Am Demokratisch mit Siri und Volker

Kampagne

„Hey Siri, wer ist das Volk?“, fragt die junge Frau. Sprachassistentin Siri antwortet so monoton wie unmissverständlich: „Du bist das Volk! Du bist das Volk! Du bist das Volk! Du bist das Volk!“ So gehört in diesem Sommer im Privatradio, tausendfach zwischen Aachen und Zittau. Der Spot schließt mit einer klaren Botschaft: „Also, gib der Demokratie Deine Stimme!“

Kürzer, prägnanter, eindringlicher als dieser Appell kann Werbung für die Demokratie kaum sein. Moment mal! Werbung für die Demokratie? Braucht man das 2017? Ist es schon wieder soweit? Ja, das braucht man! Ist lange schon soweit und muss sogar unbedingt sein!

Denn: Populisten und Extremisten versuchen nicht nur die Hoheit über die Stammtische zu gewinnen. Sie profitieren von einem diffusen Unbehagen, greifen es auf, instrumentalisieren es gegen die offene und vielfältige Gesellschaft. Die Demokratie steht unter Druck.

Unbestreitbar ist der Hang zur extremen Meinungsäußerung gestiegen. Die Radikalität von Auseinandersetzungen nimmt zu. Diskussions- und Streitkultur gehen vor die Hunde. Beleidigungen, Schmähkritiken, Verleumdungen, Halbwahrheiten und Lügen bleiben immer öfter unwidersprochen. Moderate Stimmen ziehen sich zunehmend aus öffentlichen Diskursen zurück.

So sehen es jedenfalls die Initiatoren von „Volker“, dem ersten Kreativwettbewerb für Demokratie-Kommunikation. Die Experten für Kommunikation, Wahlkampf, Meinungsforschung und PR haben sich im Herbst 2015 in dem überparteilichen Verein „Artikel 1 – Initiative für Menschenwürde“ zusammengetan.

Und so haben es wohl auch mehr als 500 Studenten an über 30 Hochschulen gesehen, die bundesweit für mehr als 250 Einreichungen bei „Volker“ sorgten. Die Aufgabe bestand darin, die Werte des Grundgesetzes positiv in Szene zu setzen. Ergebnis: witzige und überraschende Ideen in den Kategorien Film, Plakat, Radio, Online und Guerilla.

Eine Jury aus knapp 30 Profis und Prominenten hat die besten Ideen ausgewählt, darunter die von Jacqueline Steinhausen von der Hildesheimer Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst. Die Studentin hat den einprägsamen Siri-Spot kreiert. Ende April wurden die Preisträger prämiert und von 500 Gästen gefeiert – Bundespräsident inklusive – in der Berliner – na klar! – Volksbühne.

Aber was nützen die besten Kampagnen-Ideen für Demokratie, wenn sie nicht unters Volk kommen? Zugegeben eine rhetorische Frage, denn der ganze Ehrgeiz der Artikeleinsler und ihres Netzwerks steckt seit Monaten darin, die preisgekrönten Ideen auf die Straße zu bringen, wie es im Werbersprech so schön heißt.

In vielen Tages-Sessions feilten Studis und Profis zusammen an den Konzepten. Headlines und Designs optimieren, Shootings organisieren, Spots einsprechen. Gestandene Politwerber schwärmen immer noch von der Kreativität und Professionalität der jungen Leute.

Dass sich die ganze Plackerei gelohnt hat, ist seit Juni bundesweit zu hören und zu sehen. In jedem zweiten Kino, auf mehr als 11.000 Plakatflächen und fast 150.000 Edgar Cards werben eine junge Muslima, eine Kranführerin und ein Zeitungsverkäufer für Freiheiten, wie sie in Artikeln unseres Grundgesetzes verankert sind.

Alle Plakatflächen, Kinoleinwände und Sendezeiten im Radio sind gespendet, Außenwerbern, Kinobetreibern und Radiosendern sei Dank. Wie überhaupt ohne die vielen Unterstützer die „Volker“-Ideen nicht umsetzbar gewesen wären. Zwei seien stellvertretend genannt: Gerd Himmels von Planus sammelte unermüdlich kostenlose Media-Leistungen ein. Und Benne Ochs von Emeis Deubel inszenierte als Fotograf, Kameramann und Regisseur in Personalunion die drei Protagonisten.

Wie den Kreuzberger Kioskbesitzer: „Ich könnte auch nur meine eigene Meinung verkaufen. Muss ich aber nicht.“ Wie er es umrahmt von ungezählten Zeitungstiteln aus aller Welt sagt, klingt es so lapidar wie kostbar.

Können. Nicht müssen. Es ist die Freiheit, die wir meinen.

Gerade lernen wir erst wieder mühsam und schmerzvoll, dass sie gegen ihre Feinde verteidigt sein will. Wir erkennen, wie fragil und verletzlich und anfechtbar unsere Demokratie auch nach so vielen Jahrzehnten alltäglichen Gebrauchs ist.

Nicht alle Besorgten, schon gar nicht die Hetzer und Pöbler werden wir gewinnen können. Aber wir können ihnen signalisieren, dass es eine große, aktive Mehrheit gibt, die unsere Demokratie, ihre Werte und Grundrechte gegen Zweifel und Zorn zu verteidigen bereit ist.

Wie die selbstbewusste Kranführerin: „Ich könnte auch im Kosmetikstudio arbeiten und Nägel feilen. Muss ich aber nicht.“ So verteidigt sie selbstbewusst die Berufsfreiheit. Oder die junge Muslima, die über Religionsfreiheit spricht: „Ich könnte auch an nichts glauben und glücklich sein. Muss ich aber nicht.“

„Demokratie ist alles“ – das ist die preisgekrönte Kampagnen-Idee von Laura Seifert, Philipp Koch, Theresa Rappensberger und Sarah Lampke. Sie studieren an der Stuttgarter Hochschule der Medien. Den „Volker“ gewannen sie in den Kategorien Plakat und Film. Die Freude über den Preis war groß. Dass der Weg vom Seminarraum direkt auf die Plakat- und Leinwände der Republik führte, fühlt sich fast noch schöner an.

Unter www.demokratie-ist-alles.de findet man diese und alle anderen Ideen, die den „Volker“ gewonnen haben. Dort kann, wer will, sich auch persönlich zu unserer Demokratie, zu Grundwerten und -rechten bekennen. Gewissermaßen im Rahmen der Demokratie. Denn Videos, Selfies und Statements werden in weißen Bilderrahmen veröffentlicht – eine Idee von Dennis Kehr von der Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur. Dafür gab’s den „Volker“ in der Kategorie Digital. Und auch diese Idee hat Artikel 1 umgesetzt.

Wie den „DemokraTisch. Eine Guerilla-Idee – entstanden am WG-Tisch“. Sarah Echter, Fabian Feld, Kai Großjohann, Linda Mattes, Carolin Och und Marnie Volkmann von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin hatten die Idee und wurden dafür ebenfalls ausgezeichnet.

Sich an einem großen Tisch zusammen und mit Menschen unterschiedlicher Meinung auseinanderzusetzen, darum geht es. Das ist das demokratische Lebenselixier.

Am Samstag ist der Tisch wieder für die Demokratie unterwegs. Diesmal beim Stadtfest in Eisenhüttenstadt. Unser Wunsch: Viel Volk soll kommen und der Demokratie seine Stimme geben.