Ganz anders als die eigenen Väter

Politik

Die neuen Väter schafften es Ende 2015 auf den „Spiegel“-Titel. Mit der üblichen Schnoddrigkeit stellte das Magazin die rhetorische Frage, ob Väter die besseren Mütter sind. Eine die beeindruckenden Veränderungen treffendere Überschrift hatte zwei Monate zuvor ein anderes Leitmedium, die „Welt am Sonntag“, gewählt, als sie ebenfalls mit dem Thema aufmachte. „Erst das Kind macht den Mann“ hatte die Sonntagszeitung getitelt und damit die neuen Verhältnisse auf den Punkt gebracht. Tatsächlich ist deutschlandweit zu beobachten, wie aus einem Trend ein Mainstream wird. Die Rede ist von Gefühlen neuer Art, die sich immer mehr Männer erlauben und damit ihr Verhalten ändern (siehe Abbildung). Nach dem Urteil maßgeblicher Wissenschaftler hat eine modernisierte Familienpolitik den Prozess induziert.

Dass heute immer mehr Kinder, so eine aktuelle Bilanz von Prognos, „zugewandte und warmherzige Väter erleben“, bedeutet eine kleine Kulturrevolution im Alltag. Die aktiven Väter als Vision waren wesentlicher Bestandteil eines Paradigmenwechsels, der in der Familienpolitik erst vor einem Jahrzehnt von der Sozial­demokratin Renate Schmidt eingeleitet und von der Christdemokratin Ursula von der Leyen energisch fortgesetzt wurde. Zuvor bezog sich auch progressive Familienpolitik primär auf die Frauen, denen Vereinbarkeit ermöglicht werden sollte.

Die neue familienpolitische Strategie griff den sich abzeichnenden Wunsch junger Väter nach mehr Fürsorgezeit auf. Ihre veränderten Einstellungen korrespondierten mit einer wachsenden Erwerbsneigung junger Mütter. Eine neu konzipierte Familienpolitik, orientiert an skandinavischen Vorbildern, erwies sich in der Folge als erfolgreicher Weg, beide Anliegen zu ermöglichen. Bemerkenswert war auch der Kontext der politischen Umstellung, nämlich die Agenda 2010 von Kanzler Gerhard Schröder, die sich mithin positiv nicht nur auf Arbeitsmarkt und Wirtschaftskraft auswirkte.

„Wickelvolontariat“ als politischer Aufreger

Bei der Einführung des Elterngeldgesetzes besorgten die sogenannten Vätermonate die hohe Aufmerksamkeit, die eine politische Maßnahme braucht, um ihre Wirkung optimal entfalten zu können. Auf sie konzentrierte sich 2006 der hochemotionale Widerspruch der Uneinsichtigen vor allem aus den Reihen der CSU. Tatsächlich waren die als „Wickelvolontariat“ beschimpften Partnermonate aber schon vor ihrer Einführung in der Bevölkerung ebenso populär wie sie aus der Wissenschaft ungewohnt vehement unterstützt wurden.

Namentlich der Chef der Wirtschaftsweisen, Bert Rürup, sowie die Autoren des 7. Familienberichts um Hans Bertram machten sich das Projekt öffentlich zu eigen. Auch von prominenten Stakeholdern, die frühzeitig überzeugt worden waren, erfolgte hilfreiche Rückendeckung. Die seinerzeitige Familienministerin, Ursula von der Leyen, griff die in der Politik ungewöhnlich positiven Stimmungen in ihrer politischen Kommunikation auf und nutzte sie für weitere Offensiven. Zusätzlich ermutigt wurden die Väter durch den von 2008 an mit einem Bundesgesetz massiv angetriebenen Ausbau der Kinderbetreuung.

Vor allem aber war das seit 2007 geltende Elterngeld die erste familienpolitische Leistung mit einer „Väterkomponente“ und es wirkte nachdrücklich als Katalysator der Väterbeteiligung. Die Beteiligung der Männer an den Partnermonaten stieg von Jahr zu Jahr und die Magie der Zahl schuf bis 2009 immer wieder Gelegenheiten, den Trend kommunikativ zu stärken. In den für die Familienpolitik verlorenen Jahren der folgenden Legislatur bis 2013 wurden die aktiven Väter nicht verschwiegen, aber auch nicht mehr besonders angespornt.

Stattdessen wurde sogar durch eine Kürzung der Höhe des Lohnersatzes insbesondere der finanzielle Anreiz für Väter abgeschwächt. Dem Finanzministerium ist das Elterngeld zudem immer wieder ein Dorn im Auge, weil Lohnzuwächse und die wachsende Zahl engagierter Väter die Kosten steigen lassen. Dabei ist das Elterngeld ein treffliches Beispiel für wirksame Politik. Die Leistung sorgte, wie von Experten vorausgesagt, für mehr wirtschaftliche Stabilität in der sozia­len Mitte und vor allem kehren seither immer mehr Mütter früher und mit mehr Stunden in die Erwerbsarbeit zurück. Diese Frauen erwarten Männer mit passenden Einstellungen.

Neue Rollenmuster verändern Familienleben

Die von Prognos aufbereiteten Befunde belegen, wie sich Mentalitäten und Verhalten verändern. 70 Prozent der Väter unter 40 bekunden heute mit Blick auf ihre Rolle in der Familie im Vergleich zu ihren Vätern, diese habe sich „markant verändert“. Sie bewerten diese Veränderung als Gewinn an persönlicher Lebensqualität. Das Elterngeld hat einen Quantensprung bei den Vätern angestoßen und geformt. Innerhalb weniger Jahre hat sich der Anteil der Väter an den Partnermonaten verzehnfacht. Elternzeit-Väter verbringen anschließend signifikant mehr Zeit mit ihren Kindern als Väter ohne Elternzeit.

