Zurück zu den Wurzeln

Wir sitzen in einem zugigen Kneipen-Hinterzimmer im Londoner Stadtteil Lambeth, der am Ufer der Themse gegenüber dem Regierungsviertel Westminster liegt. Sechzehn Menschen hören gespannt einer Frau zu, die eine Powerpoint-Präsentation zeigt. Zu sehen ist ein in waagerechte Segmente unterteiltes Dreieck. „Wir wollen innerhalb der Pyramide aufsteigen“, sagt die Frau, „und dabei Beziehungen entwickeln. Die Teilnehmer schreiben mit, manche nicken zustimmend.

Dies ist eine Versammlung von „Movement for Change“, kurz M4C. Zum ersten Mal hat die Organisation ihre Türen für eine Journalistin geöffnet. M4C ist eine „Bottom-up-Organisation“ innerhalb der britischen Labour-Partei, eine Bewegung von unten, die darauf setzt, die Partei wieder stärker in den Kommunen und Gemeinden zu verankern.

Das Treffen in Lambeth ist eine Einführungsveranstaltung für Parteimitglieder, und es scheint eine Mischung aus Mitarbeiterschulung und Gruppentherapie zu sein. „Wir hoffen, dass es ein aktiver Abend mit reger Beteiligung wird“, sagt der Gruppenleiter. Die erste Aufgabe der Gruppe ist, mit einer Schnur die Verbindungen räumlich darzustellen, die zwischen ihnen bereits in den sozialen Netzwerken  existieren. Die ungewöhnlichen Methoden erhellen, warum manche die Truppe auch „Movement for Strange“, „seltsame Bewegung“ nennen. Am Ende der Sitzung fühlen sich die Teilnehmer erfüllt, und selbst die größten Skeptiker gehen mit einem guten Gefühl heim.

Alles begann mit David Milibands Ankündigung, er wolle Parteivorsitzender werden. Obwohl am Ende sein Bruder Ed gewählt wurde, zog er sich nicht aus der Parteiarbeit zurück, sondern engagierte sich für die Bewegung „Movement for Change“. Von der internationalen Bühne als Außenminister zu einem hyper-lokalen Organisationsmanager: „Es ist definitiv ein Abenteuer“, gibt er zu. „Aber es war gut, meiner Leidenschaft nachzugehen und die Labour-Partei zu einer relevanten, starken und wählbaren Organisation zu machen, die ihr Potenzial ausschöpft.“

Kritiker werfen dem Ex-Außenminister vor, sein Engagement für die Bewegung sei ausschließlich auf seine gescheiterte Wahl zum Parteichef zurückzuführen. Im Buch „Tangled up in Blue – Blue Labour and the Struggle for Labour’s Soul“, behauptet Maurice Glasman, ein Berater seines Bruder Ed, dass David die Wahl verlor, weil er nicht genug Zeit für das Projekt aufgewendet habe. Dies habe ihn den Vorsitz gekostet. „Das stimmt nicht“, erwidert Miliband. „Ich bin stolz darauf, es versucht zu haben und würde es wieder tun. Es ist mir sehr wichtig, dass wir eine Bewegung sind und keine Maschine. Wenn wir zu einer Maschine werden, verlieren wir. Labour muss wieder eine Bewegung werden, wenn wir gewinnen wollen. Und ich will gewinnen.“

Ein ehemaliger Mitarbeiter Milibands erklärt, wie es war bei der Wahl des Parteichefs im September 2010: „Kein Kandidat, der zur Wahl stand, konnte behaupten, er sei besonders fest in der Bewegung verwurzelt oder gar ein Gewerkschafter – sie waren entweder Berater oder Politikexperten. Es war nötig, zu den Wurzeln zurückzukehren. Ed hat das mit einer Debatte um das Existenzminimum geschafft. David erreichte es durch Movement for Change.“ Aber vielleicht war die hehre Idee, aus der Partei eine Bewegung zu machen, zu groß für den Wettstreit um den Parteivorsitz? Miliband spricht nicht gern darüber. „Es gibt vieles, was ich dazu sagen könnte, aber normalerweise rede ich nicht gerne über die Vergangenheit“, sagt er schmallippig.

Haben die Menschen damals wirklich verstanden, was die Bewegung erreichen will? „Das können nur andere beantworten“, erwidert er. „Ich werde mich damit nicht weiter auseinandersetzen. Das Wichtigste ist, dass die Menschen jetzt mehr darüber wissen und sich inspiriert fühlen.“

Und die Menschen wirken in der Tat inspiriert. Zurück in derKneipe in Lambeth: Die Mitglieder wechseln sich gerade damit ab, über die Gründe für ihre Parteimitgliedschaft zu sprechen. Rukayah hat sich als junge Frau entschlossen, der Partei beizutreten. „Ich möchte Erfahrungen sammeln und dafür sorgen, dass die afrokaribische Gemeinschaft mehr gehört wird.“ Kate, Absolventin der Universität Cambridge, ist nach dem Ende der Thatcher-Ära aufgewachsen und kann sich nicht an die Zeit erinnern, in der die Labour-Partei nicht an der Regierung war. „Ich wurde an der Uni politisiert“, sagt sie.

