Demut und Dolchstoß
Das ist vielleicht der kennzeichnendste Zug dieses Textes: dass er wie von selbst aus der Demutsgeste in den Angriff übergeht, dass er noch die Selbstkritik ins Eigenlob umbiegt, aber im Gestus der Bescheidenheit, Treue und Verantwortung – „mir war immer wichtig“, sagt er über seine „Schwächen und Fehler“, „diese vor der Öffentlichkeit nicht zu verbergen“. Aber ist nicht das Plagiat ein einziger Versuch, befürchtete Schwächen und Fehler zu verbergen? Er fährt fort: „Deswegen habe ich mich aufrichtig […] entschuldigt.“ Schon in seiner Bundestagserklärung hat er sich selbst die angemessene „Demut“ attestiert. Nicht mehr das Vergehen steht im Mittelpunkt solcher Sätze, sondern nur noch die Aufrichtigkeit und Demut dessen, der sie sagt. Wer aber so vorbildlich auftritt, der hat nicht kritische Nachfragen und Vorhaltungen verdient, sondern mindestens Mitleid und Respekt. Nichts anderes besagt der wiederum verklausulierte Satz, der diese Worte enthält. Er dürfe keinen Respekt erwarten, sagt Guttenberg, und beim ersten Hören klingt das so, wie seine Kritiker es in seiner Rücktrittserklärung gern hören möchten: als habe er einen moralischen Anspruch verwirkt. Tatsächlich aber, das zeigt sich auf den zweiten Blick, sagt er genau das Gegenteil: „Wer sich für die Politik entscheidet, darf, wenn dem so ist, kein Mitleid erwarten. Das würde ich auch nicht in Anspruch nehmen. Ich darf auch nicht den Respekt erwarten, mit dem Rücktrittsentscheidungen so häufig entgegengenommen werden. Kein Zweifel, das „darf auch nicht“ zielt hier auf die harte politische Welt, die dem Ehrenhaften leider das ihm eigentlich Zukommende verweigert; noch in der stoischen Haltung aber beweist sich seine moralische Überlegenheit.
Sprache der Scheinheiligkeit
Die Kritik hingegen lenkt der Redner vollständig auf seine Kritiker zurück. Mit Empörung sieht er, dass „die öffentliche und mediale Betrachtung fast ausschließlich auf die Person Guttenberg und seine Dissertation statt beispielsweise auf den Tod und die Verwundung von 13 Soldaten abzielt“. Diesmal steckt die Unterstellung im „statt“: Als habe die Öffentlichkeit nur die Wahl gehabt, entweder über Guttenbergs Verfehlungen zu debattieren oder über die Soldaten in Afghanistan – wie denn auch „wochenlang meine Maßnahmen bezüglich der ,Gorch Fock‘ die weltbewegenden Ereignisse in Nordafrika zu überlagern schienen“. Es ist, als wiese ein ertappter Dieb darauf hin, dass der Hunger in der Welt doch ein viel ernsteres Problem sei als sein kleiner Diebstahl. Mehr noch, perfider noch: Guttenberg formuliert seine Behauptung so, als habe darüber hinaus jeder Angriff auf ihn faktisch auch diejenigen geschwächt, die er „die mir Anvertrauten“ nennt.
Was hier suggeriert wird, ist kein Schuldbekenntnis, sondern eine Dolchstoßlegende. Ihr zufolge hat nicht der Minister unanständig gehandelt, weil er etwa gelogen und betrogen hätte, ohne Anstand sind vielmehr diejenigen, die ihm das vorwerfen. Denn sie sind damit unweigerlich zugleich der kämpfenden Truppe in den Rücken gefallen, diesen „großartigen Truppen, die mir engstens ans Herz gewachsen sind“ (es ist das „engstens“, das hier die Pose decouvriert): „Nachdem dieser Tage viel über Anstand diskutiert wurde, war es für mich gerade eine Frage des Anstandes, zunächst die drei gefallenen Soldaten mit Würde zu Grabe zu tragen“ – das ist die Dolchstoßlegende in ihrer abgeschmacktesten Form. Über die Linguistik der Lüge hat der Sprachwissenschaftler Harald Weinrich 1966 ein berühmtes Buch geschrieben. Karl-Theodor zu Guttenbergs Äußerungen zur Plagiatsaffäre führen eine Sprache der Scheinheiligkeit.
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