Her­ren­ge­sell­schaft

US-Kongresswahlen

p&k: Frau Lawless, der Vorwahlkampf für die US-Präsidentschaftswahlen 2016 hat bereits begonnen. Aller Voraussicht nach wird Ex-Außenministerin Hillary Clinton wieder ihren Hut in den Ring werfen, um für die Demokraten ins Rennen um das Weiße Haus zu gehen. Ist Amerika bereit für eine Präsidentin?

Jennifer Lawless: Ich denke ja. Egal ob Hillary Clinton die Wahl gewinnen sollte oder nicht – es gibt keinen Grund anzunehmen, dass das Ergebnis irgendetwas damit zu tun haben sollte, dass sie eine Frau ist. Insgesamt sind weibliche Kandidaten seit den 1980er Jahren genauso erfolgreich wie männliche. Es gibt keine Vorurteile gegenüber Frauen, die ein politisches Mandat anstreben. Und weibliche Bewerberinnen sind genauso erfolgreich darin, Spenden zu sammeln, wie männliche. Auch wenn wir bisher keine ernstzunehmende Kandidatin um das Präsidentenamt hatten – abgesehen von Hillary Clinton 2008 –, deutet nichts darauf hin, dass Amerika nicht bereit wäre, eine Frau zu wählen.

Hillary Clinton ist ein Beispiel für eine sehr einflussreiche und mächtige Frau in der US-amerikanischen Politik, Nancy Pelosi, die ehemalige Vorsitzende des Repräsentantenhauses, ein weiteres. Dennoch: Nur 18 Prozent der Mitglieder des Abgeordnetenhauses und 20 Prozent der Senatoren sind weiblich. Gibt es da ein sys­temisches Problem?

Ja, aber es hat eher mit dem Angebot zu tun als mit der Nachfrage.

Wie meinen Sie das?

Nun, wenn Wähler den Namen einer Frau auf ihrem Stimmzettel sehen, dann sind sie durchaus bereit, für sie zu stimmen. Ebenso sind Geldgeber gewillt, weibliche Kandidaten zu unterstützen, und die Medien berichten über weibliche Bewerber nicht anders als über männliche. Das Problem ist, dass Frauen grundsätzlich weniger dazu neigen, überhaupt zu kandidieren, auch wenn sie das gleiche Potenzial, die gleiche Qualifikation und den gleichen Hintergrund haben wie Männer. Es ist also nicht so, dass die Wähler ihre Stimme nicht einer Frau geben wollen. Sie haben oft gar nicht die Chance, es zu tun, weil auf den Stimmzetteln nur selten die Namen weiblicher Kandidaten auftauchen.

Woran liegt das?

Es gibt zwei Gründe. Zum einen liegt es an der männlichen Vorherrschaft im politischen Umfeld. Frauen werden seltener als Männer gefragt, ob sie für ein Amt kandidieren wollen. Parteiführer, Amtsträger und politische Aktivisten tendieren dazu, Männer zu rekrutieren. Zudem werden Frauen seltener von ihrer Familie, ihren Kollegen und ihren Freunden dazu ermutigt, sich um ein politisches Mandat zu bewerben. Wenn Frauen und Männer, die mit einer Kandidatur um ein öffentliches Amt liebäugeln, entsprechende Unterstützung aus ihrem persönlichen Umfeld erfahren, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie auch tatsächlich kandidieren. Nur bekommen Frauen eine solche Unterstützung deutlich seltener als Männer.

Was ist der andere Grund?

Der Geschlechterunterschied in der Selbstwahrnehmung. Selbst wenn sie ihrem Lebenslauf nach einander völlig ebenbürtig sind, schätzen männliche und weibliche Kandidaten ihre Qualifikation dennoch unterschiedlich ein. 60 Prozent aller Männer glauben, dass sie qualifiziert genug sind, um für ein öffentliches Amt zu kandidieren. Aber nur 40 Prozent der Frauen denken das von sich. Das heißt, Frauen werden von ihren Selbstzweifeln stärker gebremst als Männer.