Und Alan wurde durch seinen Vater inspiriert, der als Fabrikarbeiter gearbeitet hat. „Ich habe 20 Jahre lang dazugehört. Wir waren alle in der Labour-Partei. Ich bin vor einiger Zeit ausgestiegen, aber dann habe ich mich zusammengerissen und gemerkt, was für ein Schwachkopf ich gewesen war, und dass ich wieder aktiv werden sollte anstatt nur rumzujammern; ich bin gut im Jammern.“

Sozialarbeiterin Kathryn Perera erklärt, warum diese Geschichten so eine große Rolle spielen. „Wenn wir an eine Tür klopfen, ist es wichtig, den Menschen unsere Geschichten zu erzählen. Zu sehen, warum die einen nur gefrusted sind und die anderen sich engagieren, ist wichtig, um eine Verbindung zu schaffen.“

Obwohl es sich um eine Graswurzelbewegung handelt, ist der Parlamentarier David Miliband nicht der einzige prominente Kopf hier. Die junge Unterhaus-Abgeordnete Stella Creasy ist ebenfalls begeistert von dem Projekt. „Die Herausforderung besteht darin, die Dinge aus dem Wahlkreis auf die nationale Bühne zu bringen und umgekehrt, um zu zeigen, wie man Veränderung bewirkt“, erklärt sie. Keiner von uns ist in die Partei eingetreten, um Flugblätter zu verteilen. Wir sind eingetreten, weil wir die Welt verändern wollten.“

Creasy schildert, wie sie selbst M4C für ihren Wahlkampf eingesetzt hat, in dem sie gegen Kredithaie mobil machte. Vor Sparkassen verteilte sie Flugblätter und sprach mit den Leuten über Schulden, Kredite und darüber, was die örtliche Gemeinschaft dagegen tun kann.

Blair McDougall, der Miliband im Wahlkampf um den Parteivorsitz unterstützte, kümmert sich inzwischen um den Aufbau dieses neuartigen Bündnisses zwischen der Partei und der Öffentlichkeit. „Alle paar Jahre kommt jemand, der ausgefallene und neumodische Politik betreiben will“, sagt er. „99 Prozent von denen kommen und gehen dann wieder. Ich hoffe, der Unterschied ist, dass wir nicht nur die Idee haben, sondern auch die finanziellen Ressourcen, um sie umzusetzen. Wir wollen etwas Nachhaltiges aufbauen“, so McDougall. Die Herausforderung bestünde darin, die Partei zu ihren Wurzeln zurückführen.
McDougall und Miliband verfolgen das Ziel, in vier Jahren 10.000 Menschen als Multiplikatoren für ihre Bewegung zu gewinnen. Nur so könne man eine nachhaltig wirkende Organisation aufbauen. Ich hoffe darauf, dass die Bewegung sich verbreitert“, fügt Miliband hinzu. „Das ist der Plan.“

Bei seiner Rede auf dem Parteitag in diesem Jahr versuchte David Miliband zu erläutern, warum M4C eine große Rolle für die Zukunft der Partei spielt: „Ed hat Recht, wenn er sagt, dass eine neue Politik allein nicht ausreicht. Was wir brauchen, ist eine neue Art der Politik.“

Beide Miliband-Brüder werden nicht müde zu dementieren, dass die Bewegung für David ein Versuch ist, doch noch den Parteivorsitz doch noch zu übernehmen.Ed unterstützt Movement for Change seit Anfang des Jahres sogar ganz offiziell. „Die Erneuerung muss ganz unten anfangen“, erklärt er. Movement für Change leiste einen wichtigen Beitrag dazu. Aus dem engen Vertrautenkreis der beiden Milibands ist zu hören, dass Ed schon immer für das Projekt war. Dieses leiten zu dürfen, sei die einzige Sache, um die David gebeten hat. Wie könne er da nein sagen? David Miliband bleibt wortkarg, wenn es um dieses Thema geht. „Ed unterstützt uns. Das ist gut.“

Auch Stella Creasy will die Bewegung nicht als Kampf der beiden Brüder verstanden wissen. „Ich sage den Menschen in meinem Wahlkreis immer: Kommt zu einer der Veranstaltungen und bildet euch selbst eine Meinung.“ Creasy hat bei der Wahl offen für David geworben, weil er ihrer Meinung nach verstanden hat, dass das Projekt etwas Großes ist – und eben keine Nebensächlichkeit.

