Das G-Wort

Reschs Rhetorik-Review

Auf diese Ausgabe meiner Kolumne habe ich mich gefreut! August! Mitten im Wahlkampf! Das schreibt sich doch ganz von alleine! Und jetzt: Sitze ich vor einem leeren Bildschirm. Und warte. So wie wir alle. Dass mal jemand den Mund aufmacht. Und nicht nur, um hinter dem Rücken des Bundespräsidenten zu grinsen, sondern um zu streiten, zu diskutieren. Stattdessen – nur das G-Wort: Gähn!

So was von nichts hat man mitten im Wahlkampf selten erlebt. Aber: Sind wirklich die Annalenas, Armins und Olafs daran schuld? Vielleicht liegt es ja auch an den Journalisten. Sie stellen doch die Fragen, auf die es zu antworten gilt. Und jetzt – Hand aufs Herz: Kann sich die geneigte Leserschaft an eine (!) essenzielle Frage aus den unzähligen Sommerinterviews erinnern, an der ein Politiker seine rhetorischen Künste schärfen kann?

Stattdessen wird stumpf palavert. Es ist erschreckend: Das einzige Interviewformat, das bis dato irgendwie die Wahlkampf Schlagzeilen beherrschte, ist der Brigitte-Talk, in dem Frau Baerbock über Aussehen und Erziehung (sic!) und Armin Laschet über seine nächtlichen Netflix-Eskapaden (was seine Frau überhaupt nicht mag, ach!) sprechen durften. Wenigstens Armin Laschet hat die Plauderei noch zu einer quasipolitischen Botschaft genutzt: Er brauche wenig Schlaf! Das sind Führungsqualitäten! Gäähn.

Liebe CDU, euer Armin ist ja bisweilen echt arm dran. Ist er so, wie er ist, dann ist es nicht recht. Und wenn er dann gar nicht mehr lächelt, ist das Netz voller Fotos mit einem grimmig dreinblickenden Kanzlerkandidaten, und alle machen sich über ihn lustig.

Es ist die Gretchenfrage der Kandidaten: Wer bin ich? Und wer darf ich sein, um Erfolg zu haben? Welche Geschichten erzähle ich wem in welchen Worten? In einem Instagram-Video steht Armin Laschet inmitten der bunten Lollipop-Welt der Influencer, und sagt wirklich: “Leben im ländlichen Raum muss attraktiv sein. Auch da muss man noch Wohneigentum erwerben können …” undsoweiterundsofort.

Dieses Bürokratendeutsch passt gar nicht in die Influencer-Welt. Helmut Kohl sagt man nach, er habe “mit de Leut'” ganz gut gekonnt. Instagram wäre da das richtige Medium für ihn gewesen. Weil man da eben “bei de Leut'” ist. Deswegen sollte man da auch so sprechen wie die Leut ́ – und definitiv nicht so wie Armin Laschet: mal kurz vor die Kamera und den Text vom jurisprudenten Referenten runterleiern. Heraus kommt ein Text, den man kaum lesen würde und hören erst recht nicht.

Auf Insta und im richtigen Leben spricht außer eilfertigen Referenten niemand vom ländlichen Raum. Das Wort Wohneigentum haben selbst die Bausparkassen aus ihrem Wortschatz gestrichen. Eine gute Rede ist seit Urzeiten der Rhetorik nicht eine Form des korrekten Aufsagens, sondern eine Form der Interaktion. Die sozialen Medien sind die neuen Bühnen für diese Reden. Wie wäre es damit: “Ihr wohnt auf dem Land und wollt dortbleiben. Weil es eure Heimat ist. Weil es euch da gefällt. Dann habt ihr mich an eurer Seite.” Na, Unterschied gemerkt?

Das komplizierte Reden scheint mir überhaupt eine rhetorische Krux des Kandidaten aus dem katholischen Aachen zu sein. Sein Erzählstil erinnert an die Bibel. Die beginnt nämlich ganz vorne. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und dann kommt die Bibel aus dem prozessualen Erzählen nicht mehr heraus. Das lernen wir ja auch in der Schule: Wir erzählen von vorne und hören hinten auf. Auch der kleine Armin hat hier damals wohl seine erste gute Note bekommen und abgespeichert: Prozessuales Erzählen ist gut. Das stimmt aber nicht.

Gute Rhetorik beginnt nicht vorne. Sondern bei den Zuhörerinnen und Zuhörern. Das gelingt Armin Laschet selten. Auch nicht, als er sich aus dem tiefen Bayern auf den Weg in die Hochwassergebiete seines Bundeslandes macht. Die gesamte improvisierte Pressekonferenz wird live übertragen. Ein paar Millionen sind live dabei. Die wichtigsten Soundbites laufen in den Nachrichten. Und Armin Laschet beginnt – von vorne. Er erzählt, was in den letzten 24 Stunden geschehen ist, beginnend bei dem ersten Regentropfen. Bis er dann mal wesentlich wird, sind die Zuschauer lange weg.

Liebe SPD, nun zu dir: Wenn dein Olaf Kanzler werden soll, dann gib ihm ganz viel Nachhilfeunterricht bei Malu Dreyer. Die Ministerpräsidentin aus Mainz wurde hier schon häufiger lobend erwähnt. Sie kommt gebürtig aus der Pfalz, wie Helmut Kohl. Das “nah bei de Leut'” ist dort wohl im Grundwasser.