Es ist also eher ein kulturelles als ein systemisches Problem?

Es ist ein tiefgreifendes Problem, das in der traditionellen Geschlechter-Sozialisierung und in unseren kulturellen Normen verwurzelt ist. Aber es könnte durchaus behoben werden, wenn Parteien und politische Akteure bewusst mehr weibliche Kandidaten identifizieren und rekrutieren würden.

Gibt es dabei einen Unterschied zwischen Demokraten und Republikanern?

70 Prozent der Frauen, die ein politisches Amt innehaben – sei es im Kongress oder in den Parlamenten der Bundesstaaten – sind Demokraten. Die Demokratische Partei hat also bisher einen besseren Job gemacht, wenn es darum ging, weibliche Kandidaten ins Rennen zu schicken. Aber was das Interesse und den Ehrgeiz von Frauen betrifft, in die Politik zu gehen, habe ich in meiner Forschung keine Unterschiede zwischen Demokraten und Republikanern gefunden.

Der Frauenanteil in den US-amerikanischen, britischen und kanadischen Parlamenten ist, verglichen mit Ländern, die ein Verhältniswahlrecht haben – wie etwa Deutschland –, etwas niedriger. Haben es Frauen, die in Ländern mit Mehrheitswahlrecht für ein politisches Amt kandidieren, besonders schwer?

Es gibt Studien, die nahelegen, dass Frauen in Ländern mit Verhältniswahlrecht besser in der Politik vertreten sind. Ich glaube aber, dass das größte Hindernis ein anderes ist. Die USA haben ein sehr unternehmerisches Verfahren zur Kandidatenfindung. Die Parteien mischen sich normalerweise nicht in den Wahlkampf ein, schon gar nicht bei den Vorwahlen. Also müssen die Kandidaten ihre eigene Kampagnen-Infrastruktur entwickeln. Männer verfügen oft über Netzwerke und Verbindungen, um diese Infrastruktur aufbauen zu können. Es ist also nicht das Wahlsystem an sich, sondern vor allem das schwach ausgeprägte Parteiensystem, das den Frauen zum Nachteil gereicht.

Haben denn die Frauen in den vergangenen Jahrzehnten aufgeholt?

Nein, in den zurückliegenden sieben oder acht Wahlperioden hat sich der Anteil weiblicher Kandidaten nicht gesteigert. 2010 war die Zahl der weiblichen Kongressabgeordneten sogar rückläufig. Wenn kein Ruck durch die Politik geht und die Parteien sich nicht deutlich stärker bemühen, mehr Frauen in die Politik zu holen, wird sich daran wohl auch nichts ändern.

Glauben Sie, die Wahl einer Frau zur US-Präsidentin würde bei den Wählern und Parteien ein Umdenken bewirken?

Nein, im Gegenteil. Ich glaube, die Leute würden dann denken, dass die Unterrepräsentation von Frauen in der Politik kein Problem mehr sei. Eine weibliche Präsidentin wäre durchaus ein Fortschritt und ihre Wahl würde zeigen, dass Frauen in den USA die – wie Hillary Clinton sagen würde – höchste und härteste „glass ceiling“ durchbrechen können. Aber sie würde nicht bedeuten, dass Frauen zwangsläufig mehr als 20 Prozent der Kongressabgeordneten stellen werden. Im Moment gibt es in den 50 Bundesstaaten nur fünf weibliche Gouverneure. Dieses Unterrepräsentation ist weitaus problematischer als die Tatsache, dass es bisher noch keine weibliche Präsidentin gab. Auf allen Ebenen sind Frauen unterrepräsentiert und ich glaube nicht, dass eine Frau im Weißen Haus das ändern wird.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe Frauen und Macht. Das Heft können Sie hier bestellen.