Ein positives Meinungsklima ermuntert die Männer insofern, als sich über Väter in Elternzeit laut Allensbach aktuell 82 Prozent der Bevölkerung freuen und 60 Prozent davon ausgehen, dass dieses Engagement weiter wächst. Besonders hoch ist die Zustimmung („finde ich gut“) mit 97 Prozent bei den Müttern mit Kindern unter 18 Jahren. Mittlerweile wünschen sich fast 80 Prozent aller Väter mit kleineren Kindern mehr Zeit für die Familie. Drei Viertel bevorzugen überdies eine berufstätige, wirtschaftlich eigenständige Partnerin.

Immer mehr Männer können sich mittlerweile vorstellen, dass ihre Partnerin Vollzeit arbeitet und mehr als die Hälfte äußert die Bereitschaft, die Hälfte der Kinderbetreuung zu übernehmen. Dafür würden Väter gerne ihre Arbeitszeit reduzieren, zuerst einmal die Überstunden. Immerhin ein knappes Viertel würde gerne zwischen 30 und 34 Stunden arbeiten. Den veränderten Lebenswünschen zum Trotz ist bislang das dominante Muster weiterhin Vollzeit plus Überstunden.

Private Weichenstellungen vor der Geburt des ersten Kindes sorgen weiter dafür, dass die neuen Wünsche alten Bedingungen und überholten Anreizen angepasst werden. Viele Mütter sehen die familiäre Hauptverantwortung bei sich und viele Väter agieren im Betrieb zurückhaltend, weil sie einen Karriereknick fürchten. Letzteres ist laut Prognos unbegründet, gleichwohl gibt es in den Unternehmen noch erheblichen Innovationsbedarf. Die Personalverantwortlichen haben den Wandel registriert und versprechen zügig Besserung.

Rollenbilder von Vätern – gestern und heute (c) (Allensbach 2015, Angaben in Prozent)

Neue Maßstäbe für Wohlstand und Lebensqualität

Mit dem energischen Comeback der Familienpolitik Anfang 2014 rückten auch die Väter wieder verstärkt auf die Regierungsagenda. Das im Frühjahr 2015 eingeführte Elterngeld Plus, das Väter wie Mütter gleichermaßen beantragen können, bekräftigt den ursprünglichen Paradigmenwechsel, indem es bis zu 28 Monate staatlichen Zuschuss ermöglicht, wenn beide Partner ihre Arbeitszeit reduzieren. Die Partnerschaftlichkeit als ausdrückliche Maxime wird damit schrittweise in der Gesetzgebung verankert. Die Bevölkerung hat auch diese Maßnahme mit viel Zustimmung aufgenommen und ein Blick auf die Entwicklung der Anträge belegt großes Interesse.

Wer nach der Perspektive fragt, sollte in Rechnung stellen, dass es unterschiedliche Typen von Vätern gibt, die in der Prognos-Bilanz vorgestellt werden (siehe Abbildung unten). Die Überzeugten sind die Trendsetter; die Aufgeschlossenen benennen von sich aus Faktoren, die ihr Verhalten beeinflussen und den Trend zum Mainstream machen werden. Die Pragmatiker werden sich dem neuen Leitbild absehbar anschließen. Die Traditionellen schließlich, als in der Bevölkerung abnehmende Minderheit, werden in ihrer Lebensform von einer toleranten Gesellschaft respektiert werden. Die Trendsetter werden dann weiteren Rückenwind bekommen, wenn die politischen Maßnahmen, für die Familienministerin Manuela Schwesig wirbt, tatsächlich umgesetzt werden. Gemeint sind die neuartige Familienarbeitszeit, mehr Ganztagsschulen sowie moderne steuerliche Regelungen.

Laut Prognos und anderer Expertise zahlt es sich in mehrfacher Hinsicht aus, aktive Väter zu unterstützen. Es entsteht eine höhere Zufriedenheit in der Partnerschaft, die Beziehung zwischen Vätern und Kindern wird intensiver, der berufliche Wiedereinstieg der Mütter und die damit einhergehende finanzielle Absicherung werden gefördert. Selbst die weiter ansteigende Geburtenrate, so das Urteil maßgeblicher Experten im Dezember 2015, ist wohl von der wachsenden partnerschaftlichen Orientierung der Väter mit beeinflusst. Väterfreundliche Betriebe schließlich haben, so das Urteil von Beratungsfirmen wie Prognos oder Roland Berger, Vorteile bei Bindung und Gewinn von Fachkräften. Es lohnt sich also für alle Beteiligten.

Vätertypen nach Einstellungen und Engagement (c) (Prognos 2015)

Vor diesem Hintergrund hat die Familienministerin gemeinsam mit Spitzenvertretern der Arbeitgeber und Gewerkschaften im Herbst 2015 in dem Memorandum „Die Neue Vereinbarkeit“ dafür geworben, flexible und mobile Arbeitsmodelle auch für Väter anzubieten. Deutschlands Eliten bekennen sich zu neuen Maßstäben für Wohlstand und Lebensqualität, vulgo: Glück.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe politik&kommunikation I/2016 Emotionen. Das Heft können Sie hier bestellen.