites

Comites hat seinen Sitz in München, sucht aber bundes- und europaweit für die Leitungsebene in Wirtschaft und Verbänden.

Angst vor dem Aufschrei

Sie warten auf Angebote oder einen Posten, den die Partei ihnen zuspielt. Werden leitende Positionen frei, folgen Leute, die schon da sind. „Kaminkarrieren“ nennt man das: Man lässt sich wie warme Luft im Schornstein nach oben treiben. Mit der Suche nach den Besten hat das wenig zu tun, klagt Ritter: „Positionen sollten aufgrund von Kompetenzen und Potenzial besetzt werden und nicht danach, wer aus den eigenen Reihen die Aufgabe übernehmen kann. Das Problem der Kaminkarrieren hat sich aber in den vergangenen Jahren leider noch verstärkt.“

Als Ursula von der Leyen 2014 den Kamin aufbrach und die McKinsey-Beraterin Katrin Suder als Staats­sekretärin ins Bundes­verteidigungsministerium holte, nannte der „Spiegel“ das eine „spektakuläre Personalie“. Dass viele ehemalige Mitarbeiter von Wolfgang Schäuble später in Spitzen­positionen außerhalb des Ministeriums landeten, war der „Welt“ einen Artikel über die „Schäuble-­Republik“ wert. Die Wechsel zwischen Wirtschaft und Politik sind alles andere als normal, der Verdacht schwingt mit, dass die Exekutive gefällig wird. Negative Beispiele gibt es genug. 

Foto: Karin Engels

Ulrich Schuhmann 
Geschäftsführender Gesellschafter Schuhmann Personalberatung

Die Schuhmann Personalberatung ist spezialisiert auf Kommunikations­berufe. Gesucht wird auf allen Ebenen, in der Regel ab zwei Jahren Berufs­erfahrung.

Die Angst vor dem gesellschaftlichen Aufschrei sei ein Hindernis, um Mitarbeiter aus dem öffentlichen Bereich für die Privatwirtschaft zu gewinnen, sagt auch Stephanie Schorp, Managing Partner bei der Personalberatung Comites. Mitarbeiter im politischen Raum hätten „die Kommunikations­kompetenz und den Sinn für Machtstrukturen“, um in Konzernen zu bestehen. Dass sie mitunter das richtige Netzwerk oder Parteibuch haben, steht auf einem anderen Blatt. Strategische Besetzungen nach einer Wahl, um sich den Zugang zur neuen Regierung zu sichern, lehnen viele Headhunter ab. „Stellen nach Nasenfaktor zu vergeben, ist einfallslos und hilft nicht, die zu finden, die für einen Job wirklich geeignet sind“, so Schorp.

Die Seilschaften müssen bröckeln

Die Männerseilschaften, in denen man sich Posten unter­einander zuschanzt, bröckeln – zumindest sollten sie es. Das Ziel, mehr Führungspositionen mit Frauen zu besetzen, erreicht man nicht zufällig. Herausforderungen wie die Digitalisierung oder Integration verlangen nach Profis. Doch gerade in Berlin sei die Versuchung groß, den naheliegenden statt den besten Kandidaten einzustellen, sagt Christine Arlt-­Palmer: „In der Glocke Berlin, wo jeder meint, jemanden zu kennen, verliert man viele aus dem Blick, die hochqualifiziert sind, aber eben nicht auf jedem Fest tanzen.“ Immer wieder betonen Head­hunter, dass sie sich von Proporzgedanken freimachen und sich auf Kompetenzen fokussieren wollen. Am Ende hat es aber der Auftraggeber in der Hand, für wen er sich entscheidet – und ob es nicht doch jemand wird, der schon im Netzwerk ist oder das richtige Parteibuch mitbringt. 

„Wir nennen das die Subjektivitätsfalle“, sagt Ulrich Schuhmann aus Köln. Als Personalberater sieht er die Fokussierung auf eine Partei kritisch. Der Markt sei komplexer geworden, auch in der Politik: „Im Mehrparteiensystem, mit der föderalen Struktur und der Unwägbarkeit von Koalitionen, muss man sich breiter aufstellen. Die Ausrichtung auf eine Partei ist deshalb oft fahrlässig.“

Doch gerade im politischen Raum suchen viele Auftrag­geber nur von Wahl zu Wahl. „Während der Legislatur­periode passiert nichts, dann bricht Hektik aus. Das müsste nicht sein“, sagt Ritter. Man könne ja unabhängig von einer konkreten Regierung definieren, was die großen Themen werden, und die Personen finden, die im Themen­gebiet die größte Kompetenz mitbringen. Aber das passiert eben nicht oder einfach zu selten.

