Digitale Gedankenwinde für die Bundespolitik

Politik

Die Hauptstadt eines Landes lebt vom Aufeinandertreffen verschiedener Gruppen, einer Debattenkultur, dem Ringen um die beste Lösung. Dazu zählen neben Politikern, Regierungsbeamten, Kulturschaffenden und Interessenvertretern vielerlei Ausrichtung auch Köpfe der Wirtschaft. Heute gehört Berlin zu den zehn wichtigsten Start-up-Städten weltweit und zieht viele kreative Köpfe sowie Unternehmensgründer an.

Als Parlament und Regierung 1999 an die Spree wechselten, galt die wiedergeborene Hauptstadt jedoch als wirtschaftsferner Ort: Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten sich viele Unternehmen aus der blockadegeschwächten Inselstadt verabschiedet, etwa die Siemens-Zentrale. Geblieben waren kleinere Produktionsstätten für Nassrasierer, Kekse und Schulbedarf – das Gegenteil von Großkapital und Entrepreneurgeist. Das Thema Geld und das faktische Gewicht von Wirtschaftskraft waren in Städten wie Frankfurt am Main und München beheimatet. In Berlin trafen Bundespolitiker nur auf wirtschaftliche Landesliga. Abgesehen von CEOs, die gelegentlich zu Veranstaltungen in die Hauptstadt jetteten, war so auch der Diskurs zwischen Politik und Wirtschaft, zwischen Macht und Unternehmergeist, neuen Ideen und technischer Entwicklung gebremst.

Gründergeist an der Spree

Diese ökonomistische Karglandschaft befindet sich seit einigen Jahren in der Veränderung. Statt Werkbänken sind es nun Ideenschmieden der Wirtschaft sowie Start-ups, die sich in Berlin ansiedeln. Innovationszen­tren, Incubator, Accelerator, Labs, Hubs – bereits die Begriffe klingen nach Dynamik und Weltläufigkeit. Warum Berlin? Die Einrichtungen benötigen als Mitarbeiter Entwickler und andere kreative Köpfe, die im Dunstkreis des Gründergeists an der Spree zu finden sind. Hier wird im Durchschnitt jeden Tag ein Start-up gegründet. Auch Konzerne wollen an dieser Entwicklung teilhaben. Eines der jüngsten Beispiele ist das „Digital Lab“, die Software-Schmiede von Volkswagen, die am Berliner Osthafen angesiedelt ist. Im Sinne eines IT-Entwicklungszentrums mit Start-up-Charakter soll der Konzern von dort aus mit neuen Ideen versorgt werden. Bereits seit 2014 betreibt die Lufthansa ihr „Innovation Hub“, das neue E-Commerce- und Consumer-Apps entwickeln und zugleich interne Entwicklungen anstoßen soll. Hintergrund ist, dass sich der Flugkonzern zu einem Mobilitätsdienstleister weiterentwickeln will, weshalb die Projekte auch außerhalb des bisherigen Angebots liegen können, solange sie chancenreich sind.

Ebenfalls am Start ist Netzausrüster Cisco Systems, der das Innovationszentrum „openBerlin“ gegründet hat. Dort arbeiten 35 Start-ups und Partner an ersten Projekten in den Bereichen Produktion, Logistik und Verkehr – im Sinne einer Plattform, an der mithilfe universitärer Forscher Lösungen schneller gefunden werden sollen. Im Frühjahr vergangenen Jahres eröffnete zudem SAP seine Berliner Forschungseinrichtung „SAP Lab“, in der Produkte im Bereich Cloud Apps und Machine Learning entwickelt werden. Energieversorger Eon bezeichnet seine „Digital Transformation Unit“ in Berlin als „urbanes Ideenlabor“. Im engen Austausch mit der Gründerszene soll die Digitalisierung des Konzerns weltweit vorangetrieben werden – durch Out-of-the-box-thinking. Im Rahmen ihrer Digitalisierungsstrategie eröffnete die Deutsche Bank 2015 Jahr ihr „Innovation Lab“ in Berlin, wo die Produkte, Dienstleistungen und Prozesse der Bank in Zusammenarbeit mit Microsoft technologisch entwickelt werden sollen. Zugleich wird jährlich eine dreistellige Zahl an Start-up-Ideen getestet. Der Wettbewerber Commerzbank nennt seinen „#openspace“ eine „Digitalisierungsplattform für den Mittelstand und die neue Homebase nationaler und internationaler Start-ups“.

