Unermüdlich im Einsatz

Politik

Es ist Sitzungswoche im Bundestag. Auf der Tagesordnung stehen unter anderem eine Regierungserklärung von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel zu den Chancen des digitalen Wandels, ein Antrag zur Einführung eines Jahreswohlstandsberichtes und eine Beratung über den weiteren Einsatz der Bundeswehr im Irak. Daneben gibt es weitere 20 Tagesordnungspunkte aus allen möglichen Themenbereichen. Trotzdem schafft es Dagmar Schmidt, sich ein wenig Zeit für ein Gespräch freizuschaufeln. Sie ist Abgeordnete für die hessische SPD im Wahlkreis Lahn-Dill und seit 2013 im Deutschen Bundestag. Ihre Themen: Arbeit und Soziales und Internationale Politik. Sie ist unter anderem im Parteivorstand der SPD, Mitglied des Ausschusses für Arbeit und Soziales und Vorsitzende der Deutsch-Chinesischen Parlamentariergruppe. Wie viele Berufspolitiker hat sie einen sehr vollen Terminkalender, Langeweile kommt da nicht auf.

Sie will positiv über das Leben mit einem behinderten Kind sprechen

Neben der Arbeit als Abgeordnete ist ihr Sohn Carl das weitere bestimmende Thema in ihrem Leben. Schon im dritten Satz des Gesprächs kommt sie auf ihn zu sprechen und erzählt, dass er tags zuvor seine ersten Schritte im Bundestag getan habe. Er ist knapp drei Jahre alt und hat das Down-Syndrom. Dies in die Öffentlichkeit zu tragen, dazu hat sich Dagmar Schmidt gemeinsam mit dem Vater des Kindes, von dem sie getrennt lebt und mit dem sie sich die Erziehung teilt, bewusst entschieden. „Wir sind für uns zu dem Schluss gekommen, dass wir das tun wollen und die Möglichkeiten nutzen möchten, die wir haben.“ Sie will positiv über das Leben mit einem behinderten Kind sprechen, will aufklären und vielleicht auch ein Beispiel geben. Sie kann aber auch sehr gut verstehen, wenn man es anders hält. Es sei immer eine Gratwanderung. Wenn Carl kein Downie wäre, wie sie die Menschen mit Down-Syndrom nennt, würde sie nie irgendetwas in der Öffentlichkeit mit ihm machen, das fand sie immer schrecklich bei anderen Politikern.

Trotzdem sieht sich die 43-Jährige nicht als Behindertenpolitikerin. Die Überschrift in einem Zeitschriftenartikel, „Politik mit dem Down-Baby“, hat sie daher ein wenig verärgert. Ganz so sei es nicht, sagt sie. Aber klar ist, sie interessiert sich aufgrund ihrer persönlichen Betroffenheit sehr für dieses Themenfeld und bringt sich darin ein. Dagmar Schmidt verweist jedoch darauf, dass sie auch eine Frau ist, aber nie klassische Frauenpolitik gemacht hat. Trotzdem mache sie als Frau immer auch eine Art Frauenpolitik, einfach, weil man die Sicht und die Erfahrung habe, sich für diese Dinge einzusetzen. Zudem läuft es oft anders herum und sie wird von Menschen, die ihre Situation kennen, auf Probleme angesprochen. Ein Beispiel ist die Unterfinanzierung der Kinder- und Jugendmedizin. Ihr Sohn hat einen Herzfehler, über Gespräche mit seinen Ärzten kam sie zu diesem Thema.

Endlich wird nach den Stärken geschaut

Dagmar Schmidt versucht, die privaten Herausforderungen ein Stück weit mit den Möglichkeiten, die ihr Amt ihr bietet, zu verbinden. Beispiel Inklusion: Sie sieht hier einen langsamen, aber stetigen Mentalitätswandel in der Wirtschaft wie auch in der Gesellschaft insgesamt. „Ich finde es gut, dass endlich mal nach den Stärken geschaut wird und nicht nach den Schwächen“, sagt sie. „Wenn man sich anschaut, was zum Beispiel Blinde für unglaubliche Kompetenzen mit ihren anderen Sinnen ausgebildet haben, dann ist das doch ein wahnsinniges Pfund.“ Sie weiß, dass es Ängste gibt bei dem Thema, etwa bei der Frage danach, wie Schule inklusiv gestaltet werden soll. Eltern denken schnell, ihr Kind komme zu kurz, wenn Kinder mit Behinderungen in der Klasse sind.

