Hängt die Wahlplakate ins Netz!

Kampagne

[no-lexicon] Früher haben wir Wahlkampf mit der Gießkanne gemacht. Jung, alt, männlich, weiblich – wir haben alle angesprochen, die am Canvassing-Stand vorbeikamen. Und mit denen, die stehen blieben, sind wir ins Gespräch gekommen. Manche reagierten begeistert, andere steckten den Kugelschreiber ein, nahmen die Rose und sagten im Gehen: „Danke, aber wählen werd’ ich Euch trotzdem nicht!“ Wahlkampf im analogen Zeitalter war eine Lotterie, einen Wechselwähler zu überzeugen der Sechser mit Zusatzzahl. Dennoch: Wir waren dort, wo die Menschen waren.

In den vergangenen Jahren hat sich eine spürbar neue politische Öffentlichkeit etabliert. Der Stammtisch ist ins Internet umgezogen und in den sozialen Netzwerken entstehen Meinungsplattformen mit einer lauten und einflussreichen Stimme. Wir könnten die Menschen dort sehr viel einfacher ansprechen als damals auf dem Marktplatz. Vor allem aber könnten wir unsere Botschaften mit sehr viel geringeren Streuverlusten an Mann und Frau bringen. Wir könnten vieles, wenn die Parteien endlich aus dem digitalen Konjunktiv aufwachen würden.   

Ein letzter Warnschuss              

Man kann der Politik nicht vorwerfen, dass sie die Digitalisierung unterschätzt. Unter allen Zutaten einer politischen Rede ist „Digitalisiert Euch“ eines der beliebtesten Versatzstücke, ganz gleich welches Auditorium oder welche Industrie: Es passt immer. Die Digitalisierung ist parteiübergreifender Common Sense, repetitiv vorgetragen, mahnend, als Drohkulisse. Die Wirtschaft hat längst verstanden und sich die digitale Transformation auf die Fahnen geschrieben. Es wird kräftig investiert, Altbewährtes herausgefordert und Innovationen in den Markt getrieben.

Die Politik selbst hingegen hat noch immer nicht verstanden, dass der digitale Wandel auch vor ihr selbst keinen Halt machen wird. Die politische Achterbahnfahrt 2016 ist ein unüberhörbarer letzter Warnschuss. Jenseits der digitalen Symbolpolitik, der in Wahlkampfzeiten hastig aufgesetzten Twitter- und Facebook-Profile, die nach dem Wahltag verwelken, passiert noch immer viel zu wenig. Den großen Parteien gelingt es nicht einmal, das Gros ihrer Mitglieder per E-Mail zu erreichen, schlicht, da es an Adressdatenbanken fehlt. Die Parteien sind auf dem besten Weg, zu digitalen Dinosauriern zu werden.                                 

Politik muss Komplexität übersetzen, sie anschlussfähig machen für möglichst viele und im Dialog den Wettstreit um die besseren Ideen austragen. Daran ändert die Digitalisierung nichts. Doch wie einen Dialog führen, wenn keiner mehr zuhört, wenn man die Menschen nicht mehr erreicht? Dialog findet heute nicht mehr auf dem Marktplatz oder am Stammtisch statt, sondern in sozialen Netzwerken. Um Orientierung zu geben, müssen die Parteien dort sein, wo Menschen ihre Meinungen austauschen und bilden, wo sie ihre Zeit verbringen. Sie müssen dort nicht nur symbolisch vertreten sein, nein, sie müssen dort Antworten liefern, zielgruppenspezifisch und proaktiv.

Populisten nutzen „filter bubbles“ geschickt

Noch immer fremdelt die Politik mit den neuen Realitäten, sie hadert und klebt an einem Früher, das doch längst vorbei ist. Es ist vertane Zeit, über die Erosion der Parteienbindung und das Aufbrechen haltgebender Konfliktlinien zu lamentieren. Der Megatrend Individualisierung lässt sich nicht bekämpfen. Der Stammwähler stirbt aus. Wahlentscheidungen werden immer spontaner getroffen, sie hängen an Stimmungen und Personen mehr als an Milieuzugehörigkeit.                                                                                                     

Der Populismus schlägt in genau diese Kerbe, da er dort verkürzt und zuspitzt, wo Differenzierung unerlässlich ist, da er statt Wasser Öl in schwelende Brände gießt, da er die Spielregeln der many-to-many-Kommunikation schneller gelernt hat, sie sich zunutze macht, sie ausnutzt. Er speist sich aus filter bubbles, bedient sie und simuliert eine Orientierung, die etablierte Parteien tatsächlich geben können.

Es steht zu viel auf dem Spiel, um den Populisten kampflos das Feld zu überlassen. Wir brauchen mutige Parteien, die neue Kanäle und Formate ausprobieren, die bereit sind zu lernen und Fehler zu machen, die bereit sind, die Geschwindigkeit des 21. Jahrhunderts aufzunehmen. Wir brauchen offene Parteien, die das moderierte Chaos des digitalen Zeitalters nicht nur aushalten, sondern nutzen, um möglichst viele Menschen mit ihren Ideen, ihrem Willen und ihren Fähigkeiten einzubinden. Wir brauchen hartnäckige Parteien, die den digitalen Wandel als do-or-die-Herausforderung begreifen, die neugierig sind, diese Herausforderung zu meistern, anstatt sich von ihr abschrecken zu lassen. Genau wie Unternehmen ihre Kommunikationsbudgets immer weiter ins Digitale verschieben, müssen auch Parteien reagieren: Die Wahlplakate gehören ins Netz!

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