Tüftler und Gründer brauchen Freiraum

Einige Unternehmen stellen in ihren Innovations­zentren den Accelerator-Gedanken in den Vordergrund, durch den das Entwicklungstempo neuer Produkte nochmals beschleunigt wird. Die Deutsche Bahn hat in diesem Jahr den „DB Accelerator“ gegründet, bei dem ausgewählte Start-ups für jeweils drei Monate in den Berliner Coworking-Space „mindbox“ einziehen. Dort erhalten sie nicht nur die Unterstützung von Mentoren, sondern ebenso Zugriff auf die Datenwelt der Bahn. Auch die Deutsche Telekom bietet ein Acceleratorprogramm an. Daneben investiert ihr Inkubator „Hub:raum“ in der Hauptstadt (wie auch in Tel Aviv und Krakau) in frühphasige Gründungen. Der Handelskonzern Metro startete eine Accelerator-Initiative für Gründer, die den Handel digitalisieren wollen. Neun Start-ups erhalten je 120.000 Euro und arbeiten drei Monate in Berlin. Bereits länger existiert der von Axel Springer geschaffene „Axel Springer Plug & Play Accelerator“, der Start-ups zeitlich begrenzt Räumlichkeiten in Berlin-Mitte, Rat und 25.000 Euro Startfinanzierung bietet, um sie möglichst schnell zur Investmentreife zu bringen. Ähnliche Rahmenbedingungen bietet auch ProSiebenSat.1 mit seinem „ProSiebenSat.1 Accelerator“, der zusätzlich jedem teilnehmendem Start-up 500.000 Euro Werbebudget für die Sender der Gruppe schenkt. Was nach freundlichen Gaben klingt, zeigt jedoch zugleich das große Interesse der Unternehmen, von den Entwicklungsfortschritten zu profitieren. Inzwischen kommt es dabei zu Neuausrichtungen der Anfangsstrategie: Microsoft wird seinen Berliner Accelerator umdefinieren und künftig auf Start-ups in der Spätphase setzen. Statt mit Geld will das US-Unternehmen mit Mentoring und Seminaren helfen.

In welcher Verbindung stehen all diese Initiativen zum bundespolitischen Hauptstadtparkett rund um den Reichstag? Zunächst: in keiner direkten. Und das ist auch sinnvoll. Tüftler und Gründer müssen nicht in Dauerkontakt zur Bundesbürokratie stehen, sondern brauchen zunächst ihr Biotop zum Denken und Experimentieren. Umso wichtiger sind jedoch die Schnittstellen, an denen die beiden Welten zusammenkommen. Mag auch mancher Besuch von Abgeordneten in der smarten Welt der Entwickler noch von Neugier und dem Wissen um den Wert zukunftsträchtiger Gruppenfotos geleitet sein: Der wachsende Austausch und gegenseitige Besuche sind für beide Seiten immens wichtig. Die digitalen Visionäre können ihre Anliegen an der richtigen Stelle anbringen, wodurch Politiker und Beamte von Investitionshemmnissen und zu starren Regeln erfahren – und viel über neue Arbeitsmethoden, lebendigen Diskurs, wechselnde Teams und flache Hie­rarchien lernen. Dieser frische Gedankenwind tut der Bundespolitik gut. Die Gründerszene muss natürlich gelegentlich auch als Feigenblatt für eine vermeintlich moderne Politik herhalten. Und eigentlich leben auch Abgeordnete in einem Accelerator: Zeitlich begrenzt erhalten sie Räume und Geld, um schnell ihre Pläne zu realisieren. Dann ist es wie mit den Start-ups – manchen geht die Luft aus, andere werden am Ende vom Kunden (Wähler) belohnt.

Starthilfen für Start-ups

Incubator

Ein Incubator ist ein „Brutkasten“ für Start-up-Ideen. Gründerteams werden unterstützt, indem sie auf Know-how, Netzwerk, Büros und andere Ressourcen zurückgreifen können – zumeist ohne Unternehmensanteile abgeben zu müssen. Ein sinnvolles Tempo steht mehr im Mittelpunkt als schnelles Wachstum.

Hub

Ein Hub ist ein „Knotenpunkt“ als Anlaufort für Nutzer, d.h. eine Schnittstelle, in der verschiedene Elemente zusammengeführt werden.

Accelerator

Ein Accelerator treibt als Beschleuniger den Wachstumsprozess in der Frühphase von Start-ups durch Know-how und Coaching von Spezialisten stark voran. Innerhalb eines im Vergleich zu Incubator-Modellen sehr begrenzten Zeitraums wird ein Produkt oder eine Dienstleistung entwickelt.

Open Space

Ein Open Space ist eine offene Plattform für Innovationen – ein Ort des kreativen Austauschs zwischen Köpfen aus vielen Disziplinen und Ländern.

Lab

In einem Lab wird in freier Form in Grenzbereichen von Themenfeldern geforscht. Es bietet die Möglichkeit, abseits gefestigter Strukturen mit neuen Technologien zu experimentieren.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der gedruckten Ausgabe N° 117 – Thema: Rising Stars/Digitalisierung. Das Heft können Sie hier bestellen.