Als Malu Dreyer im Hochwassergebiet ankommt, ist auch für sie eine Pressekonferenz vorbereitet. Malu Dreyer spricht nicht prozessual, sondern im Moment. Aus dem Herzen. Zu den Menschen. Ihr allererster Satz: “Was den Menschen hier passiert ist, das macht mich sprachlos. Wir müssen hier alle gemeinsam helfen, damit Sie hier wieder leben können.” So einfach kann Rhetorik sein.

Die SPD kann die Macht des gesprochenen Wortes gerade deutlich besser nutzen als die CDU. Beispiel gefällig? Armin Laschet verspricht den Hochwasseropfern, dass ganz bald ein Bundesgesetz kommt, das ihnen irgendwann finanziell hilft. Irgendwann gebe es dann auch wieder eine Perspektive. Wie immer: vorn anfangen, komplex sprechen, hinten aufhören. Schon Aristoteles soll gesagt haben: Die Wahrheit liegt immer beim Gegenüber! Anders gesagt: Beginne deine Rede bei der wichtigsten Emotion deines Publikums!

Neben Laschet steht der andere Kandidat, Olaf Scholz. Dem “Scholzomat” sagt man gerne nach, er könne weniger “mit de Leut'”. Offenbar hat er gelernt. Denn siehe da: Olaf Scholz findet bei seinen Besuchen in den Hochwassergebieten nicht nur immer die richtige Miene, sondern auch die richtigen Worte. Er sagt: “Wenn ich mir die Zerstörung hier in den drei Bundesländern Bayern, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz anschaue, dann ist es mir eine Motivation, Ihnen zu sagen, wir werden das gemeinsam schaffen.” Wahrscheinlich braucht er dazu das gleiche Gesetz, über das eben Armin Laschet gesprochen hat. Aber darüber spricht er nicht. Er spricht mit den Menschen. Ist das die neue Scholz-Rhetorik? Es gibt mehrere Beispiele dafür. Sie wirkt. Zum heutigen Tag will fast die Hälfte der Wähler den Hanseaten als Kanzler.

Liebe Grüne, wenn man eure Annalena so erlebt, bleibt man erstaunt zurück. Warum beschäftigt die Partei der neuen Generation keinen Medientrainer der neuen Generation? Die Kandidatin nutzt stets die rhetorischen Ausfluchtregeln aus den frühen Siebziger Jahren. Damals hieß es: Auf kaum eine Frage eingehen, die Ebene wechseln, unverbindlich bleiben, irgendwie was sagen, aber bloß keinen verschrecken. So praktiziert sie das bei Pro7, in der ARD, im ZDF oder in der “FAZ”: Weg von der Frage – hin zu meiner Message. Altertümlicher kann man nicht argumentieren. Selbst Rainer Barzel würde sagen: Hab ich auch schon so gemacht! Er ist damit übrigens auch nicht Kanzler geworden.

Wer ins Kanzleramt einziehen will, sollte alle verfügbaren Medientrainings mitmachen und sich am Ende nicht an eines davon halten. Der ganz persönliche Auftritt ergibt sich aus dem gesamten Wissen um Wirkung und Relevanz. Ein gutes Medientraining macht frei. Bei Annalena Baerbock erahnt man eine Flexi-Leine, die sie auf Knopfdruck immer wieder ins rhetorisch Seichte zieht. Da kann man zwar nicht ertrinken, aber eben auch nicht reüssieren.

Mein Tipp: Der (nicht mehr ganz so neue) heiße Scheiß der Rhetorik heißt Storytelling. Ihr habt doch eine Vision für das Land! Dann redet doch nicht immer darüber, was ihr verbieten wollt. Dieses ewige “Wir wollen unseren Kindern eine bessere Welt hinterlassen” – na klar, das ist wichtig. Aber diese Metapher reißt keinen mehr vom Hocker. Macht es doch mal konkreter! Wie sieht denn ein Land nach fünf Jahren “grün” aus? Wie lebenswert, wie anders? Wie wollt ihr das bezahlen? Lasst Bilder entstehen über eine Zukunft jenseits ausgetretener Metaphorik. Und das Schöne: Da hättet ihr dann auch das Copyright dran. Denn so konkret redet nicht mal Markus Söder.

Womit wir bei der lieben CSU wären. Was der Söder Markus alles verspricht! Er redet in grünen Superlativen daher. Und stichelt gekonnt gen Laschet. Dabei nutzt er nicht die feine Klinge. Er schwingt den rhetorischen Säbel. Aber was er anders machen würde, wie er seine grünen Ziele erreichen will und wer das bezahlt –, darauf hätte man doch gerne mal Antworten. Offenbar fragt aber keiner. Und wenn doch, dann schwingt Söder den Säbel und piekst damit den Kandidaten aus Aachen in den Allerwertesten. Für einen Politprofi sind das rhetorische Laubsägearbeiten, das kann man Markus Söder ja nicht mal übelnehmen. Warum soll er sich strategisch abarbeiten, wenn er bei der Presse auch mit rhetorischer Sparflamme durchkommt. Die Presse lässt sich liebend gerne im und mit dem “Schlafwagen” ablenken.

Damit sind wir wieder beim Anfang der Debatte. Gute Rhetorik braucht gute, hartnäckige, bissige Fragen. Es liegt an den Journalisten, die richtigen Gewichte auf die Stange zu legen. Und dann macht’s Spaß, den Politikern beim Heben und beim Verheben zuzuschauen. Vielleicht kommt da ja noch was. Hoffentlich. Dann würde es mehr nicht um das Aufrechnen organisatorischer Fehler und deutlich unbefriedigend dokumentierter Zitate gehen, sondern um Themen. Das wär’ doch mal was. Dann hätte ich auch in der nächsten Rubrik wieder was anderes zu schreiben als ein Referat über das G-Wort.