Foto: privat

Christine ­Arlt-Palmer
Partnerin Board Consultants ­International

Sie besetzt vor allem Führungspositionen in öffent­lichen Institutionen und Unternehmen, Verbänden, Beratungsgesellschaften und Medien.

Macher statt Selbstdarsteller

Wer in einem Themengebiet wirklich etwas bewegen wolle, der sei auch für einen Wechsel ansprechbar, sagt Schorp: „Wer Lust hat, etwas zu verändern, hat selbst Lust auf Veränderung.“ Gerade Macher würden gesucht, Leute, die nicht nur darstellen, sondern auch anpacken – und die sichtbar sind. Frauen neigten dazu, sich zu sehr zu relativieren und zu wenig darzustellen, so Arlt-Palmer. Das sei vielleicht besonders ehrlich – aber nicht immer sehr geschickt.

Ein starkes Profil auf LinkedIn und Xing ist für die Suche der Headhunter ein Ansatzpunkt, aber nicht zuver­lässig, weil es zu viele Selbstdarsteller gibt. Das persönliche Interview entscheidet, und welchen Eindruck man dort hinterlässt. Stephanie Schorp hat mit der Philosophin Rebekka Reinhard ein „philosophisch-­psychologisches Interviewverfahren“ entwickelt, um auch tiefergehende Fragen zu stellen, zum Verständnis von Macht zum Beispiel. Damit versucht sie herauszufinden, ob ein Kandidat zur Kultur der Institution passt, für die sie sucht. Bei einem Wechsel vom öffentlichen in den privaten Bereich und andersherum ist das nicht unwesentlich.

Foto: Kienbaum Consultants International

Anne von Fallois 
Hauptstadt­repräsentantin ­Kienbaum Consultants ­International

Kienbaum ist einer der größten am Markt und auf die Suche nach Führungskräften spezialisiert, insbesondere im Bereich Kommunikation.

Selbst auf sich aufmerksam zu machen und einen Lebens­lauf einzureichen, ist aus Headhunter-Sicht professionell. Dass viele FDP-Mitarbeiter schon ein Dreivierteljahr vor der Bundestagswahl 2013 Kontakt suchten, nennt Berater Schuhmann nicht illoyal, sondern „weitblickend“. Skeptisch wird er nur, wenn jemand Vertrau­liches preisgibt und bei seiner Bewerbung mit Interna über den schlechten Zustand seines Arbeitgebers rausrückt. Vertraulichkeit spielt in der Branche eine große Rolle. Vor allem, wenn ein Stelleninhaber noch nicht weiß, dass er gehen und ein Nachfolger für ihn kommen soll. Doch in Berlin ist Vertraulichkeit schwierig herzustellen. Spätestens bei seinem vierten Kontakt hätte sich herum­gesprochen, dass er sucht, sagt Schuhmann. Und wer über Ausschreibungen Personal gewinnen will, läuft Gefahr, dass sich viele erst gar nicht bewerben, weil sie befürchten, dass ihr Arbeit­geber Wind davon bekommt. Die Netzwerke in Berlin funktionieren eben besonders gut – positiv wie negativ. 

Fünf Tipps zum Umgang mit ­Headhuntern

Selbst aktiv werden: 
Headhunter leben von ihrem Fundus. Wer einen Lebenslauf schickt, profitiert doppelt: Viele Headhunter bieten im persönlichen Gespräch ein kostenloses Coaching für den Karriereweg.

Sichtbar sein: 
Kompetenzen finden sich nicht von allein: Wer in einem Themengebiet stark ist, muss es zeigen. Schreiben Sie Beiträge, halten Sie Vorträge und besuchen Sie Veranstaltungen – wohldosiert.

LinkedIn und Xing ­nutzen: 
Headhunter nutzen Netzwerke für ihre Recherche. Halten Sie Ihr Profil aktuell, achten Sie auf ein professionelles (kein privates!) Foto und fokussieren Sie sich auf klare Kompetenzen.

Vertraulichkeit ­wahren: 
Loyalität ist am Arbeitsmarkt wichtig. Dazu gehört Verschwiegenheit. Tragen Sie keine Interna weiter und beweisen Sie, dass Vertrauliches bei Ihnen gut aufgehoben ist.

Rechtzeitig absagen: 
Sagen Sie ab, sobald Sie merken, dass der Wechsel nicht infrage kommt. Zögerer können auf einer schwarzen Liste landen, denn im Falle einer späten Absage beginnt die Suche oft von vorn. Zweitplatzierte wären eben nur zweite Wahl. 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe N° 122 – Thema: Wie sich das politische Berlin neu aufstellt. Das Heft können Sie hier bestellen.