David Miliband selbst gibt sich eher zurückhaltend. Er will nicht überheblich wirken, schon gar nicht bei den Zielen, die er sich steckt. „Dies ist kein Wunderheilmittel für alle Probleme dieser Welt“, sagt er. „Wenn wir das darin sehen, werden wir vom Ergebnis enttäuscht sein. Es ist ein wichtiger Schritt, die Labour-Partei und das ganze Land zu erneuern, weil der Einfluss der Gemeinden zu klein ist und unsere Politik übermäßig zentralisiert ist. Aber es wird keine schnelle Lösung bringen.“ Das Projekt zielt auf die Rückkehr der Labour-Partei in die Regierung, aber es geht darüber hinaus, davon ist der 46-Jährige überzeugt. „In den nächsten 50 Jahren wird uns das Projekt helfen, wenn wir an der Regierung sind – aber auch, wenn wir es nicht sind.“
„Ich sage den Menschen ständig, sie müssen dem Projekt Zeit lassen“, sagt Stella Creasy. Es bedeute einen Wandel der politischen Kultur, und so etwas brauche Zeit. Mit „Movement for Change“ schaffe man Verbindungen mit Menschen durch gemeinsame Ziele und durch Leidenschaft. Man zeige anderen, wofür man steht und frage: „Sind Sie dabei?“

Schon jetzt kann die Bewegung Erfolge vorweisen. Marion Maxwell, eine Rentnerin aus Norfolk, führte eine Kampagne, die die örtlichen Stadträte dazu bewegte, Kürzungspläne für die nächtliche Straßenbeleuchtung zurückzunehmen. Ein anderes lokales Projekt konzentriert sich darauf, die Verkehrssituationen von Pendlern zu verbessern. Und dann gibt es da noch die „Verlorene-Wähler-Kampagne“ in London: „Wir vermuten, dass es in London Tausende von Wohnungen ohne gemeldete Mieter gibt. Diese Immobilien werden überwiegend von Arbeitern bewohnt, was uns politisch schwächt“, sagt Creasy. Um in Großbritannien wählen zu können, muss man sich in Wählerlisten eintragen lassen – dafür aber muss man gemeldet sein. Nun hat die staatliche Wahlkreiskommission die Wahlkreise  so neu zugeschnitten, dass es sich noch stärker zu Lasten der Linken auswirkt, wenn in bestimmten Stadtteilen viele nicht registrierte Labour-Anhänger wohnen.

Miliband gibt sich kämpferisch. „Nur weil wir nicht mehr regieren, müssen wir das nicht hinnehmen“. Aber wir sollten uns nicht unter der Illusion hingeben, dass der Weg den wir gehen, nicht steinig ist, auch dann nicht, wenn die Wahlkreisänderungen zurückgenommen werden.“ Die Labour Partei ist nicht die einzige politische Kraft, die den Versuch unternimmt, die politischen Kräfte der lokalen Ebene zu bündeln. Auch die Regierung hat die Idee schon für sich entdeckt. Andrew Stunell, Minister im Kabinett Cameron, will 5000 engagierte Bürger finanziell fördern, um Unruhen auf dem Land vorzubeugen und dort ein stärkeres Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen.

„,Movement for Change‘ setzt auf lokaler Ebene an und lebt von der Kraft der Kommune“, erklärt Miliband. „Ich werde Ihnen nicht sagen, dass wir das Bruttoinlandsprodukt um x Prozent erhöhen, Schulnoten um y Punkte verbessern oder die Kriminalität um eine bestimmte Ziffer senken. Es wird kein nationales Wahlprogramm der Bewegung geben.“

Wenn es die Bewegung vor zehn Jahren schon gegeben hätte, wäre dann womöglich die letzte Labour-Regierung damit zu retten gewesen? „Nun, vielleicht, ja“, sagt Miliband. Wir hätten ein derart enges Beziehungsgeflecht geschaffen, dass die Kluft zwischen den ambitionierten Zielen der frisch gewählten Labour-Regierung und der Real-Politik, die sie am Ende vertrat, erst gar nicht entstanden wäre.“

In Lambeth geht die Veranstaltung zu Ende. „Dies ist nur der Anfang eines Prozesses“, sagt Organisatorin Kathryn Perera. „Es gibt viele Dinge, die erreicht werden können, wenn wir sie nur wollen. Und wir werden anderen Menschen helfen, diese Dinge zu erreichen.“ Alle klatschen und füllen Bewertungsbögen aus. Auch eine Graswurzel-Bewegung erfordert eben ein gewisses Maß an Bürokratie.

Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache in „Total Politics“, dem britischen Partner-Magazin von p&k. Übersetzung: Julia Brodowski.
www.totalpolitics.com