Dagmar Schmidt sieht es als Aufgabe der Politik an, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit dies nicht der Fall ist und am Ende ein gutes Ergebnis für alle erzielt wird. Und sie hat eine Menge positiver Beispiele parat: So hätten inklusive Universitäten in den USA oder Kanada, an denen geistig behinderte Menschen studieren, gezeigt, dass die Qualität der Lehre gestiegen sei, da sich die Dozenten genauer überlegen müssten, wie sie die Inhalte vermitteln. „Davon profitieren alle.“

Bundestagsmitglieder haben keinen Anspruch auf Elternzeit

Durch Carl rückt bei Dagmar Schmidt auch das Thema der Vereinbarkeit von Kind und Job noch stärker in den Mittelpunkt. Sie weiß, dass sie es in ihrer Position als Abgeordnete in manchen Dingen leichter hat als andere Berufstätige. Trotzdem ist es nicht immer leicht. In einer typischen Plenarwoche kommt sie am Anfang der Woche mit ihrem Sohn nach Berlin, die Kinderfrau oder ihre Mutter kommen im Laufe des Montags zur Unterstützung nach. Das Büro ist auf ihn und anderen Kinderbesuch – Dagmar Schmidts Mitarbeiter haben auch fast alle Kinder – eingestellt, es gibt extra eine Spielecke.

Bis Mittwoch versucht sie, sich immer wieder kleine Freiräume für ihren Sohn zu schaffen und ihn ins Bett zu bringen, was aufgrund der häufigen abendlichen Arbeitstermine nicht immer klappt. Und am Mittwochnachmittag geht es dann für Carl zurück in die Heimat zu seinem Vater und in den Kindergarten. „Donnerstag ist Plenartag, somit ist die zweite Wochenhälfte am wenigsten vorauszuplanen, und da wird zudem richtig rangeklotzt bevor es am Wochenende wieder in die Heimat geht“, sagt sie. Wenn es gut läuft, hat sie dann am Samstagabend sogar Zeit für eine Runde Fußball. Sie spielt, seit sie sechs ist, im Mittelfeld, sieht sich eher als Ballverteilerin denn als Goalgetterin. Ob sie nicht auch gern im FC Bundestag spielen würde? „Die spielen dienstagabends, da ist Carl-Zeit. Aber vielleicht später mal.“

Sie kennt also die Probleme ganz praktisch, mit denen sie sich in ihrer politischen Arbeit befasst. Gerade die Vereinbarkeit von Kind und Karriere sei ein Riesenthema mit zwei Dimensionen: Eltern wollen ihr Kind gut untergebracht wissen. Und sie brauchen Flexibilität und eine Arbeitszeit, die Raum für Familie lässt, aber von der sie trotzdem gut leben können.

Für Mandatsträger gelten besondere Regeln. Sie haben beispielsweise keinen Anspruch auf Elternzeit. Gemeinsam mit anderen Politikerinnen mit Kind – die prominenteste ist die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder – unterstützt Dagmar Schmidt daher die Initiative „Eltern in der Politik“. Es geht ihr und ihren Mitstreiterinnen darum, die eigene Arbeit familienfreundlicher zu organisieren, in der Fraktion und im Bundestag insgesamt. Da geht es um einen politikfreien Sonntag, um Wickeltische auf den Toiletten und die Möglichkeit, kleine Kinder auch mal mit ins Plenum nehmen zu können. Zudem gilt: „Politik ist auch ein Politikbetrieb, das heißt, diese Fragen betreffen nicht nur uns Politiker, sondern alle um uns herum: die Mitarbeiter, die im Zweifel am Wochenende etwas für sonntags vorbereiten, oder auch die Ehrenamtlichen. Dieses ganze Gefüge soll familienfreundlicher werden.“

Explizit ist auf der Website der Initiative daher auch davon die Rede, dass man als Arbeitgeber auf Effizienz, weniger auf Präsenz setzen und flexible Arbeitszeiten ermöglichen sollte. Dabei geht es auch um die Strahlwirkung nach außen, hinein in die Gesellschaft, aber vor allem ganz pragmatisch darum, dass sich die Zusammensetzung im Bundestag verändert. „Es gibt mehr und mehr Frauen mit kleinen Kindern im Parlament, im letzten Jahr sind allein in unserer Fraktion vier Kinder geboren worden, also betrifft uns das Ganze mehr als früher“, meint Dagmar Schmidt. „Natürlich gibt es Dinge, die sind wichtig, aber es gibt auch viele Dinge, die sind scheinwichtig, die kann man anders organisieren. Darauf wollen wir hinwirken.“

Eine alleinerziehende Verkäuferin steht vor ganz anderen Schwierigkeiten

Dabei weiß Dagmar Schmidt, dass sie trotz aller Herausforderungen in einer komfortablen Situation ist. Als Bundestagsabgeordnete verdient sie nicht schlecht und kann sich ihre Arbeitszeit ein großes Stück weit frei einteilen, und sie hat sich bewusst zu der Kandidatur entschieden. Das weiß sie auch und verweist darauf, dass sie relativ privilegiert ist. „Bei allen besonderen Herausforderungen, die man als Abgeordnete hat, steht die alleinerziehende Verkäuferin vor ganz anderen Schwierigkeiten, und sie macht den Job vielleicht auch nicht so gerne.“

Natürlich gibt es neben diesem Thema noch andere für die Politikerin Schmidt. Da ist die Diskussion um die Renten, in der es um flexible Übergänge geht und um Aspekte wie Gesundheitsschutz und Weiterbildung. Da geht es um das Thema Regelsätze, die in diesem Jahr neu festgelegt werden. Sie ist Berichterstatterin für dieses Thema. Und da geht es auch um die Perspektivdebatte Gute Arbeit, gutes Leben, ein Projekt des Parteivorstandes, das bereits in Richtung Regierungsprogramm führen soll. Darin spielen Ideen für eine moderne Arbeitszeitpolitik eine Rolle.

Die Zukunft der Arbeit betrachtet sie differenziert. Sie sieht die Chancen, aber auch die Risiken. Sie nennt die gängigen Argumente wie das der entgrenzten Arbeitszeit und der ständigen Erreichbarkeit. Ihre Kernfrage dabei ist: „Wie schaffen wir es, die sich verändernde Arbeitswelt trotzdem in ein soziales Sicherungsgefüge einzubetten und die Flexibilität so zu nutzen, dass sie sowohl im Sinne der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer funktioniert?“ Sie denkt, ganz Sozialdemokratin, das Thema mehr vom Angestellten her. Wie kann man Solo-Selbstständige sozial absichern? Was ist wichtige Leiharbeit und wo wird sie missbraucht? Wie kann man Menschen die Ängste vor der Digitalisierung nehmen und sie unterstützen, den Wandel mitzugehen?

Sie wirkt zupackend und pragmatisch, man traut ihr zu, etwas zu bewegen. Und trotz all der komplexen Themen lacht Dagmar Schmidt, die mit 16 Jahren in die Jugendorganisation der SPD eingetreten ist, viel. Sie erzählt, was für ein Glück sie hatte, im Bundestag im Arbeits- und Sozialausschuss gelandet zu sein. „Sie können sich vorstellen, Arbeit und Soziales wollen alle Sozen.“ Ihr spielte in die Karten, dass noch niemand aus Hessen in dem Ausschuss vertreten war. Zudem hat Dagmar Schmidt eine lange Verbundenheit zu dem Thema. Sie hat schon Kommunalpolitik zu dem Thema gemacht, und neben der internationalen Politik war das immer ihr zweiter Schwerpunkt. Sie sagt aber auch ganz klar: „Ich sitze da jetzt drin, diesen Anspruch würde ich auch verteidigen.“

Der Aufbau von Netzwerken, Kompetenzen und Sachkenntnissen braucht Zeit

Vor ihrem Einzug in den Bundestag hat sie verschiedene Ämter in der hessischen SPD innegehabt, unter anderem war sie parlamentarische Referentin der SPD-Landtagsfraktion und Mitarbeiterin eines Landtagsabgeordneten. Und sie sagt, es habe sich so ergeben, dass sie jetzt vom Paul-Löbe-Haus aus die Belange ihrer Wähler vertritt. „Ich habe nie gesagt, ich muss das machen, es aber auch nicht ausgeschlossen.“ Trotzdem kann sie sich nach wie vor auch einen anderen Beruf vorstellen. „Vielleicht mache ich in 15 Jahren noch einmal etwas ganz anderes. Aber im Moment habe ich das Gefühl, ich muss den Job noch eine Weile machen. Es braucht auch etwas, bis man seine Netzwerke, Kompetenzen und Sachkenntnisse aufgebaut hat.“

Vielleicht arbeitet sie mal im Ausland

Dieses ganz andere, da kann sie sich nicht direkt festlegen, was es sein könnte. Sie hätte Interesse, im Ausland zu arbeiten, vielleicht im Bereich Politikberatung oder Entwicklungshilfe, sie könnte sich aber auch einen Posten in der Privatwirtschaft vorstellen. Da ist sie ganz offen. Das passt zu ihrer Studienwahl der Geschichte. Neugier und Interesse und weil es eine „super Grundlage für die Politik“ ist, hat sie zu dem Studienfach bewogen. Außerdem sagt sie, dass wer seine Geschichte nicht kenne, keine gute Politik mache. Denn der verstehe nicht, wie es heute ist, warum es so ist und kann Dinge daher nicht verändern. Ihr Herzensthema dabei: Die deutsche Kolonialgeschichte. Die Auseinandersetzung damit und welche Verantwortung sich hieraus ergibt, hat ihrer Ansicht nach zu wenig stattgefunden. Auch ein wichtiges Thema.